Aachen. Mit rund 1200 Teilnehmern ist am heutigen Donnerstag (10. September) der 75. Deutsche Luft- und Raumfahrtkongress in Aachen zu Ende gegangen – es waren laut Veranstalter so viele Teilnehmer wie noch nie in der Geschichte dieses Formats. Drei Themenfelder prägten die drei Tage im Aachener „Eurogress“-Zentrum: neue Flugzeugprogramme und die dafür erforderlichen Kompetenzen, die wachsende strategische Bedeutung der Raumfahrt sowie Sicherheit und Verteidigung als technologische Herausforderung. Letzteres betraf vor allem die Bundeswehr …
Eröffnet worden war Deutschlands größtes wissenschaftlich-technisches Networking-Event der Luft- und Raumfahrt am 8. September (Dienstag) von Roland Gerhards und Cornelia Hillenherms, Präsident und Vizepräsidentin der Deutschen Gesellschaft für Luft- und Raumfahrt (DGLR). Silke Krebs, Staatssekretärin im Ministerium für Wirtschaft, Industrie, Klimaschutz und Energie des Landes Nordrhein-Westfalen, befasste sich in ihrem Grußwort mit dem Stellenwert der Luft- und Raumfahrt und skizzierte deren Bedeutung: von Navigation und Klima-Monitoring über den Katastrophenschutz bis hin zur Sicherheits- und Verteidigungsfähigkeit.
Das Programm bestand aus gut 450 Vorträgen und 70 Postersitzungen (Poster = Plattform, um aktuelle Forschungsergebnisse vorzustellen, Ideen auszutauschen und sich mit der nationalen und internationalen Luft- und Raumfahrt-Community zu vernetzen). Hinzu kamen sieben Plenarvorträge sowie Podiumsdiskussionen.
In einem der Vorträge zeigte Brigadegeneral Volker Pötzsch, seit März 2026 Chef des Stabes des Kommandos Cyber- und Informationsraum, wie stark sich die militärischen Anforderungen verändert haben. Daten seien für die Truppe mittlerweile „wie Munition“, so der Luftwaffenoffizier. Die Reaktionszyklen hätten sich aufgrund von Daten aus dem Weltraum von früher 75 Minuten auf heute Minuten und Sekunden atemberaubend verkürzt, wie sich etwa am Krieg in der Ukraine beobachten lasse.
Die Bundeswehr stütze sich dabei auf drei Säulen, erklärte Pötzsch: Satelliten-Kommunikation, Sensorik und Geoinformation. Moderne Kriegführung sei ohne die Nutzung des Weltraums nicht möglich und könne durch sie sogar entschieden werden.
Mit Blick auf den Zugang zum All schlussfolgerte der Brigadegeneral, dass das Raumfahrtzentrum Guayana bei Kourou im französischen Übersee-Département Französisch-Guayana (an der Küste des Atlantiks im Norden Südamerikas gelegen), im Krisen- und Kriegsfall nicht verlässlich nutzbar sei. Deutschland brauche deshalb eigene Startkapazitäten. Guayana/Kourou ist der offizielle Weltraumbahnhof der Europäischen Weltraumorganisation (ESA = European Space Agency).
Pötzsch war im Juli 1993 in die Bundeswehr eingetreten. Er absolvierte von Oktober 1994 bis März 1998 ein Studium der Informatik an der Universität der Bundeswehr München. Am 19. September 2003 promovierte er.
Die Bundeswehr nutzt nach wie vor den Startplatz im französischen Übersee-Département für den Transport schwerer Satelliten ins All. Guayana/Kourou ist aufgrund der Äquatornähe ideal für strategisch wichtige, geostationäre Satelliten. Das Verteidigungsministerium betont erst vor Kurzem wieder, dass der Startplatz und die Ariane-Infrastruktur auch weiterhin von „großer Bedeutung“ für die deutsche Weltraumarchitektur seien.
Allerdings muss bedacht werden, dass das Militär „Responsive Space“-Fähigkeiten – also die Möglichkeit, Spionage-Technik innerhalb weniger Tage oder Stunden in den Orbit zu schießen – benötigt. Transporte per Schiff nach Südamerika dauern einfach zu lange. Im Krisenfall brauchen die deutschen Streitkräfte eine Alternative.
Im Sommer dieses Jahres machte Verteidigungsminister Boris Pistorius öffentlich, dass die Bundeswehr mittlerweile eine eigene Start-Infrastruktur anstrebt. Hintergrund ist der veränderte Bedarf an militärischer Aufklärung und massenhaften Kleinsatelliten. Geplant ist eine Konstellation von mehr als 1000 dieser Himmelskörper. Die Kleinsatelliten sollen für die weltraumgestützte Frühwarnung (Stichwort „Abwehr von Hyperschallwaffen“), die signalerfassende Aufklärung sowie den Eigenschutz vor Angriffen gegnerischer Systeme im All eingesetzt werden.
Pistorius fokussiert sich dabei momentan auf europäische Start-up-Unternehmen wie den Münchner Raketenbauer Isar Aerospace – siehe hier. Deren Kleinrakete (Microlauncher) „Spectrum“ ist offenbar genau dafür ausgelegt, kleine Satelliten flexibel und reaktionsschnell in den Orbit zu befördern. Da europäische Startplätze wie Andøya (Norwegen) oder SaxaVord (Schottland) künftig ziemlich ausgelastet sein werden, lässt das Ministerium die Errichtung einer eigenen Startbasis für die Bundeswehr prüfen. Untersucht werden dafür unter anderem strategisch verteilte Standorte im Ausland (möglicherweise in Kanada) sowie mobile Meeresplattformen.
Wie begehrt die Satelliten-Plätze im Orbit vor allem vom Militär sind, zeigt ein Gemeinschaftsbeitrag von WDR und NDR, der nun am 16. September 2026 auch von der Tagesschau aufgegriffen wurde (siehe Link am Schluss). In dem Gemeinschaftsbeitrag berichten Florian Flade, Jörg Diehl und Manuel Bewarder über das Vorhaben von Russlands Präsident Wladimir Putin, eine eigene Alternative zu „Starlink“ zu schaffen. Dabei sollen eigene Satelliten-Konstellationen im Low Earth Orbit (LEO) ausgebaut werden.
Russland steht dabei unter Zugzwang. Im Krieg gegen die Ukraine hatte Putins Militär zunächst selbst das „Starlink“-Netzwerk nutzen können, bis das Unternehmen des Milliardärs Elon Musk im Februar dieses Jahres den Zugang für die Russen blockierte. Laut US-Militär und Geheimdiensten bedeutete das eine entscheidende Schwächung.
Das Autoren-Team Flade/Diehl/Bewader zitiert in seinem Beitrag aus einem vertraulichen Bericht der Bundeswehr. Dieser Bericht analysiert die Satelliten-Initiative Moskaus. Das von Putin hochgelobte System „Rasswet“ (zu Deutsch: „Morgendämmerung“) werde vermutlich erst in einigen Jahren umfassend einsatzbereit sein, wenn überhaupt, so Flade/Diehl/Bewader über die Bundeswehr-Einschätzung. Gleichzeitig werde in dem Dokument aber auch vor dem Fall gewarnt, dass Putins Pläne letztlich doch erfolgreich umgesetzt werden könnten.
In der Bewertung der Bundeswehr heißt es laut dem Autoren-Team, dass Russland „frühestens Ende 2027“ nach der angestrebten Inbetriebnahme des Systems „Rasswet-3“ mit 288 Satelliten aufgrund der geringen Satellitenanzahl „sehr wahrscheinlich nur eine bedingte Einsatzbereitschaft“ erreichen werde. Zukünftig soll die Satelliten-Anzahl nach russischen Angaben von 730 im Jahr 2030 auf 900 im Jahr 2035 steigen. Zum Vergleich: „Starlink“ verfügt schon jetzt über mehr als 10.000 Satelliten. Die Bundeswehr ist sich daher sicher: „Rasswet“ werde im Vergleich mit „Starlink“ „nahezu sicher nicht dessen Leistungsfähigkeit“ erreichen.
Lesetipp: https://www.tagesschau.de/investigativ/ndr-wdr/russland-satelliten-starlink-100.html.
Die Deutsche Gesellschaft für Luft- und Raumfahrt – Lilienthal-Oberth e.V. (DGLR) ist die wissenschaftlich-technische Vereinigung für alle Menschen, Unternehmen und Institutionen, die die Zukunft der Luft- und Raumfahrt aktiv mitgestalten wollen.
Rund 3000 Mitglieder, darunter 100 Unternehmen und Hochschulen, bilden den Kern der Experten-Community. Sie engagieren sich im Netzwerk und nutzen die DGLR als Plattform für den Wissensaustausch, die Innovationsförderung und die Weiterbildung.
Die beiden Aufnahmen zeigen:
1. Teilnehmer des 75. Deutschen Luft- und Raumfahrtkongresses im Veranstaltungszentrum „Europress Aachen“.
(Foto: Andreas Steindl, www.fotograf-aachen.de)
2. Verteidigungsminister Boris Pistorius bei seinem Besuch am 23. Juli 2026 beim Raumfahrtunternehmen Isar Aerospace. Neben ihm Daniel Metzler, Mitgründer und heute CEO der Ottobrunner Firma.
(Foto: Isar Aerospace)
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Weitere Informationen: https://www.thalesgroup.com/de/solutions-catalogue/defense/air/samp/t-ng-luftverteidigungssystem.
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