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Bonn/Koblenz/Berlin. Gibt es bei der Bundeswehr einen Reparatur-Stau, der die materielle Einsatzbereitschaft gefährden könnte? Aktuelle Medienberichte legen nahe, dass Waffensysteme und Fahrzeuge der deutschen Streitkräfte wegen fehlender Ersatzteile offenbar nicht in dem Maße genutzt werden können, wie geplant und notwendig. Dies alles geht aus einem internen Lagebericht eines zentralen Bundeswehr-Dienstleisters, der in Bonn ansässigen Heeresinstandsetzungslogistik GmbH (kurz HIL GmbH oder HIL), hervor, der als eine Art „Brandbrief von Führungskräften“ an die Öffentlichkeit gelangt ist. Mit dem Schreiben hatte sich zunächst die Recherche-Kooperation WDR, NDR und Süddeutsche Zeitung befasst. Gestützt wurde und wird der alarmierende Befund zudem von Insidern aus der Truppe.

Das Unternehmen HIL ist bundesweit für die Instandhaltung von landbasiertem Kriegsgerät wie Panzer und Haubitzen zuständig. Sie ist eine hundertprozentige Tochtergesellschaft des Bundesministeriums der Verteidigung. In einer Pressemitteilung des Westdeutschen Rundfunks (WDR) vom gestrigen Donnerstag (4. Juni) zu dem Fall heißt es: „Wie aus dem Brandschreiben […] hervorgeht, soll die HIL mit kurzfristigen Reparaturanforderungen aus dem Ministerium nicht hinterherkommen“.

Weiter zitiert der WDR aus dem Bericht: „Die Insider schreiben von chaotischen Planungen des Verteidigungsministeriums und einem akuten Mangel an Ersatzteilen. Dies führe dazu, dass mit einer ,Einschränkung der materiellen Einsatzbereitschaft wesentlicher Waffensysteme‘ zu rechnen sei. Letztlich gefährde die Lage insgesamt die Verteidigungsfähigkeit. Deutschland könnte so auch daran scheitern, ,Bündnisverpflichtungen verlässlich zu erfüllen‘“.

Fast die Hälfte einiger Waffensysteme im Mai nicht verfügbar

Insider-Angaben zufolge – so fährt der WDR in seiner Pressemitteilung fort – „soll im Mai 2026 beispielsweise lediglich rund die Hälfte des Bestands der Panzerhaubitze 2000 einsetzbar gewesen sein. Auch beim Schützenpanzer Marder und beim Radpanzer Boxer soll im Mai fast die Hälfte der Geräte in der Wartungs- und Reparaturschleife festgehangen haben“.

Zuständig für den Einkauf sämtlicher Rüstungsgüter und damit auch der Ersatzteile ist das Koblenzer Bundesamt für Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung der Bundeswehr (BAAINBw), ein Amt im Geschäftsbereich des Verteidigungsministeriums.

Nicht der Bestand zählt, sondern allein die Verfügbarkeit

Auch Branchenkenner und Experten aus dem Bereich der „Wehr- und Sicherheitspolitik kritisieren die Umsetzung der sogenannten „Zeitenwende“ durch die Bundespolitik. So lasse man das Beschaffungsamt „zwar Massen an neuem Großgerät kaufen, doch habe man sich zu wenig um eine belastbare Infrastruktur und Ersatzteil-Lieferketten für Wartungsfirmen wie die HIL gekümmert“, berichtet der WDR über die Vorwürfe.

Der CDU-Bundestagsabgeordnete Jens Lehmann, der Mitglied im Verteidigungsausschuss des Bundestages ist, sagte auf Medienanfrage: „Wir werden nicht danach gemessen in unserer Verteidigungsfähigkeit, wie viele Fahrzeuge wir im Bestand haben, sondern wie viele einsatzfähig sind.“ Lehmann fordert nun, dass das Thema „HIL“ im Ministerium zur Chefsache zu machen.

Viel neues Gerät gekauft, dabei aber die Ersatzteile vernachlässigt?

Auch die Süddeutsche Zeitung (SZ) befasst sich gestern ausführlich mit den Warnungen aus den Reihen der HIL und der Truppe. So berichtet die Zeitung unter Berufung auf den ihr vorliegenden „internen Brief“, es mangele unter anderem an Fachkräften und stabilen Lieferketten. Die SZ: „Die HIL ist nicht für die Beschaffung von Ersatzteilen verantwortlich, sondern das Beschaffungsamt, BAAINBw.“ Das BAAINBw habe zwar viel neues Gerät gekauft, aber zu wenig für verlässliche Ersatzteil-Lieferungen getan, listet auch das Blatt die Vorwürfe auf. Wichtige Bauteile für Panzerfahrzeuge seien oft nicht schnell genug oder in ausreichender Menge verfügbar.

Das Verteidigungsministerium will sich unter anderem aus Gründen der Geheimhaltung nicht zur Einsatzbereitschaft der deutschen Waffensysteme und des Geräts der Bundeswehr äußern. Man untersuche bereits, wie die Instandsetzung auch der vielen neuen militärischen Großgeräte bei der HIL sichergestellt werden könne, so erfuhr die Recherche-Kooperation. Der Dienstleister HIL ließ eine Medienanfrage unbeantwortet.


Kompakt                           

Die HIL Heeresinstandsetzungslogistik GmbH ist mit ihren drei Werken an den Standorten Darmstadt, Doberlug-Kirchhain und St. Wendel vertreten. Hinzu kommen fünf weitere Niederlassungen. Ursprünglich war die HIL am 16. Februar 2005 als Joint Venture zwischen dem Bund und der HIL Industrieholding GmbH gegründet worden. In der Holding hatten sich auch die Rüstungsunternehmen Rheinmetall, Kraus-Maffei Wegmann (heute KNDS Deutschland) und Diehl engagiert.

Im Januar 2013 übernahm der Bund die Anteile der Firmen. Seitdem ist die HIL GmbH mit ihren derzeit rund 3200 Mitarbeitern und einem geschätzten Jahresumsatz von etwa 630 Millionen Euro eine zu einhundert Prozent bundeseigene Tochter.


Zu unseren Aufnahmen:
1. Symbolbild „Reparatur von Bundeswehr-Großgerät“. Soldaten der Instandsetzungskompanie des damaligen Logistikbataillons 131 reparieren die Kette und das Fahrwerk eines Schützenpanzers Marder. Die Aufnahme wurde am 26. September 2011 während einer Informations- und Lehrübung auf dem Truppenübungsplatz Munster gemacht. Übrigens: Das Logistikbataillon 131 wurde im Jahr 2014 in das Versorgungsbataillon 131 umgegliedert und umbenannt; als Teil der Panzergrenadierbrigade 37 „Freistaat Sachsen“ untersteht es der 10. Panzerdivision.
(Foto: Katrin Selsemeier/Bundeswehr)

2. Blick in eine Halle der HIL GmbH mit Panzerhaubitzen 2000, die auf die Wartung beziehungsweise Reparatur warten.
(Foto: Bundeswehr)


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