Tel Aviv, Aschdod (Israel)/Bremen/Kiel/Eckernförde. Die Deutsche Marine übernahm am gestrigen Mittwoch (25. Februar) im Stützpunkt Eckernförde das erste autonome Unterwasserfahrzeug „BlueWhale“ für den Bereich „Anti Submarine Warfare“ (ASW). Das System ist eine Gemeinschaftsentwicklung von TKMS (frühere Firmenbezeichnung ThyssenKrupp Marine Systems) beziehungsweise der TKMS-Tochter Atlas Elektronik und dem israelischen Unternehmen Israel Aerospace Industries, kurz IAI. Das für weiträumige Aufklärung ausgelegte Seefahrzeug hat eine Länge von 10,9 Metern, einen Durchmesser von 1,12 Metern und wiegt 5,5 Tonnen. Nach der Übergabe des ersten Systems soll die Serienproduktion folgen, um den operativen Bedarf der Marine zu decken.
Die Plattform „BlueWhale ASW“ war zuvor in zahlreichen Erprobungen intensiv getestet worden und hatte dabei erfolgreich eine große Bandbreite an Missionen – darunter ISR (Intelligence, Surveillance & Reconnaissance), EW/ESM (Electronic Warfare Support Measures) sowie MCM (Mine Countermeasures) – erfüllen können. Wir hatten darüber im Mai 2023 ausführlich berichtet – siehe hier.
An der Übergabe des Unterwasserfahrzeugs nahmen auch Jens Plötner, Staatssekretär im Bundesministerium der Verteidigung (zuständig unter anderem für Rüstung), sowie Vizeadmiral Jan Christian Kaack, Inspekteur der Marine, teil.
„BlueWhale“ ist das erste vollständig autonome große Unterwasserfahrzeug (Large Unmanned Underwater Vehicle) seiner Art, das Aufklärung, Sensorik und Datenfusion in einem einzigen System vereint. Entwickelt wurde es von IAI, einem weltweit führenden Anbieter von Luftfahrt- und Verteidigungssystemen aus Israel. TKMS und sein Geschäftssegment Atlas Elektronik haben das Anti-Submarine-Warfare-Schleppsonar in das Gemeinschaftsprojekt integriert.
Vizeadmiral Kaack sagte bei der Übergabe in Eckernförde: „Mit der Übernahme des ersten ,BlueWhale‘ setzen wir den ,Kurs Marine 2035+‘ in Sachen Einführung unbemannter Systeme unter Wasser konsequent um. Wir haben auf Bewährtes am Markt gesetzt, Entscheidungswege radikal verkürzt und die Truppe von Anfang an in die Anforderungen eingebunden. Und das in wenigen Monaten statt Jahren – Lichtgeschwindigkeit in der Beschaffung sozusagen. Der Aufbau einer hybriden Flotte startet genau jetzt.“
Staatssekretär Plötner ergänzte: „Mit der heutigen Übergabe des ersten ,BlueWhale‘ zeigen wir deutlich, dass wir im Bereich der Beschaffung die Aussage ,Zeit ist der entscheidende Faktor‘ ernst meinen. Dieser Erfolg basiert auf der flexiblen Nutzung aller zur Verfügung stehenden Instrumente und der engen, zielorientierten Zusammenarbeit aller Beteiligten. Jetzt kommt es darauf an, auf dieser Basis in die Serienproduktion einzusteigen, um auch den operativen Bedarf der Marine schnellstmöglich zu decken.“
Mit dem „Kurs Marine 2035+“ skizziert der Inspekteur die Vision der Marineführung hinsichtlich der Transformation hin zu einer hybriden Teilstreitkraft, in der unbemannte Systeme ein selbstverständlicher Teil maritimer Operationen sind. So sollen beispielsweise – ergänzend zu bemannten Ubooten – zukünftig unbemannte Unterwasserfahrzeuge Aufgaben in der Unterwasseraufklärung übernehmen.
Das „BlueWhale“-Fahrzeug ist genau für solche Zwecke gedacht. Entwickelt für die Aufklärung auf See und die Ubootjagd, war das System bereits Ende 2024 im Rahmen der Experimentalkampagne „OPEX BlueWhale“ durch die Marine und die WTD 71 in Eckernförde intensiv getestet worden (WTD 71 = Wehrtechnische Dienststelle für Schiffe und Marinewaffen, Maritime Technologie und Forschung 71). Die Ergebnisse dieser Seeversuche waren derart überzeugend, dass kurz darauf die beschleunigte Beschaffung des Systems erfolgen konnte.
Michael Ozegowski, Executive Vice President von TKMS Atlas Elektronik, äußerte sich bei der Übergabe des ersten „BlueWhale“ wie folgt: „TKMS baut seine Fähigkeiten im autonomen Bereich konsequent aus. Wir sind stolz, die Teilstreitkraft im Rahmen ihres Zukunftsplans ‚Kurs Marine 2035+‘ zu unterstützen und mit unseren Lösungen aktiv auf aktuelle sicherheitsrelevante Bedrohungen zu reagieren. Die schnelle Einführung neuer Technologien ist ein gemeinsames Ziel von Industrie und Bundeswehr und wird letztendlich wesentlich die Verteidigungsfähigkeit Deutschlands stärken.“
Auch Boaz Levy, Präsident von IAI, warb in Eckernförde für sein Unternehmen. Der CEO: „Die autonomen Systeme von IAI in der Luft, auf See, an Land und im Weltraum bieten einen erheblichen technologischen Vorteil, während sie gleichzeitig die Fähigkeit verbessern, das Leben von Soldaten im Einsatz zu schützen. Die Lieferung des ,BlueWhale‘ an die Deutsche Marine zeigt die enge Zusammenarbeit mit TKMS Atlas Elektronik und das gegenseitige Vertrauen zwischen Israel und Deutschland.“
Einer TKMS-Pressemitteilung können weitere Details zu dem „BlueWhale“-System entnommen werden. Dort heißt es unter anderem: „Das autonome Unterwasserfahrzeug wurde entwickelt, um unsere Marine bei der Abwehr unbemannter Uboote und verdeckten maritimen Missionen zu unterstützen. ,BlueWhale‘ ist in der Lage, Aufklärungsoperationen durchzuführen, Ziele über und unter der Meeresoberfläche zu erkennen, akustische Informationen zu sammeln und Seeminen auf dem Meeresboden zu lokalisieren.“
Und weiter erfahren wir: „Das System agiert als verlängerter Sensorarm bemannter Plattformen, operiert über lange Zeiträume selbständig und deckt weite Seegebiete ab. Die perspektivische Einbindung des ,BlueWhale‘ in den Gesamtverbund unterstreicht das integrierte Systemdenken von TKMS.“
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Zu unserem Bildmaterial:
1. Die Deutsche Marine hat das Unterwasserfahrzeug ausgiebig im November 2024 in der Eckernförder Bucht bei der Experimentalkampagne „OPEX BlueWhale“ getestet (OPEX = Operational Experimentation). Der Teilstreitkraft zufolge ist „OPEX ein Werkzeugkasten zur Förderung von Innovationen“. Die zentrale Idee hierbei ist es, „neue Ansätze und Technologien schnell und umfassend unter möglichst realistischen Bedingungen gemeinsam mit den mit Innovation befassten Bereichen der Bundeswehr zu testen“. Beteiligt an OPEX sind unter anderem der Bereich „Fähigkeitsentwicklung“ im Marinekommando, das Zentrum Einsatzprüfung der Marine, das Planungsamt sowie das Beschaffungsamt (BAAINBw) mit seiner unterstellten WTD 71.
(Foto: Marcel Kröncke/Bundeswehr)
2. „BlueWhale“-Übergabe am 25. Februar 2026 im Marinestützpunkt Eckernförde. Von links: Vizeadmiral Jan Christian Kaack, IAI-Vorstandsvorsitzender Boaz Levy und Michael Ozegowski von TKMS Atlas Elektronik.
(Foto: Oliver-Lucca Stamm/Bundeswehr)