Kiel/Berlin. Es war ein Interview, das Wellen schlug – besonders im Bundesministerium der Verteidigung in Bonn und Berlin, den beiden ministeriellen Dienstsitzen. Im Gespräch mit Claus Hulverscheidt, Korrespondent der Süddeutschen Zeitung (SZ) in der Bundeshauptstadt, kritisierte der bekannte Ökonom Moritz Schularick im August Verteidigungsminister Boris Pistorius scharf. Für die Modernisierung der Bundeswehr müsse gezielt in Waffensysteme der Zukunft investiert werden – und nicht in alte Kriegstechnik wie Panzer und Kampfjets, forderte der Präsident des Kiel Instituts für Weltwirtschaft (IfW). Der Minister wies Schularicks Kritik später entschieden zurück.
IfW-Leiter Schularick wirft – auf den Punkt gebracht – Pistorius vor, in veraltete Technik zu investieren. Statt die ihm bis 2030 für Verteidigung und Aufrüstung zur Verfügung stehenden Mittel gezielt in Waffensysteme der Zukunft zu investieren, gebe der SPD-Minister einen Großteil des Geldes weiter für Panzer, Fregatten und andere veraltete Technologien aus, so Schularick im SZ-Interview.
Der Wirtschaftswissenschaftler erklärte: „Wir haben viel Kapital, viel industrielles Know-how und in Teilbereichen auch immer noch hochmoderne Technologien. Was wir nicht haben, sind Hunderttausende Menschen, die in Panzer steigen und an die Front fahren können.“ Dies bedeute, so Schularick, statt auf mehr Soldaten, mehr bemannte Fahrzeuge und mehr Kasernen zu setzen, müsse Deutschland – wo immer möglich – nun vielmehr auf KI, Robotik, Drohnen und Satellitentechnik bauen.
Das 700 Milliarden Euro schwere Programm zur Modernisierung der Bundeswehr droht nach den Worten Schularicks „zu verpuffen“. Er schlägt deshalb unter anderem einen Koordinator im Kanzleramt vor, der bei der Beschaffung Start-ups und etablierte Unternehmen mit Ministerien zusammenbringt. Vorstellbar sei hier der frühere Telekom-Vorstandschef René Obermann oder Ex-Airbus-Chef Tom Enders.
Insgesamt hält der IfW-Präsident das Bundesministerium der Verteidigung „für zu langsam und überfordert mit der Neuorganisation der deutschen und europäischen Verteidigungsstrategie“. Schularick plädiert darüber hinaus für eine grundlegend neue Herangehensweise bei der Rüstungsbeschaffung – sowohl in der Bundesregierung als auch bei der Industrie. Es reiche nicht, viel Geld auszugeben und die Bestände der Bundeswehr aufzufüllen. Statt hochkomplexe, maßgefertigte Panzer in kleiner Stückzahl oder 200 Flugabwehrraketen zu ordern, müsse es darum gehen, endlich große Produktionskapazitäten aufzubauen.
Der Ökonom führte an dieser Stelle aus: „Wir bestellen nicht mehr das einzelne Gerät, sondern die ganze Fabrik, die dann im Ernstfall sehr rasch 2000 statt 200 Raketen pro Jahr produzieren kann.“ Weil sich das Vorhalten einer solchen Fabrik in Friedenszeiten für ein Unternehmen nicht rechne, müsse der Staat „eine Ausfallprämie“ dafür zahlen.
Schon einmal musste Minister Pistorius auf Kritik, er investiere in veraltete Technik, reagieren. Er sagte dazu im Juli, der Krieg in der Ukraine zeige, dass man auch alte Systeme wie Panzer, Schiffe, Flugzeuge und Infanterie brauche. Aber Deutschland setze auch auf mehr Drohnen und unbemannte Systeme –bei der Drohnentechnik sei Deutschland jetzt schon an der Spitze in Europa, gab Pistorius im Sommer zu bedenken.
Jetzt, nach der letzten September-Sitzung des Verteidigungsausschusses, befasste sich der Sozialdemokrat auf Nachfrage von Pressevertretern ausführlich mit der Kritik aus Kiel. Der Vorwurf, es werde zu viel Geld in veraltete Technologie gesteckt, führe „schlicht und ergreifend in die falsche Richtung“, wehrte sich Pistorius. Dabei verwies er beispielhaft auf den neuen Kampfpanzer Leopard 2A8 der Bundeswehr. „Der ist alles, aber kein Altmetall – das ist ein Hightech-Gerät“, so der Minister.
Auch neue Technologien spielten für die deutschen Streitkräfte eine große Rolle, fuhr Pistorius fort. So gebe es erstmals auch ein eigenes Förderprogramm für zivile Hochschulen und Institute, die in diesen Bereichen forschen wollen. Weiter erinnerte er daran: „KI spielt ebenfalls eine zentrale Rolle. Auch unbemannte Systeme zu Wasser, zu Luft und an Land nehmen in unseren Beschaffungsvorhaben der kommenden Monate eine zentrale Rolle ein.“ Der Vorwurf aus dem IfW sei schlicht falsch“, beendete der Verteidigungsminister sein Statement. „Wir wissen sehr genau, in welche Richtung wir schauen müssen und welche Beschaffungen dafür notwendig sind.“
Unterstützung bekommt Boris Pistorius von prominenter Seite aus der Rüstungsindustrie. Armin Papperger, Vorstandsvorsitzender der Rheinmetall AG, äußerte sich zu der Debatte um die militärische Beschaffung und die Waffensysteme der Zukunft jetzt gegenüber der Polit-Redaktion Table.Briefings.
Der Konzern-Chef weist die Schularick-Kritik am Rüstungsmix der Bundeswehr ebenfalls zurück. Ein Mix aus herkömmlicher und aus neuer Militärtechnologie sei entscheidend, um den Anforderungen der NATO gerecht zu werden, so Papperger. Wirtschaftswissenschaftler wie Moritz Schularick seien nicht die besseren Generäle, meinte der Konzernchef in diesem Zusammenhang spitz.
Das Bundesministerium der Verteidigung (beziehungsweise das Beschaffungswesen) hat im aktuellen Geschäftsjahr 2026 bereits mehrere Milliardenaufträge und Nachbestellungen bei Rheinmetall platziert, um Ausrüstungslücken zu schließen und die Truppe weiter zu modernisieren.
Das Kiel Institut für Weltwirtschaft (kurz IfW Kiel) ist ein Zentrum global-ökonomischer Forschung mit Sitz in der schleswig-holsteinischen Landeshauptstadt. Es zählt zu den sechs führenden deutschen Wirtschaftsforschungsinstituten, die als Mitglieder der Leibniz-Gemeinschaft zu gleichen Teilen vom Bund und der Gemeinschaft der Bundesländer finanziert werden.
In einer Selbstdarstellung der Einrichtung heißt es: „Das IfW Kiel ist das führende Forschungsinstitut für internationale Wirtschaftsfragen in Deutschland und zählt zu den angesehensten Einrichtungen in Europa und weltweit. Es verbindet Spitzenforschung auf dem Niveau führender Universitäten mit sichtbarem und nachhaltigem Einfluss auf die internationale Wirtschaftspolitik.“ Und: „Wir sind zutiefst dem Ziel verpflichtet, spürbare Wirkung zu entfalten – durch politisch relevante Forschung und wissenschaftlich fundierte Politikberatung. Mit unserer Forschung bringen wir neue Themen und Ideen auf die politische Agenda und prägen die wirtschaftspolitische Debatte in Deutschland, Europa und weltweit. Wir setzen uns dafür ein, Erkenntnisse aus datenbasierter Forschung in politische Entscheidungsprozesse und in die öffentliche Diskussion zu übertragen.“
Seit dem 1. Januar 2007 ist das Institut eine rechtsfähige Stiftung des öffentlichen Rechts des Landes Schleswig-Holstein. Es beschäftigt etwa 160 Personen, davon mehr als 100 Wissenschaftler. Die Institutsleitung besteht seit dem 1. Juni 2023 aus einem zweiköpfigen Vorstand, dem Präsidenten und Wissenschaftlichen Leiter Moritz Schularick und der Geschäftsführenden Administrativen Direktorin Birgit Austen.
Zu unserem Bildmaterial:
1. Mehr Drohnen und weniger Panzer – eine zentrale Forderung von IfW-Präsident Moritz Schularick. Das KI-erzeugte Symbolbild zeigt einen Kampfpanzer Leopard 2 der Bundeswehr, über dem Kettenfahrzeug Drohnen. Die unbemannten Systeme, meist mit Sprengstoff beladen, werden auf dem Schlachtfeld – siehe Ukrainekrieg – immer mehr zum dominierenden Gefechtselement.
(Bild: KI-generiert; Nachbearbeitung: mediakompakt)
2. Moritz Schularick, seit 2023 Präsident des Kiel Instituts für Weltwirtschaft/IfW. Der Ökonom ist außerdem Professor für Volkswirtschaftslehre an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel sowie an Sciences Po in Paris, einer international renommierten Forschungsuniversität für Geistes- und Sozialwissenschaften.
(Foto: Dustin Preick/Wikipedia/Wikimedia Commons/unter Lizenz CC BY-SA 4.0 –
vollständiger Lizenztext: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/)
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