Berlin/London (England)/Kuala Lumpur (Malaysia). Die Weltmeere sind 2025 wesentlich unsicherer geworden: Das in London ansässige Internationale Schifffahrtsbüro/International Maritime Bureau (IMB) der Internationalen Handelskammer/International Chamber of Commerce (ICC) meldet jetzt in seinem neuesten Jahresbericht einen spürbaren Anstieg von Piraterie- und Gewaltvorfällen auf See. Der Bericht zeichnet ein klares Lagebild – die Risiken für Handelsschiffe und ihre Besatzungen nehmen wieder zu, mit einem geografischen Schwerpunkt in Südostasien. IMB ist eine spezialisierte ICC-Abteilung für Kriminalität auf See. Das Büro besitzt unter anderem einen Beobachterstatus bei Interpol und unterhält seit 1992 ein rund um die Uhr besetztes Meldezentrum für Piraterie in der malaysischen Hauptstadt Kuala Lumpur.
Weltweit sind im vergangenen Jahr 137 Vorfälle registriert worden – ein Plus von mehr als 18 Prozent gegenüber 2024 (116 Vorfälle). In 121 Fällen wurden Schiffe geentert, vier wurden entführt, zwei wurden beschossen und auf zehn wurden Angriffe versucht. IMB warnt: „Auch wenn viele Zwischenfälle als ,geringfügig‘ eingestuft werden konnten, so bleibt die Lage für Seeleute dennoch ernst und angespannt.“
Hierzu sprechen die Zahlen für 2025 eine deutliche Sprache: 46 Besatzungsmitglieder wurden als Geiseln genommen, 25 wurden entführt, zehn Seeleute wurden bedroht, vier verletzt und drei angegriffen. Besonders alarmierend: Schusswaffen kamen im vergangenen Jahr bei 42 Attacken zum Einsatz – deutlich mehr als noch im Jahr zuvor (26).
Oliver Wieck, Generalsekretär von ICC Germany, ordnet das Geschehen ein. Er erklärte nach Erscheinen des Jahresberichts: „Der Seehandel ist zentral für wirtschaftliche Entwicklung und Wachstum. Werden Handelsrouten beeinträchtigt, trifft das die Weltwirtschaft unmittelbar. Der IMB-Bericht macht deutlich, wie entscheidend der Schutz der maritimen Handelsrouten – und vor allem der Besatzungen – ist. Internationale und regionale Partner müssen diesem Schutz höchste Priorität einräumen.“
Mit 80 gemeldeten Vorfällen (2024 waren es lediglich 43) hat sich die Straße von Singapur 2025 zum weltweit gefährlichsten Hotspot entwickelt – 58 Prozent aller globalen Seepiraterie-Meldungen betrafen diese maritime Region.
Auffällig ist der qualitative Wandel: Obwohl viele Überfälle als geringfügig klassifiziert werden konnten, stieg der Waffenbesitz bei den Tätern massiv an (27 Meldungen gegenüber acht im Jahr 2024). In der zweiten Jahreshälfte ging die Zahl der Vorfälle allerdings deutlich zurück, nachdem es der indonesischen Marinepolizei im Juli 2025 gelungen war, gleich zwei Banden zu zerschlagen.
Vor der Küste Somalia blieb Gott sei Dank ein erneuter Anstieg der Piraterie aus. Zwei Vorfälle im November – weit vor der somalischen Küste – zeigen jedoch, dass kriminelle Gruppen weiterhin über große Distanzen operieren können. In beiden Fällen verhinderten gut vorbereitete Schiffsbesatzungen und die schnelle Reaktion von Seestreitkräften Schlimmeres.
Die Europäische Union (EU) bekämpft die Piraterie vor der Küste Somalias nach wie vor primär durch die Marineoperation EU NAVFOR Somalia – Operation „Atalanta“. Die Sicherheitsoperation war zuletzt bis Februar 2027 verlängert worden.
Die Beteiligung der Deutschen Marine an „Atalanta“ am Horn von Afrika war nach fast 14 Jahren offiziell am 30. April 2022 zu Ende gegangen. Der Bundestag hatte einer Verlängerung des Mandats nicht mehr zugestimmt, womit der Einsatz nach dem 32. Deutschen Einsatzkontingent und dem Abzug aus Dschibuti offiziell abgeschlossen werden konnte. Ein Sprecher des Verteidigungsministeriums sagte damals gegenüber der Deutschen Presse-Agentur: „Das Ziel der Operation, die Piraterie auf ein tolerierbares Niveau zu drücken, wurde eindrucksvoll erreicht.“
Auch im Golf von Guinea blieb die Lage dank regionaler Anstrengungen relativ sicher: In den vergangenen zwölf Monaten wurden laut IMB 21 Vorfälle registriert (2023 waren es 22 Fallzahlen gewesen, 2024 dann ein Rückgang auf 18). Die Bundespolizei hatte im April 2024 in einem Onlinebeitrag darauf hingewiesen: „Die überwiegend aus Nigeria stammenden Piraten zeichnen sich durch eine hohe Gewaltbereitschaft aus. Sie verfügen über Schnellboote und in Einzelfällen technisch hochwertige Ausrüstung. Zudem besitzen sie offensichtlich Informationen zu anlaufenden Fahrzeugen und vereinbarten Positionen von so genannten Ship-to-Ship-Operationen.“
Trotz der offenbar stabilen Lage in diesem Teil der maritimen Welt warnt das IMB dennoch vor Nachlässigkeit: „Entführungen, Geiselnahmen und Verletzungen zeigen, dass Gewalt weiterhin ein Teil des Risikoprofils ,Golf von Guinea‘ bleibt.“
In ihrem Fazit stellt das International Maritime Bureau voller Sorge fest, dass die Seepiraterie-Zahlen insgesamt wieder deutlich ansteigen, es immer häufiger zu einem Waffeneinsatz kommt und strategische Nadelöhre auf den Weltmeeren mehr und mehr unter Druck geraten. Die IMB-Warnung fällt eindeutig aus, wir zitieren den Jahresbericht 2025: „Wo Marinepräsenz, Koordination und Bordmaßnahmen greifen, sinkt das Risiko – wo diese Faktoren allerdings nachlassen, füllen kriminelle Netzwerke sogleich die entstehende Lücke.“
Über einen besorgniserregenden Trend vor Somalia berichtete am 29. April 2026 das Magazin DER SPIEGEL. Demnach nimmt am Horn von Afrika die Piraterie seit einigen Wochen wieder zu. Zuletzt wurde vor Somalia am 26. April der Zementfrachter „Sward“ gekapert, nur fünf Tage zuvor der Motortanker „Honour 25“, der Öl an Bord hatte. Übereinstimmenden Medienbeiträgen zufolge sind neben der „Sward“ in den vergangenen Wochen mindestens drei weitere Schiffe entführt worden, darunter auch ein Fischereifrachter.
Die Informationen des SPIEGEL stammen eigenen Angaben zufolge zum Teil von lokalen Behörden wie etwa dem Maritimen Sicherheitszentrum für den Indischen Ozean/Maritime Security Center Indian Ocean (MSCIO).
Zu unserem Bildmaterial:
1. Bewaffnete Kräfte durchsuchen auf offener See ein auffälliges Boot mit mehreren Verdächtigen an Bord.
(Foto: Scott Taylor/U.S. Navy)
2. und 3. Angriffe von Seepiraten und bewaffneten Banden auf den maritimen Welthandel – zwei aussagekräftige Schaubilder aus dem Jahresbericht 2025 des International Maritime Bureau.
(Grafiken: IMB; Bildmontage: mediakompakt)
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