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Berlin/Essen. Der Investigativ-Journalist Till Eckert, der seit 2019 für CORRECTIV arbeitet, berichtet in einem Beitrag für das Essener Recherchezentrum über die ersten Erkenntnisse des am 16. Juni dieses Jahres eröffneten Gemeinsamen Zentrums zur Abwehr hybrider Bedrohungen – kurz GAZ Hybrid oder GAZH – in Berlin. Interne Papiere des GAZH, die CORRECTIV einsehen konnte, zeigen Eckert zufolge, dass Nachrichtendienste und Ermittler bereits an Hunderten Fällen arbeiten. In Dutzenden Fällen seien Ermittlungen oder Vorermittlungen eingeleitet worden.

Bei der Eröffnung des GAZH (siehe hier) hatte Bundesinnenminister Alexander Dobrindt ausgeführt: „Hybride Bedrohungen sind schon längst zur täglichen Bedrohung geworden. Im neuen Zentrum vereinen die Sicherheitskräfte von Bund und Ländern, von Polizei, Verfassungsschutz und Sicherheit in der Informationstechnik ihre Fähigkeiten. Wir schützen unser Land gegen feindliche Akteure und sichern die Stabilität unserer Infrastruktur, unserer Wirtschaft und unserer Demokratie. Wir investieren in Vorsorge. Mit Lagebildern, täglichem Informationsaustausch und koordinierter Reaktion erhöhen wir mit dem Abwehrzentrum unsere Widerstandsfähigkeit.“

Das neue GAZH soll helfen, Kampagnen und Attacken von Staaten frühzeitig zu erkennen, um Gegenmaßnahmen zu ergreifen. In einer Pressemitteilung des Bundesinnenministeriums heißt es dazu: „Zentrale Aufgabe des [neuen Zentrums] ist es, Spionage, Sabotage, Desinformation, Proliferation, transnationale Repression, Staatsterrorismus und weitere Formen hybrider Bedrohungen zu erkennen und zu bekämpfen“.

Bild über die Gefahrenlage mit konkreten Zahlen zu neuen Angriffsmustern

Die Papiere, die Eckert für CORRECTIV einsehen konnte, erlauben eine konkrete Einschätzung der aktuellen Arbeiten beim GAZH. Sie vermittelt nicht nur einen Eindruck über die Gefahrenlage, sondern liefert erstmals auch konkrete Zahlen zu neuen Angriffsmustern. In dem Lagebild des neuen Zentrums, das Vorfälle aus mehreren Wochen im Juli und August zusammenfasst, heißt es als Fazit vorab: „Die hybride Bedrohungslage in Deutschland ist seit geraumer Zeit dauerhaft hoch und zunehmend komplex.“ Es werden anschließend Gesamtjahreszahlen bis zum Stichtag 19. August 2026 aufgelistet.

Bei den GAZH-Lagebildern laufen Informationen des Bundesgerichtshofs, des Generalbundesanwalts, des Bundesnachrichtendiensts, des Militärischen Abschirmdiensts, des Bundesamtes für Verfassungsschutz, des Zollkriminalamts sowie der 16 Landesverfassungsschutzämter, des Bundeskriminalamts sowie der 16 Landeskriminalämtern ein.

Drohnenflüge, Sabotage, Spionage und Waffen-Proliferation

Bis zum Stichtag 19. August 2026 wurden folgende hybride Attacken auf die Bundesrepublik von den Sicherheitsbehörden registriert:
– 1034 Drohnenüberflüge über kritischen Infrastrukturen, militärischen Einrichtungen und Rüstungsunternehmen. Überdurchschnittlich betroffen war in den Frühlings- und Sommermonaten Mai bis August Niedersachsen.

– 162 Sabotageverdachtsfälle, darunter bei Eisenbahnanlagen, Einrichtungen der Bundeswehr, Umspannwerken, Energie-Infrastruktur, Funkmasten und Verwaltungsgebäuden. Besonders betroffen in den Monaten Mai bis August wieder Niedersachsen.

– 25 eingeleitete Spionage-Ermittlungen, darunter 13 im Zusammenhang mit Cyber-Spionage (das nachrichtendienstliche Eindringen in interne Netzte in Deutschland), sowie 39 Vorermittlungen.

– 12 mutmaßliche Fälle illegaler Beschaffung von Technologie oder Fachwissen im Zusammenhang mit Massenvernichtungswaffen (Proliferation). In sieben Fällen wurde Russland als Zielland angegeben, in drei Fällen Iran, in einem Fall Belarus, in einem weiteren der Irak.

Transnationale Repression jetzt eigene Kategorie in der Statistik

Zum Tatbestand „transnationale Repression“ war bislang keine seriöse Gefahreneinschätzung möglich gewesen. Damit sind Vorfälle gemeint, in denen fremde Staatsbürger oder deutsche Staatsbürger von fremden Mächten ausgespäht, eingeschüchtert oder verfolgt werden. Besonders betroffen sind laut Bundesinnenministerium im Ausland lebende Oppositionelle, Menschenrechtsaktivisten, Journalisten sowie Angehörige von Diaspora-Gemeinschaften. Das Phänomen wird von den Sicherheitsbehörden als Teil von Spionage gewertet.

Aus den GAZH-Papieren wird deutlich, so CORRECTIV-Autor Eckert, dass sich die beteiligten deutschen Dienste nun erstmals auf eine gemeinsame Definition zum Thema „transnationale Repression“ einigen konnte. Damit können derartige Fälle künftig als eigene Kategorie in die polizeiliche Statistik aufgenommen werden.

Für das momentane Lagebild wurde auf Fälle zurückgegriffen, die das Bundeskriminalamt registriert hat. Demnach kam es vom 17. Juni bis zum Stichtag 19. August zu insgesamt 20 Fällen von mutmaßlicher transnationaler Repression. Neun der Fälle können auf den Iran zurückgeführt werden, drei auf Russland, ein Fall auf China. Bei vier Fällen werden die möglichen Urheber nicht näher benannt

Flughafen Leipzig/Halle – Drohnen mit Militärsprengstoff Semtex bestückt

Nur wenige Wochen nach der Eröffnung des Gemeinsamen Abwehrzentrums Hybrid in der Bundeshauptstadt ist Deutschland übrigens nur knapp einem Anschlag mit schwerwiegenden Folgen entgangen. In der Nacht vom 4. auf den 5. August hatte eine mit dem Militärsprengstoff Semtex bestückte Drohne beinahe ukrainische Flugzeuge auf dem Flughafen Leipzig/Halle zerstört.

Außerdem kollidierte mutmaßlich eine Drohne mit einem Frachtflugzeug in der Luft, ohne dabei größeren Schaden anzurichten. Ein Rechercheverbund von WDR, NDR und Süddeutscher Zeitung berichtet ferner, es seien noch Hinweise auf eine dritte Drohne und weiteren Sprengstoff aufgetaucht.

Der Generalbundesanwalt hat in den skizzierten Fällen die Ermittlungen wegen des Verdachts der Herbeiführung einer Sprengstoffexplosion und gefährlichem Eingriff in den Luftverkehr übernommen. Aufgrund des verwendeten Sprengstoffs und der Professionalität des Vorgehens gehen die Sicherheitsbehörden von einem staatlichen Akteur hinter dem Anschlag aus – vermutet wird Russland.


Kompakt                           

CORRECTIV ist nach eigenen Angaben Deutschlands größtes gemeinwohlorientiertes Medienhaus. In einer Selbstdarstellung heißt es: „Mit Journalismus, Medienbildung und offenen Technologien stärken wir die Demokratie. Als vielfach ausgezeichnete Redaktion stehen wir für investigativen Journalismus. Mit Faktenchecks, Bildungsangeboten und Dialogformaten fördern wir eine informierte Öffentlichkeit und ermöglichen Teilhabe – lokal, überregional und europaweit.“

Das Medienunternehmen hat seinen Sitz in Essen und einem weiteren Standort in Berlin. Betrieben wird es von der Correctiv – Recherchen für die Gesellschaft gemeinnützige GmbH, die auch die Online-Journalistenschule „Reporterfabrik“ betreibt. Gegründet worden war CORRECTIV im Dezember 2013 von dem Journalisten David Schraven, der zuvor das Rechercheressort der Funke-Mediengruppe geleitet hatte. Am 14. Juli 2014 nahm CORRECTIV die praktische Arbeit auf.

Seit der Gründung ist das Unternehmen mit mehr als 50 Preisen für seine journalistische Arbeit ausgezeichnet worden. Unter anderem mit dem Grimme-Online-Award, dem Nannen-Preis, dem Helmut-Schmidt-Journalistenpreis, dem Otto-Brenner-Preis für kritischen Journalismus und dem Deutsch-Französischen Journalistenpreis.

Auch eine Auszeichnung: Im Oktober 2025 wurde CORRECTIV in Russland als „unerwünschte Organisation“ eingestuft. Damit sind Aktivitäten des Mediums in Russland komplett verboten, jede Zusammenarbeit russischer Bürger mit der deutschen Rechercheplattform wird von den Behörden verfolgt. Nach Bekanntwerden der Kreml-Sanktion erklärte eine CORRECTIV-Sprecherin: „Die Reaktion Moskaus zeigt, wie wichtig unsere Arbeit ist – und dass sie wirkt. Unser Team recherchiert zu russischer Desinformation und zu den Machtstrukturen, die Putin in Europa aufbaut – und legt Zusammenhänge offen, die zuvor nicht öffentlich zugänglich waren.“


Unser Bildmaterial: Hinweistafel im Bereich des Gemeinsamen Zentrums zur Abwehr hybrider Bedrohungen in Berlin.
(Foto: nr; Bildbearbeitung und -gestaltung: mediakompakt)

Kleines Beitragsbild: CORRECTIV-Onlinebeitrag „Hybride Angriffe auf Deutschland“ vom 20. Oktober 2026, Ausriss.
(Bildbearbeitung und -gestaltung: mediakompakt)


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