Berlin. Die Entsendung von Bundeswehrangehörigen in Krisen- und Konfliktgebiete hat immer einen Preis: finanziell, politisch und vor allem menschlich. Allein während des Afghanistaneinsatzes der Bundeswehr sind 125 deutsche Soldatinnen und Soldaten im Rahmen von Kampfhandlungen verwundet worden. 180 hatten sich beim Sport oder bei Verkehrs-, Dienst- und Arbeitsunfällen verletzt. Zudem sind tausende Einsatzveteranen während ihrer Zeit am Hindukusch traumatisiert worden (so eine Antwort der damaligen Bundesregierung vom März 2018). Vor dem Hintergrund dieser Zahlen und veteranenpolitischen Diskussionen um gesellschaftliche Anerkennung und Wertschätzung nimmt die Debatte um die Einführung eines Verwundetenabzeichens für deutsche Kräfte aktuell wieder Fahrt auf.
Marcel Bohnert ist Oberstleutnant im Generalstabsdienst der Bundeswehr und Non-Resident Fellow am Institut für Sicherheitspolitik der Universität Kiel. Als Stellvertretender Bundesvorsitzender des Deutschen Bundeswehr-Verbandes (DBwV) engagiert er sich leidenschaftlich für eine stärkere Sichtbarkeit von männlichen und weiblichen Veteranen. Der Panzergrenadieroffizier wirkte maßgeblich an der Einführung des Nationalen Veteranentages mit, den das Parlament im April 2024 beschloss hatte und der 2025 erstmals bundesweit begangen wurde.
Aktuell beschäftigt sich Bohnert mit einer weiteren Forderung der Veteranenbewegung: der möglichen Einführung eines Bundeswehr-Verwundetenabzeichens. Lesen Sie dazu seinen Gastbeitrag …
Marcel Bohnert – „Braucht die Bundeswehr ein Verwundetenabzeichen?“: Seit einigen Jahren verändert sich die deutsche Veteranenkultur sichtbar. Themen, die lange nur in kleinen Kreisen diskutiert wurden, erreichen inzwischen Öffentlichkeit, Politik und Truppe. Dazu gehört zunehmend auch eine Frage, die emotional, historisch und organisatorisch gleichermaßen anspruchsvoll ist: Sollte die Bundeswehr künftig ein Verwundetenabzeichen haben?
Die Diskussion darüber wird seit einiger Zeit intensiver geführt – in Veteranenkreisen, innerhalb der Bundeswehr, aber auch darüber hinaus. Dabei zeigt sich schnell: So einfach, wie die Frage zunächst wirken mag, ist sie nicht. Denn hinter ihr stehen zahlreiche Folgefragen. Wer gilt überhaupt als verwundet? Nur nach Feindeinwirkung? Auch nach Anschlägen, Unfällen oder Ausbildungsvorfällen? Wie ist mit psychischen Verwundungen umzugehen? Und wie müsste ein solches Abzeichen gestaltet sein, damit es innerhalb der Truppe akzeptiert wird?
Um die Debatte nicht allein auf Grundlage persönlicher Eindrücke oder einzelner Stimmen zu führen, wurde zwischen Dezember 2025 und April 2026 eine erste Befragung zur möglichen Ausgestaltung eines Verwundetenabzeichens durchgeführt. Ziel war ausdrücklich keine abschließende Entscheidung, sondern ein erstes Lagebild: Wie wird das Thema überhaupt wahrgenommen? Welche Erwartungen, Sorgen und Vorstellungen existieren innerhalb und außerhalb der Bundeswehr?
Insgesamt haben N = 1715 Probandinnen und Probanden an der Umfrage teilgenommen. Diese wird derzeit umfassend analysiert und um qualitative Interviews mit Verwundeten ergänzt. Eine erste Pilotstichprobe aus n = 98 ausgewerteten Antwortbögen erlaubt uns erste interessante Einblicke in das Stimmungsbild …
Demnach sprachen sich rund zwei Drittel der Befragten grundsätzlich für die Einführung eines Verwundetenabzeichens aus. Etwa ein Fünftel lehnte dies ab, jeder zehnte Teilnehmende zeigte sich unentschlossen.
Bemerkenswert dabei ist nicht nur die mehrheitliche Zustimmung, sondern auch die Bedingungen, an die viele Probandinnen und Probanden sie knüpfen. Im offenen Antwortteil wurde deutlich: Die Akzeptanz eines solchen Abzeichens hängt stark davon ab, ob Kriterien, Verfahren und Zuständigkeiten nachvollziehbar sind und als gerecht wahrgenommen werden. Gerade dieser Punkt zieht sich wie ein roter Faden durch die bisherigen Ergebnisse.
Die Frage lautet also für viele offensichtlich nicht allein, ob ein Verwundetenabzeichen eingeführt werden sollte, sondern vor allem wie.
Besonders intensiv diskutiert wird zudem der Umgang mit psychischen Verwundungen. Ein großer Teil der Befragten sprach sich dafür aus, diese grundsätzlich zu berücksichtigen. Zugleich wurden aber auch erhebliche Schwierigkeiten bei Abgrenzung, Nachweisbarkeit und Verfahren ausgemacht.
Ähnliche Spannungsfelder zeigen sich bei anderen Fragen: Sollte es unterschiedliche Stufen eines Abzeichens geben? Welche Rolle spielt die Ursache der Verwundung? Wäre eine rückwirkende Verleihung sinnvoll? Und wie verhindert man eine inflationäre Vergabe? Gerade diese Aspekte machen deutlich, warum das Thema eine sachliche und sorgfältige Diskussion benötigt.
Ein Verwundetenabzeichen wäre alles andere als eine gewöhnliche Auszeichnung. Es würde unmittelbar Fragen von Anerkennung, Belastung, Einsatzrealität und militärischer Kultur berühren.
Historisch betrachtet existierten Verwundetenabzeichen in Deutschland bereits seit mehr als hundert Jahren. Das 1918 gestiftete preußische Verwundetenabzeichen blieb in unterschiedlichen Formen über mehr als vier Jahrzehnte hinweg Bestandteil des deutschen Auszeichnungswesens in vier politischen Systemen (so der Autor Dietmar Hinze in seiner im April 2018 erschienenen Arbeit „Das preußische Verwundetenabzeichen von 1918“ oder/und der Autor Rolf Michaelis in der 1995 erschienenen Publikation „Die deutschen Verwundetenabzeichen 1918 – 1936 – 1939“).
Die Bundeswehr ging in ihren Aufbaujahren äußerst zurückhaltend mit ihren historischen Traditionslinien um und hat eigene Orden und Ehrenzeichen vergleichsweise spät entwickelt. Erst ab den 1980er-Jahren, ein Vierteljahrhundert nach ihrer Gründung, entstanden mit dem Ehrenkreuz der Bundeswehr wieder sichtbare nationale Auszeichnungen. Die Anfang der 1990er-Jahre beginnenden Auslandseinsätze führten dann zur Einführung zahlreicher Einsatzmedaillen, der Gefechtsmedaille, der Tapferkeitsmedaille und schließlich des Veteranenabzeichens. Eine eigenständige Auszeichnung für Verwundete existiert bislang jedoch noch nicht.
Gerade deshalb wird die aktuelle Debatte von vielen als Teil eines größeren Wandels wahrgenommen. Die Bundeswehr ist heute eine einsatzerfahrene Armee. Verwundungen – physisch wie psychisch – gehören spätestens seit den Einsätzen in Kosovo und Afghanistan zur Realität des Dienstes.
Gleichzeitig hat sich auch die Veteranenkultur in Deutschland verändert. Seit 2022 treten Veteranenorganisationen und Interessenvertretungen deutlich stärker vernetzt auf; Fragen von Anerkennung, Sichtbarkeit und Fürsorge werden heute intensiver diskutiert als noch vor wenigen Jahren.
Die laufenden Untersuchungen zum Verwundetenabzeichen und zusätzlich zum Auszeichnungssystem der Bundeswehr als Ganzes verstehen sich ausdrücklich als Beitrag zur Diskussion – nicht als Vorentscheidung. Es geht zunächst darum, Meinungen, Erfahrungen und Perspektiven möglichst breit sichtbar zu machen. Umso wichtiger bleiben auch weiterhin die Beteiligung und das Engagement aktiver und ehemaliger Bundeswehrangehöriger. Je größer und vielfältiger die Datengrundlage wird, desto besser lässt sich erkennen, welche Erwartungen innerhalb der Truppe tatsächlich existieren und wo mögliche Konfliktlinien verlaufen.
Die Diskussion um ein Verwundetenabzeichen wird teilweise sehr emotional geführt und verlangt deshalb Sorgfalt und Fingerspitzengefühl. Dazu gehört auch die Einbeziehung von Verwundeten, Phaleristikern („Ordenskundler“), Wissenschaftlern und Einsatzveteranen. Das Thema ist zu sensibel und komplex, als dass es sich mit einer raschen Entscheidung erledigen ließe.
Die aktuelle Folgebefragung widmet sich dem Auszeichnungssystem der Bundeswehr als Ganzes und soll die mögliche Einführung eines Verwundetenabzeichens in einen größeren Kontext setzen. An der Befragung können Aktive und Ehemalige noch bis 30. September 2026 teilnehmen (siehe auch den QR-Code im Bild-Bereich): https://shorturl.at/bF21A.
Ob die Bundeswehr künftig tatsächlich ein Verwundetenabzeichen einführen wird, ist derzeit noch offen. Die bisherigen Ergebnisse zeigen jedoch schon jetzt, dass das Thema innerhalb der Streitkräfte auf großes Interesse stößt und differenziert diskutiert wird. Gerade deshalb erscheint ein sorgfältiger, wissenschaftlich begleiteter und möglichst inklusiver Prozess sinnvoll.
Unabhängig von der späteren Entscheidung verweist die Debatte bereits heute auf eine grundlegende Frage: Wie geht eine einsatzerfahrene Armee mit Verwundung, Belastung und den sichtbaren wie unsichtbaren Folgen des Dienstes um? Die laufenden Untersuchungen sollen dazu beitragen, diese Diskussion stärker zu versachlichen und sie auf eine möglichst breite Erfahrungsbasis zu stellen.
Vielleicht liegt genau darin auch schon der eigentliche Wert der aktuellen Debatte: weniger in der schnellen Einführung eines neuen Abzeichens als vielmehr in der Bereitschaft, auch über unangenehme Themen klar und offen zu sprechen. Die Bundeswehr hat sich in den vergangenen drei Jahrzehnten tiefgreifend verändert. Mit ihr verändern sich auch die Erwartungen von Einsatzveteranen, Verwundeten und ihren Angehörigen. Ein mögliches Verwundetenabzeichen wäre deshalb auch nicht nur eine „ordenskundliche“ Frage, sondern Ausdruck eines gesellschaftlichen und militärischen Lernprozesses.
Am heutigen Donnerstag (28. Mai 2026), zum Zeitpunkt der Veröffentlichung des Gastbeitrages von Marcel Bohnert, gedenkt die Bundeswehr zweier Kameraden, die vor 15 Jahren in Afghanistan ums Leben kamen: Major Thomas Tholi und Hauptfeldwebel Tobias Lagenstein.
Tholi (43 Jahre alt; vom Führungsunterstützungsbataillon 282 in Kastellaun) und Lagenstein (31 Jahre alt; vom Feldjägerbataillon 152 aus Hannover) starben am frühen Nachmittag des 28. Mai 2011 bei einem Bombenanschlag am Gouverneurspalast in Taloqan im Norden des Landes. Markus Kneip, damals als Generalmajor deutscher Kontingentführer, wurde schwer verwundet. Er und seine Begleiter hatten an diesem Samstag im Palast an einer Sicherheitskonferenz zwischen NATO- und nationalen Behördenvertretern teilgenommen und sich dabei mit General Mohammed Daud Daud, dem Polizeichef Nordafghanistans und Kommandeur einer Eliteeinheit, ausgetauscht.
Beim Verlassen des Gebäudekomplexes zündeten die Taliban, die sich später zu dem Anschlag bekannten, einen vorher deponierten Sprengsatz. Das Einsatzführungskommando der Bundeswehr sprach später „von einer ferngezündeten, hochexplosiven Sprengstoffladung“. Neben Major Tholi und Hauptfeldwebel Lagenstein kamen auch General Daoud und vier weitere Afghanen ums Leben. Kneips Übersetzerin, Soraya Alekozei, erlitt schwerste Verletzungen (sie lebt heute mit ihrem Mann und den beiden Söhnen in Deutschland und hat ihre Erinnerungen an die damaligen Ereignisse in ihrem Buch „Sie konnten mich nicht töten“ verarbeitet). Insgesamt wurden sechs Kräfte der Bundeswehr verwundet, eine Soldatin davon schwer.
Der Deutsche Bundeswehr-Verband mahnt am heutigen Tag: „Die gefallenen und verwundeten Kameraden in würdiger Erinnerung zu behalten und ihrer immer wieder zu gedenken, ist für unsere Interessenvertretung Aufgabe und ehrenvolle Pflicht. All die Frauen und Männer der Bundeswehr, die bei der Verteidigung von Freiheit und Demokratie gefallen oder verwundet worden sind, dürfen niemals vergessen werden.“ So soll es sein!
Marcel Bohnert, Jahrgang 1979, ist Oberstleutnant im Generalstabsdienst der Bundeswehr und Non-Resident Fellow am Institut für Sicherheitspolitik der Universität Kiel. Der Panzergrenadieroffizier diente unter anderem als Gruppenführer im Kosovo, als Kompaniechef in Afghanistan, als Militärberater im Irak sowie als Chefplaner der EU-Ausbildungsmission für ukrainische Streitkräfte in Deutschland.
Als Stellvertretender Bundesvorsitzender des Deutschen Bundeswehr-Verbandes (DBwV) setzte und setzt er sich intensiv für eine stärkere Sichtbarkeit von Veteraninnen und Veteranen ein und wirkte maßgeblich an der Einführung des Nationalen Veteranentages mit, den der Bundestag im April 2024 beschloss und der 2025 erstmals bundesweit begangen wurde.
Aktuell beschäftigt sich Bohnert mit einer weiteren Forderung der Veteranenbewegung: der möglichen Einführung eines Verwundetenabzeichens der Bundeswehr. Dabei wirbt er für einen sorgfältigen und wissenschaftlich begleiteten Diskussionsprozess, den er persönlich auch politisch und publizistisch unterstützt. Bohnert hat bereits zahlreiche Bücher und Fachaufsätze zu den Auslandseinsätzen der Bundeswehr, zu Veteranenfragen und zur militärischen Führungskultur veröffentlicht. Zuletzt ist im Miles-Verlag seine Arbeit „Vom Schatten ins Licht – Zeitenwende in der deutschen Veteranenkultur“ erschienen.
Zu unserer Bebilderung:
1. Am 9. September 2011 bargen Panzergrenadiere der Task Force Kunduz die Überreste eines angesprengten deutschen Dingo-Gefechtsfahrzeugs aus der afghanischen Ortschaft Isa Khel. Während des sogenannten Karfreitagsgefechts im Jahr zuvor waren hier bei den bislang schwersten Kampfhandlungen in der Geschichte der Bundeswehr drei deutsche Soldaten getötet und fünf weitere teils schwer verwundet worden. Die Erfahrungen der Afghanistan-Veteranen gelten als wesentlicher Impulsgeber für die Entwicklung einer neuen deutschen Veteranenkultur.
(Foto: Tim Ruppelt/Task Force Kunduz III)
2. Zeitenwende in der deutschen Veteranenpolitik: Repräsentanten der nationalen Veteranenbewegung am 25. April 2024 auf der Ehrentribüne des Bundestages. Das Parlament hatte an diesem Donnerstag gerade mit großer Mehrheit die Einführung eines Veteranentages beschlossen. Das Bild hat innerhalb der Bewegung fast schon einen ikonischen Status erreicht – es ist unter anderem im Veteranenbüro der Bundeswehr in Berlin zu sehen.
(Foto: Yann Bombeke/DBwV)
3. Oberstleutnant i.G. Marcel Bohnert (rechts) auf der Berliner Zentralveranstaltung anlässlich des ersten Nationalen Veteranentages im Gespräch mit einem Afghanistan-Veteranen. Die Feierlichkeiten vor dem Reichstagsgebäude hatten am 15. Juni 2025 etwa 10.000 Menschen angelockt. In diesem Jahr findet die Veranstaltung am 21. Juni unter dem Motto „Veterans, Family and Friends“ statt. Verschiedene Vereine und Projekte der Veteranenbewegung haben beschlossen, den Diskurs um ein Verwundetenabzeichen der Bundeswehr an ihren Ausstellungsflächen im Veteranendorf am Bundestag ausgiebig zu führen.
(Foto: Sarina Flachsmeier/DBwV)
4. QR-Code zur Umfrage „Auszeichnungswesen Bundeswehr“. Teilnehmen sollten aktive und ehemalige Angehörige der deutschen Streitkräfte. Zur Umfrage gelangen Sie auch über den entsprechenden Link im Gastbeitrag. Link und QR-Code gültig bis zum 30. September 2026.
(Bild: Marcel Bohnert; grafische Bearbeitung: mediakompakt)
Kleines Beitragsbild: Symbolfoto „Behandlung eines Verletzten“. Die Aufnahme vom 4. März 2025 entstand auf der Karibikinsel Saint Lucia im provisorischen St. Jude Hospital von Vieux Fort. Die medizinische Notversorgung erfolgte dort an jenem Tag durch medizinisches Personal der US-Streitkräfte im Rahmen eines Hilfsabkommens. Der Hintergrund: Am 9. September 2009 war das ursprüngliche Krankenhaus St. Jude, das zweitgrößte Krankenhaus der Insel, durch einen schweren Brand fast völlig verwüstet worden. Danach musste die restliche Einrichtung zur medizinischen Versorgung der Bevölkerung in das benachbarte neue Sportstadium umziehen. Die alte Klinik St. Jude soll mit internationaler Hilfe wieder aufgebaut werden. Die medizinische Grundversorgung der Bevölkerung wird momentan weiterhin mit fremder Hilfe – wie beispielsweise den Militär-Fachkräften aus den USA – sichergestellt.
(Foto: Andrea Jenkins/Air Forces Southern/U.S. Air Force)
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