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Überlingen/Arlington (Virginia, USA). Das deutsche Unternehmen Diehl Defence und Raytheon, ein Bereich des US-Mischkonzerns RTX (Raytheon Technologies Corporation), haben jetzt eine Absichtserklärung zur gemeinsamen Produktion von Schlüsselkomponenten für den Stinger-Flugkörper in Europa unterzeichnet. Die Vereinbarung soll nach Angaben von Diehl „den Grundstein für die Ausweitung der Produktion von Stinger-Flugkörpern bei Diehl Defence als Teil des Wachstumsplans des Systemhauses“ legen.

Tom Laliberty, Präsident von „Land & Air Defense Systems“ bei Raytheon, erklärte nach Unterzeichnung der Vertragsunterlagen: „Stinger ist der Boden-Luft-Flugkörper der Wahl für 24 Länder, darunter Deutschland und neun weitere NATO-Nationen“. Vor dem Hintergrund des in der Ukraine tobenden russischen Angriffskrieges ergänzte Laliberty: „Wir verzeichnen momentan eine historisch hohe Nachfrage nach Stinger aufgrund der unübertroffenen Effektivität und des Erfolgs des Waffensystems gegen eine Vielzahl von Bedrohungen auf kurze Distanz.“

Der Stinger-Flugkörper ist ein leichtes, einsatzerprobtes und vollständig integriertes Luftverteidigungssystem, das von Bodentruppen gegen Marschflugkörper und Flugzeuge eingesetzt wird.

Upgrades haben laut Raytheon „zur operativen Überlegenheit gegen Ziele“ geführt

Helmut Rauch, CEO von Diehl Defence, äußerte sich ebenfalls. Er sagte: „Für Diehl baut die Wiederaufnahme der Produktion von Stinger-Flugkörpern auf unseren bewährten Fähigkeiten und unserem Know-how in diesem Produktspektrum auf und fügt sich nahtlos in unsere starke Position auf dem Markt für bodengebundene Luftverteidigungssysteme ein.“

Diehl Defence will nun verschiedene Optionen zur Erhöhung der Produktionskapazitäten, sowohl an den bestehenden als auch an möglichen weiteren Standorten, prüfen.

Raytheon hat nach eigenen Angaben während der gesamten Laufzeit des Stinger-Programms Upgrades entwickelt und unterstützt. Diese Upgrades haben zu einem hochpräzisen Lenk- und Steuerungssystem geführt, das – so Raytheon – „eine operative Überlegenheit gegen Ziele bietet“.

Lizenzbau des Flugabwehrsystems in Deutschland ab den späten 1980er-Jahren

Das Waffensystem Stinger – auch als FIM-92 Stinger und bei der Bundeswehr als Fliegerfaust 2 bezeichnet – ist eine schultergestützte Flugabwehrrakete (englisch Man Portable Air Defense System, kurz MANPADS) aus den Vereinigten Staaten. Ursprünglich von General Dynamics Mitte der 1970er-Jahre entwickelt, wird die Rakete heute von der Raytheon Technologies Corporation/RTX produziert. Bis 2022 wurden rund 70.000 Stinger in den USA sowie unter Lizenz in anderen Ländern gefertigt. Der Lizenzbau, beispielsweise in Deutschland zunächst bei Dornier (heute Teil der Airbus-Division „Defence and Space“), erfolgte ab den späten 1980er-Jahren.

Die FIM-92 Stinger wurde ursprünglich zur Verwendung als schultergestützte Flugabwehrrakete – MANPADS – entwickelt. Daneben kann die Rakete von verschiedenen anderen Startplattformen aus gestartet werden: beispielsweise von Fahrzeugen, als Luft-Luft-Lenkflugkörper von Hubschraubern als Stinger Air-to-Air Stinger oder als Naval Stinger von Kriegsschiffen.

Bei der Bundeswehr wird die Fliegerfaust 2 Stinger vor allem von den Objektschutzkräften der Luftwaffe gegen Flugziele sowohl im Tiefstflug als auch in mittleren Flughöhen in einer Entfernung von bis zu sechs Kilometern eingesetzt. Außerdem nutzt die Luftwaffe Stinger als Lenkflugkörper auf dem Waffenträger Ozelot, der Variante des gepanzerten Kettenfahrzeugs Wiesel 2. Beim Deutschen Heer war Stinger bis 2012 in der Heeresflugabwehrtruppe in Fliegerfaust-Trupps bei Panzerflugabwehrgruppen und leichten Flugabwehrbatterien in Nutzung. Die Heeresflieger verwenden aktuell die Flugabwehrrakete am Kampfhubschrauber Eurocopter Tiger. Bei der Deutschen Marine schützen Fliegerfaust-Trupps mit dem Stinger-System unter anderem Boote und Landeinrichtungen.

Weitere 940 Stinger-Raketen für Deutschland, Italien und die Niederlande

Deutschland verfügte Ende der 1990er-Jahre über etwa 4400 Flugabwehrraketen FIM-92 Stinger. Der Stückpreis für ein System wird Quellen zufolge mit „bis zu 150.000 US-Dollar“ angegeben (im September 2024 beispielsweise informierte das Pentagon in einer Pressemitteilung über die Entscheidung des Außenministeriums, 720 Stinger-Raketen an Ägypten für 740 Millionen Dollar zu liefern – bei diesem Deal beträgt der Stückpreis für die Flugabwehrrakete rund 102.780 US-Dollar). Die Entwicklungskosten für das System FIM-92 Stinger waren in der Vergangenheit enorm und beliefen sich in den 1970er- und 1980er-Jahren auf geschätzt rund 1,4 Milliarden US-Dollar.

Nun haben Deutschland, Italien und die Niederlande gemeinsam über die NATO Support and Procurement Agency (NSPA) weitere 940 Stinger bestellt. 500 der Flugabwehrraketen in der Version FIM-92K soll die Bundeswehr erhalten, die zuvor Hunderte Stinger an die Ukraine abgegeben hatte. Die Lieferung im Gesamtwert von etwa 780 Millionen US-Dollar (so die Defence Security Cooperation Agency/DSCA in einem Pressetext) soll zu gleichen Teilen 2028 und 2029 erfolgen. Auftragnehmer für diese NSPA-Bestellung, die auch technischen Support, Logistik und Zubehör beinhaltet, sind die US-Unternehmen Raytheon und Lockheed Martin.

FIM-92K Stinger ist eine modifizierte Ausführung der FIM-92J mit zusätzlichem Datenlink beispielsweise für den Kampfhubschrauber-Einsatz.

FIM-92J, auch bekannt als Stinger PROX (Proximity Fuze), ist das Resultat eines dringenden Beschaffungsersuchens der US-Streitkräfte. Bei der FIM-92J wurde – vergleicht man diese Version mit der FIM-92E – unter anderem der Raketenmotor sowie ältere elektronische Bauteile durch modernere Teile ersetzt. Die FIM-92J ist zudem mit einem neuen Gefechtskopf sowie einem Radar-Annäherungszünder ausgerüstet. Damit sollen auch kleine Drohnen sowie Marschflugkörper bekämpft werden können. Die FIM-92J existiert entweder als Neuproduktion oder als Nachrüstprogramm. Mit dem Nachrüsten älterer Stinger auf diesen Stand kann die Nutzungsdauer um zehn Jahre verlängert werden.

Nutzungsdauerende, Nachrüstung und komplette Neuentwicklung

Die älteren Stinger-Modelle (insbesondere die weit verbreiteten FIM-92E Stinger) haben 2023 das Ende ihrer Nutzungsdauer erreicht. Mit einem Nachrüsten kann die Nutzungsdauer um zehn Jahre verlängert werden.

Im Jahr 2023 wurde Raytheon und Lockheed Martin von der U.S. Army damit beauftragt, ein Stinger-Nachfolgemodell zu entwickeln. Dieses soll über mindestens dieselbe Einsatzleistung sowie Flugbereichsgrenze (Flugenveloppe) wie die FIM-92J Stinger PROX verfügen. Hinzu soll das Nachfolgemodell in einer sekundären Rolle auch gegen Bodenziele eingesetzt werden können. Zwischen 2026 und 2030 sollen 8000 bis zu 10.000 neue Lenkflugkörper an das amerikanische Heer ausgeliefert werden.

Möglicher Stinger-Nachfolger „Next-Generation Short-Range Interceptor“

Am 18. Februar teilte Raytheon in einer Presseaussendung mit, dass bereits eine Reihe von Subsystem-Erprobungen für den Stinger-Nachfolger – Arbeitstitel „Next-Generation Short-Range Interceptor“ (NGSRI) – erfolgreich verlaufen seien. So gab Präsident Laliberty bekannt: „Die Subsystem-Testreihen sind ein entscheidender Schritt, um die Anforderungen der US-Armee an Reichweite und Leistung für die Kurzstrecken-Flugabwehrfähigkeit des NGSRI zu erfüllen.“ Sein Unternehmen sei zuversichtlich, so der Chef der Raytheon-Sparte „Land an Air Defense Systems“ weiter, der Army rasch „eine erschwingliche, risikoarme und in hohem Maße produzierbare“ NGSRI-Lösung liefern können.

Zu den getesteten NGSRI-Elementen gehören laut Raytheon-Pressetext unter anderem:
– Der Raketenmotor: Der flugfähige Raketenmotor des NGSRI habe gezeigt, so das Unternehmen, dass auch bei Abwehrmanövern auf kurze Distanz die Abfangreichweite ohne Verzögerung modifiziert werden könne.
– Der Suchkopf: Die Sucherbaugruppe für den NGSRI habe sowohl in der Laborumgebung als auch im freien Gelände eine maximale Erfassungsreichweite bewiesen, die die von Stinger weit übertreffe, so Raytheon.
– Die Command Launch Assembly (CLA): Die tragbare CLA, Schnittstelle und damit Schlüsselelement des Gesamtsystems, habe bei der Erkennung und Identifizierung von Luftzielen durch den Bediener – in wirklichkeitsgetreuen Umgebungen und auch bei schlechter Sicht – durch eine verbesserte Reichweite überzeugt, schreibt Raytheon in seiner Presseerklärung weiter. Die CLA ist von Lockheed Martin für die schultergestützte QuadStar-Missile entwickelt worden.
– Der Gefechtskopf: Die Erprobung der Baugruppe „Raketensprengkopf“ habe – wie der Hersteller darlegt – „eine präzise und wiederholbare Letalität“ gegen ein breites Spektrum von Bedrohungen aus der Luft demonstriert.

Zusätzliche Testreihen befassten sich der Pressemitteilung zufolge mit weiteren komplexen Fragen rund um die NGSRI – darunter Raketenfunktionen wie Verfolgung, Lenkung, aerodynamische Steuerung, Zündung oder Sicherheit.

In der nächsten Phase des Erprobungsprogramms sollen Soldaten der U.S. Army und des U.S. Marine Corps erstmals die Neuentwicklung in die Hand nehmen und nach der Anwendung sofort ihre Nutzererfahrung sowie Verbesserungsvorschläge an das Raytheon-Team übermitteln. Im Laufe dieses Jahres ist zudem eine offizielle Vorführung des neuen Waffensystems geplant.


Kompakt                           

Raytheon, eine Firma des multinationalen Mischkonzerns Raytheon Technologies Corporation (kurz RTX), ist ein führender Anbieter von Verteidigungslösungen, besonders für den US-Markt.
Seit mehr als 100 Jahren entwickelt Raytheon neue Technologien und verbessert bestehende Fähigkeiten in den Bereichen integrierte Luft- und Flugkörperabwehr, Flugkörper, intelligente Waffen, Sensoren und Radare, Abfangraketen sowie Hyperschall und Raketenabwehr am Boden, in der Luft, auf See und im Weltraum.

Der Mutterkonzern RTX gilt als das größte Luft- und Raumfahrt- sowie Verteidigungsunternehmen der Welt. In einer Eigendarstellung von RTX heißt es dazu unter anderem: „Mit mehr als 185.000 Mitarbeitern weltweit gehen wir an die Grenzen von Technologie und Wissenschaft, um die Art und Weise, wie wir unsere Welt verbinden und schützen, neu zu definieren. Mit branchenführenden Unternehmen wie beispielsweise Collins Aerospace, Pratt & Whitney oder Raytheon treiben wir die Luftfahrt voran, konstruieren integrierte Verteidigungssysteme für den operativen Erfolg und entwickeln Technologielösungen und Fertigungsverfahren der nächsten Generation.“

Diehl Defence ist ein deutsches führendes Systemhaus für Luftverteidigungssysteme. Zum Produktportfolio des Unternehmens, das seinen Hauptsitz in Überlingen am Bodensee hat, zählen neben Systemen für die bodengebundene Luftverteidigung vor allem Lenkflugkörper für alle Teilstreitkräfte der Bundeswehr, ferner Munition sowie Schutzsysteme. Darüber hinaus entwickelt und produziert Diehl Defence Schlüsselkomponenten wie Infrarot-Module oder Zünder und Spezialbatterien. Die Rüstungsfirma beschäftigt derzeit rund 5000 Mitarbeiter, die einen Jahresumsatz von mehr als zwei Milliarden Euro erwirtschaften.


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Zu unserem Bildmaterial:
1. Objektschutzkräfte der Deutschen Luftwaffe mit der Fliegerfaust 2 Stinger. Die Flugabwehrrakete wird gegen Flugziele im Tiefstflug und mittleren Flughöhen in einer Entfernung von bis zu sechs Kilometern eingesetzt. Stinger hat ein störfestes Lenksystem, das Infrarot- und Ultraviolett-Signale nutzt. Nach der optischen Zielerfassung durch das Visier der Abschussvorrichtung schaltet sich der Suchkopf auf. Danach kann der Schütze den Lenkflugkörper abfeuern, der nach dem Prinzip „Fire and Forget“ automatisch auf das anfliegende Ziel zusteuert.
(Foto: Bundeswehr)

2. Soldaten der U.S. Army am 14. April 2019 beim scharfen Schuss mit dem Waffensystem FIM-92 Stinger. Das System besteht aus einem Transport- sowie Start- beziehungsweise Abschussrohr aus glasfaserverstärktem Kunststoff (GFK), ferner aus dem Lenkflugkörper plus dem Start- und Visiergerät (Griffstück). Das gesamte Stinger-System wiegt schussbereit 15,8 Kilogramm.
(Foto: Dominic Romero/Marine Corps Air Station Miramar)

3. Bei der Unterzeichnung der Absichtserklärung zur gemeinsamen Produktion von neuen Stinger-Flugkörpern: Helmut Rauch, CEO von Diehl Defence (links), und Tom Laliberty, Präsident der Raytheon-Branch „Land & Air Defense Systems“.
(Foto: Diehl Defence)

4. Der Next-Generation Short-Range Interceptor/NGSRI soll einmal als Man Portable Air Defense System/MANPADS sowie als Waffensystem für den Einsatz auf Militärfahrzeugen auf den Markt kommen. Die Aufnahme zeigt ein M-SHORAD-Fahrzeug der U.S. Army (M-SHORAD = Maneuver Short-Range Air Defense) bei den NGSRI-Erprobungen Anfang 2025.
(Foto: Raytheon)

Kleines Beitragsbild: Soldaten der 31st Marine Expeditionary Unit üben am 7. Juni 2025 an Bord eines Schiffes die Bekämpfung von Luftzielen mit dem Stinger-Flugkörper.
(Foto: Gerardo Mendez/U.S. Marine Corps)


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