Berlin/Kaiserslautern/Taufkirchen/Wachtberg. GDELS – General Dynamics European Land Systems ist laut einer Pressemitteilung des Unternehmens vom 20. Oktober dieses Jahres vom Koblenzer Bundesamt für Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung der Bundeswehr (BAAINBw) damit beauftragt worden, das neue Spähfahrzeug „Next Generation“ (Spähfahrzeug NG) an die Heeresaufklärungstruppe der Bundeswehr zu liefern. Das Fahrzeug soll auf Basis der modernsten Piranha-6×6-Radfahrzeugvariante mit amphibischer Fähigkeit realisiert werden und schließlich in Teilen die Nachfolge des leichten 4×4-Spähwagens Fennek antreten.
Das hochspezialisierte Fahrzeugsystem für die Aufklärung soll laut GDELS „in Bezug auf Autonomie, akustische und thermische Signatur neue Maßstäbe setzen“. Weiter heißt es im Pressetext des Auftragnehmers: „[Das System wird sich] durch modernste, vernetzte Aufklärungssensorik, überlegene Mobilität und Durchsetzungsfähigkeit auszeichnen.“ Neben dem Spähfahrzeug sind im Lieferumfang auch Ausbildungsmittel und -simulatoren sowie logistische Betreuungsleistungen enthalten.
Thomas Kauffmann, Geschäftsführer der in Kaiserslautern ansässigen GDELS–Deutschland, erklärte nach der Beauftragung durch das BAAINBw: „Es ist uns Ehre und Verpflichtung zugleich, als Generalunternehmer für die Entwicklung und Lieferung des neuen Spähfahrzeugs für die Heeresaufklärungstruppe der Bundeswehr ausgewählt worden zu sein. Wir sind stolz, uns in diesem technologisch höchst anspruchsvollen Schlüsselprojekt im Wettbewerb gegen andere Marktteilnehmer durchgesetzt zu haben. Unser oberstes Ziel ist es nun, gemeinsam mit unseren Partnern, das neue Spähfahrzeug vertragskonform und im gesetzten Kosten- und Zeitrahmen an die Truppe zu liefern.“
Der Haushaltsausschuss des Bundestages hatte am 15. Oktober die Beschaffung des neuen Spähpanzers – ursprünglicher Projektname „Korsak“ (nach dem asiatischen Steppenfuchs), mittlerweile gebräuchliche Bezeichnung „Luchs 2“ – für die Heeresaufklärer gebilligt. Als Nachfolger des Spähwagens Fennek sollen bis zu 356 Fahrzeuge (274 fest bestellt, 82 als Option) geliefert werden.
Der nun geschlossene Beschaffungsvertrag umfasst die Entwicklung des Spähfahrzeugs einschließlich Herstellung und Lieferung von Referenzsystemen sowie Serienfahrzeugen nebst Zubehör. Das Vertragsvolumen beträgt rund 3,54 Milliarden Euro. Der Luchs 2 soll einen Teil der Fennek-Flotte ersetzen und so die fahrzeuggestützte Spähaufklärung stärken. Mit dem ersten Änderungsvertrag erfolgt auch die Entwicklung der zugehörigen Waffenanlage. Finanziert wird das Rüstungsprojekt aus dem Einzelplan 14 und dem Sondervermögen „Bundeswehr“.
Am 26. November gab der Sensor-Lösungsanbieter Hensoldt in seinem Presseportal bekannt, im Zusammenhang mit dem „Luchs-2-Beschaffungsvorhaben“ einen Großauftrag im Wert von knapp einer Milliarde Euro erhalten zu haben. Auftraggeber ist GDELS.
In den kommenden sieben Jahren soll Hensoldt demnach das neue Spähfahrzeug der Aufklärungstruppe des Deutschen Heeres mit modernster Sensortechnik und dem „Ceretron“-Missionssystem ausstatten. Mit „Ceretron“ soll – so erklärt es der Hersteller – das Problem der enormen Datenmengen, die verschiedene Sensorsysteme in Landfahrzeugen erzeugen und die zu Informationsüberflutung sowie erschwerter Entscheidungsfindung führen können, gelöst werden. Die Software-Suite verknüpft und fusioniert Sensor-Datenströme, wertet sie innerhalb von Sekunden aus und verarbeitet sie, um der Besatzung ein KI-gestütztes Lagebild bereitzustellen. Dazu gleich mehr.
Zunächst zu Oliver Dörre, Vorstandsvorsitzender der Hensoldt AG. Er kommentierte die Beauftragung durch GDELS wie folgt: „Mit diesem Auftrag untermauern wir unsere Rolle als Wegbereiter einer neuen technologischen Ära in der Verteidigung und stärken nachhaltig die Modernisierung der deutschen Aufklärungskräfte.“ Der CEO fuhr fort: „Im Zeitalter vernetzter Operationen sind Daten die neue Munition. Das [neue Spähfahrzeug der Bundeswehr] steht damit für einen klaren Paradigmenwechsel: Wir entwickeln Systeme, deren Fähigkeiten nicht mehr statisch sind, sondern sich softwaredefiniert, modular und über den gesamten Lebenszyklus hinweg weiterentwickeln lassen. Damit schaffen wir echte Informationsüberlegenheit, erhöhen die Handlungsfähigkeit der Truppe und sichern zugleich Europas technologische Souveränität.“
Neben der Lieferung von Hardware und Software wird Hensoldt ein umfassendes logistisches Unterstützungspaket bereitstellen – einschließlich Ausbildung, Dokumentation, Ersatzteilversorgung und langfristiger Systemunterstützung.
Zurück zum Gehirn des neuen Spähfahrzeugs, dem zentralen Missionssystem „Ceretron“. Im Pressetext von Hensoldt erfahren wir: „[Das System] integriert die Vielzahl unterschiedlicher Sensoren der Plattform für verschiedene Spektren, verarbeitet deren Daten in Echtzeit und erzeugt daraus ein konsistentes taktisches Lagebild im Fahrzeug. Mit Hilfe KI-gestützter Bildverarbeitung erkennt, identifiziert und verfolgt ,Ceretron‘ Objekte und Personen automatisch und liefert so entscheidungsrelevante Informationen unmittelbar an die Besatzung und in die Führungsstrukturen.“
Weiter heißt es in der Pressemitteilung aus Taufkirchen mit Blick auf den NATO-Standard „NGVA“ (= NATO Generic Vehicle Architecture; siehe dazu auch unser Schlusskapitel über die Fraunhofer FKIE): „Durch seine NGVA-konforme, softwaredefinierte Architektur ist ,Ceretron‘ skalierbar und anpassbar: Neue Fähigkeiten, Funktionen und Algorithmen lassen sich ohne Eingriffe in die Fahrzeug-Hardware integrieren und erweitern so die Leistungsfähigkeit des Systems über den gesamten Lebenszyklus hinweg. Sensorische Erweiterungen können bei Bedarf hardwareseitig ergänzt und anschließend softwareseitig eingebunden werden. Gleichzeitig entlastet ,Ceretron‘ die Besatzung kognitiv, indem Informationen automatisiert verarbeitet, priorisiert und verständlich aufbereitet werden. Das entstehende Lagebild steht jedem Nutzer auf der Plattform in der jeweils relevanten Form zur Verfügung – ein zentrales Prinzip der Software-Defined Defence und ein wesentlicher Vorteil für schnelle, sichere Entscheidungen im Einsatz.“
Am heutigen Dienstag (2. Dezember) teilte das Fraunhofer-Institut für Kommunikation, Informationsverarbeitung und Ergonomie (FKIE), dessen Hauptsitz Wachtberg nahe Bonn ist, ebenfalls wichtige Informationen zum Luchs-2-Projekt mit. Die neuen Spähfahrzeuge, dessen erstes Fahrzeug voraussichtlich 2029 vom Band rollen wird, werden laut Fraunhofer FKIE „von Beginn an vollständig auf der STANAG 4754 NATO Generic Vehicle Architecture beruhen“.
Dieser vom FKIE mitentwickelte, multinationale Standard stelle sicher, dass die Subsysteme der Fahrzeuge mehrerer NATO-Nationen untereinander kommunizieren könnten. Dies trage damit wesentlich zur notwendigen Digitalisierung der Bündnisstreitkräfte bei. Fraunhofer FKIE und IABG sind vom Koblenzer Beschaffungsamt damit beauftragt worden, den künftigen Luchs 2 des Heeres auf Interoperabilität und Kompatibilität hin zu überprüfen.
In einer Presseaussendung des Instituts findet sich eine kurze Erklärung, warum der NGVA-Standard so wichtig ist: „Eine digitalisierte Armee, wie sie heute notwendig ist, um den aktuellen Herausforderungen begegnen zu können, setzt voraus, dass die technischen Systeme und Subsysteme ,einander verstehen‘ können, also interoperabel sind. Wenn beispielsweise ein Sensor zwar die Daten aufnehmen kann, aber die Schnittstelle nicht mit dem Führungsinformationssystem kompatibel ist, weil ein anderes Datenmodell verwendet wird, müssen die Daten händisch übertragen werden oder sind im schlimmsten Fall nutzlos. Der Grund hierfür ist, dass die verbauten Subsysteme häufig von unterschiedlichen Zulieferern stammen. Zudem kommunizieren – wie beispielsweise im NATO-Bündnisfall – mitunter Systeme unterschiedlicher Nationen miteinander. Die Lösung liegt in der Vereinheitlichung der Schnittstellen und Datenmodelle.“
Fraunhofer FKIE hat gemeinsam mit Partnern seit 2011 den NATO-Standard NGVA, den einzigen multinationalen Standard in diesem Bereich, entwickelt. Die Entwicklung erfolgt in enger Abstimmung mit dem BAAINBw und der Wehrtechnischen Dienststelle für landgebundene Fahrzeugsysteme, Pionier- und Truppentechnik 41 (WTD 41) in Trier.
Der Standard spezifiziert Anforderungen an die elektronischen und elektrischen Schnittstellen für Landfahrzeuge und ihre Subsysteme. Teil dessen ist ein einheitliches Datenmodell, das die Syntax und Semantik der Nachrichten beschreibt und damit einen standardisierten Informationsaustausch erlaubt. Ein weiterer Aspekt ist die Betriebssicherheit von Fahrzeugen.
Zudem beinhaltet der NGVA-Standard ein Verifikationsverfahren. Dieses legt eine generische Methodik fest wie überprüft werden kann, ob einzelne Subsysteme und auch das Gesamtsystem dem Standard entsprechen. Fraunhofer FKIE betreibt eines von deutschlandweit zwei Testlaboren, in dem der Standard implementiert ist. Hier wird auch die Prüfung des Luchs 2 erfolgen. Dabei soll die Implementierung von NGVA erstmals projektbegleitend durchgeführt werde – vom ersten Designentwurf über die Realisierung der Subsysteme bis hin zum Gesamtfahrzeug.
Zu unserer Bildsequenz:
1. Der Panzerspähwagen Fennek (benannt nach dem gleichnamigen Wüstenfuchs) wird seit 2003 bei der Bundeswehr und bei den Niederländern eingesetzt. Die Bundeswehr hat bislang 222 Exemplare erhalten. Als Nachfolger des Spähpanzers Luchs ist der Fennek das Hauptwaffensystem der Aufklärungstruppe des Deutschen Heeres. Darüber hinaus wird er in der Artillerietruppe im Rahmen der Streitkräftegemeinsamen Taktischen Feuerunterstützung als Fahrzeug für die Joint Fire Support Teams und in der Pioniertruppe als Führungs- und Erkundungsfahrzeug verwendet.
(Foto: Marco Dorow/Bundeswehr)
2. Mit dem Luchs 2 auf Basis der Radfahrzeugvariante Piranha 6×6 von GDELS – General Dynamics European Land Systems beziehungsweise GDELS-Deutschland steht der Fennek-Nachfolger bereits fest.
(Foto: GDELS-Deutschland)
3. Vertragsunterzeichnung GDELS und Hensoldt – hintere Reihe, von links: Oliver Dörre (CEO Hensoldt), Antonio Bueno (Präsident von General Dynamics European Land Systems). Vordere Reihe, von links: Thomas Kauffmann (Geschäftsführer der General Dynamics European Land Systems Deutschland GmbH und Vice President GDELS International Business & Services), Christina Canitz (Head of Optronics Division bei Hensoldt) und Mathias Laich (Head of ISTAR bei Hensoldt).
(Foto: Hensoldt AG)
4. Gelände des Fraunhofer-Instituts für Kommunikation, Informationsverarbeitung und Ergonomie in Wachtberg bei Bonn, Luftbild vom 23. Mai 2009.
(Foto: Wikipedia/Wikimedia Commons/unter Lizenz CC BY-SA 3.0 –
vollständiger Lizenztext: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/)
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