Potsdam. Der 12. November 1955 gilt als Geburtsstunde der Bundeswehr. Wie entstand im westlichen Teil des zerstörten Deutschlands mit seinem diktatorischen Erbe eine neue Armee der Demokratie? Darüber spricht Prof. Dr. Sönke Neitzel von der Universität Potsdam mit Oberstleutnant Michael Gutzeit vom Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr, kurz ZMSBw. Der Titel der neuen Podcast-Folge: „Von Null auf Bündnis – die frühen Jahre der der Streitkräfte der Bundesrepublik Deutschland“ …
Die noch junge Bundesrepublik wurde nur zehn Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg wiederbewaffnet, auch alte Wehrmachtssoldaten dienten erneut. Die Gründung der Bundeswehr markierte damit für Westdeutschland einen Wendepunkt auf dem Weg von Besatzung zu Bündnispolitik und westdeutscher Souveränität.
Doch der Weg dorthin war alles andere als einfach: Der Koreakrieg hatte den Westen unter Führung der USA alarmiert, während in Deutschland massive Proteste gegen eine Wiederbewaffnung aufflammten – die Angst vor einem „Staat im Staate“ saß nach den historischen Erfahrungen der Terror- und Kriegsjahre tief.
Im Gespräch mit dem Historiker Sönke Neitzel beleuchtet die neue Podcast-Folge des Potsdamer ZMSBw die politischen, militärischen und gesellschaftlichen Spannungen während der Aufbauzeit der Bundeswehr. Besonders die ersten 20 Jahre nach ihrem Gründungstag liegen im Fokus, denn diese waren doch so prägend wie wenige danach.
Die Entstehung der „Himmeroder Denkschrift“ als Schlüsseldokument der westdeutschen Wiederbewaffnung, aber auch der Personalgutachterausschuss und seine Arbeit dokumentieren, wie stark ehemalige Wehrmachtsangehörige am Neuaufbau der Streitkräfte beteiligt waren. Gleichzeitig entstand mit der „Inneren Führung“ das Leitbild des „Staatsbürgers in Uniform“ – ein Versuch, demokratische Verantwortung und soldatische Tradition zu verbinden. Aber die neue Führungsphilosophie war alles andere als unumstritten.
Gutzeit und Neitzel sprechen im Podcast deshalb auch über innere Konflikte wie die von der Schnez-Studie 1969 ausgelöste Debatte (Anm.: Studie „Gedanken zur Verbesserung der inneren Ordnung des Heeres“) oder die daraus folgende Auseinandersetzung der „Leutnante von Hamburg“ mit den „Hauptleuten von Unna“ Anfang der 1970er-Jahre.
Thematisiert werden auch Skandale wie die „Spiegel-Affäre“ 1962, Nagold 1963 (Anm.: Systemische Misshandlungen von Rekruten in der danach aufgelösten Fallschirmjäger-Ausbildungskompanie 6/9 der Eisberg-Kaserne in Nagold; die Kompanie stand unter dem Befehl von Oberleutnant Jürgen Schallwig – daher auch der von der Presse geprägte Begriff „Schallwig-Schleifschule“) oder das frühe Iller-Unglück 1957 (Anm.: Am 3. Juni 1957 verunglückten 15 Grundwehrdienstleistende des Luftlandejägerbataillons 19 tödlich beim Durchqueren der Iller bei Hirschdorf nahe Kempten).
Neben allen Zweifeln und Schatten der Nachkriegszeit befasst sich Historiker Neitzel im Gespräch mit seinem Gastgeber vom ZMSBw aber auch mit Lichtblicken, wie beispielsweise mit der Fluthilfe der Bundeswehr an der Elbe im Jahr 1962. Des Weiteren spannt die Folge einen Bogen von der Einführung der Wehrpflicht und der Atomwaffenfrage bis hin zur Ostpolitik der 1970er-Jahre, in einer Zeit, als die Bundeswehr eine Stärke von fast einer halben Millionen Soldaten erreichte.
Am Ende zieht Prof. Neitzel in der Podcast-Folge „Von Null auf Bündnis“ eine Bilanz – vor allem darüber, was wir aus der Geschichte für unsere Gegenwart und Zukunft lernen können. Die Folge ist auf Spotify, Apple-Podcasts oder im Online-Auftritt des ZMSBw zu hören:
https://zms.bundeswehr.de/de
oder direkt
https://zms.bundeswehr.de/de/mediathek/soenke-neitzel-die-fruehen-jahre-der-bundeswehr-6037936
Im Auftrag des damaligen Bundeskanzlers Konrad Adenauers formulierte im Herbst 1950 (5. bis 9. Oktober) eine Gruppe von 15 hochrangigen deutschen Militärexperten die Grundsätze einer neuen Streitkraft. Ihre in der „Himmeroder Denkschrift“ niedergelegten Ideen zählen bis heute zu den richtungsweisenden Grundsätzen unserer Bundeswehr.
Unter dem Titel „Denkschrift über die Aufstellung eines Deutschen Kontingents im Rahmen einer übernationalen Streitmacht zur Verteidigung Westeuropas“ wurde so die Grundlage eines westdeutschen Verteidigungsbeitrags im westeuropäischen Gesamtkontext gelegt. Die damalige „Zentrale für Heimatdienst“ unter Gerhard Graf von Schwerin, zu jener Zeit Berater des Bundeskanzlers in militärischen und in Sicherheitsfragen, bereitete die Konferenz im Kloster Himmerod in der Eifel als sogenannten „Generalstabs-Ausschuss“ vor. Die Experten waren fast alle während ihrer früheren militärischen Karrieren entweder selbst als General beziehungsweise Admiral oder als Offizier in einem Generalstab tätig gewesen. Adenauers persönlicher Referent Herbert Blankenhorn nahm ebenfalls an der Klausurtagung teil.
Das Treffen fand im Geheimen statt, da zu diesem Zeitpunkt die Bundesrepublik Deutschland noch nicht souverän war und unter Besatzungsstatut stand. Dieses sah keine bundesdeutschen Streitkräfte vor.
Unter Führung des ehemaligen Generalleutnants Hans Speidel erarbeiteten die Konferenzteilnehmer eine Konzeption zu Aufbau, Ausstattung und Ausbildung westdeutscher Streitkräfte. Die Ergebnisse verfassten sie in Form einer Denkschrift als Empfehlungen für die Bundesregierung. Die Schrift sollte Grundlage für die weiteren Verhandlungen mit den westlichen Alliierten sein.
Vor allem das Konzept der Vorwärtsverteidigung war inhaltlich von zentraler Bedeutung. Entwickelt hatten es Speidel und der ehemalige Chef der Operationsabteilung des Generalstabs im Oberkommando des Heeres Adolf Heusinger. Die Verteidigung Westeuropas sollte „so weit ostwärts wie möglich“ und „von Kriegsbeginn an möglichst beweglich und offensiv“ (heißt mit Gegenangriffen) erfolgen. Die Denkschrift empfahl, zwölf Heeresdivisionen als westdeutschen Hauptbeitrag aufzustellen. Die Rolle von See- und Luftstreitkräften wurde als weniger bedeutend angesehen. Die Idee der Vorwärtsverteidigung blieb jahrzehntelang die operative Leitvorstellung der Führung der Bundeswehr.
Über eine mögliche Kriegsführung im Zeitalter von Atomwaffen hatten die teilnehmenden Ex-Offiziere damals weder Kenntnisse noch Erfahrungen, da sie von den Atommächten zu diesem Zeitpunkt noch keine Informationen erhalten hatten.
Die „Himmeroder Denkschrift“ haben wir in unserem Servicebereich „bundeswehr-journal (Bibliothek)“ beim Dienstleister Yumpu-Publishing für Sie eingestellt. Sie können sie dort einsehen und den Inhalt auch ausdrucken, ein Download der Datei ist nicht möglich. Über die ESC-Taste in Yumpu kommen Sie hierhin zurück. Zu dem historischen Dokument:
Klicken Sie auf den unteren Button, um den Inhalt von www.yumpu.com zu laden.
Zu unserem Bildmaterial:
1. In diesem Jahr konnte die Bundeswehr ihr 70-jähriges Bestehen feiern. Die historische Aufnahme zeigt marschierende Wehrpflichtige auf dem Kasernengelände in Andernach im Januar 1956.
(Foto: Rolf Baumann/Bundeswehr)
2. Die „Podcaster“ Sönke Neitzel (rechts) und Michael Gutzeit im Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr in Potsdam.
(Foto: Andrea Nimpsch/Bundeswehr; Bildbearbeitung: mediakompakt)
Kleines Beitragsbild: Symbolbild „Podcast“ aus dem Bildangebot von Pixabay.
(Foto: Daniel Friesenecker/unter Pixabay License = freie kommerzielle Nutzung, kein Bildnachweis erforderlich)
Anzeige
Weitere Informationen: https://www.mcd-elektronik.de/fileadmin/assets/downloads/pdf/application-notes/2025_applicationnote-signalanalysis-smart-cables-en_mcd.pdf
Besuchen Sie uns auf https://twitter.com/bw_journal