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Strausberg. Im Oktober dieses Jahres wird sich der Beschluss der Europäischen Union (EU) für eine Ausbildungsmission zur Unterstützung der ukrainischen Streitkräfte zum dritten Mal jähren. Die am 17. Oktober 2022 unter dem Namen „European Union Military Assistance Mission Ukraine“ (EUMAM UA) ins Leben gerufene Ausbildungsmission ist in vielerlei Hinsicht bahnbrechend. Noch nie wurden – finanziert durch die Europäische Union – so viele Soldaten einer Nation, die sich im Krieg befindet, auf europäischen Boden militärisch ausgebildet. Mehr als 76.000 ukrainische Soldaten konnten so mit der Unterstützung von 24 EU-Mitgliedsstaaten sowie einigen nicht EU-Staaten auf ihren Einsatz gegen die russischen Invasoren vorbereitet werden. Rund 21.000 Ukrainer wurden bisher auf deutschem Boden ausgebildet. Mit der Ausbildungsunterstützung EUMAM UA befasst sich der nachfolgende Fachbeitrag von Oberst i.G. Dirk Hamann. Der Autor ist Referatsleiter G7 „Ausbildung und Übung“ im Stab „Kommandeur Feldheer“ und seit März 2025 Deputy Chief of Staff „Training“ im Multinational Special Training Command (MN ST-C) im brandenburgischen Strausberg.

Verantwortlich für die Koordinierung der Ausbildung in Deutschland ist das MN ST-C am Standort Strausberg. Es handelt sich dabei um einen durch die Bundeswehr aufgestellten Stab, welcher – verstärkt mit Offizieren und Unteroffizieren aus zehn Partnernationen und unter Führung der EU Military Planning and Conduct Capability (MPCC) in Brüssel – die durch die Ukraine formulierten Ausbildungsschwerpunkte erfasst und nach Möglichkeit einer Ausbildungseinrichtung in Deutschland zuordnet.

Leistungsfähiger Ausbildungsverbund für die ukrainischen Streitkräfte

Angelehnt an das Kommando Heer war das MN ST-C bereits kurz nach dem EU-Ratsbeschluss einsatzbereit und übernahm sofort auch die Verantwortung für eine Vielzahl logistischer Herausforderungen, die mit dem Transport, der Unterbringung und der Versorgung der aus der Ukraine kommenden Kräfte einhergingen.

Unter Rückgriff auf die in Deutschland vorhandene Ausbildungsinfrastruktur, auf streitkräftegemeinsame Ausbildungsverbände – im Schwerpunkt aus dem Deutschen Heer – sowie auf die durch die Industrie angebotene Ausbildungsmodule für ausgesuchte Rüstungsgüter (wie unterschiedliche Gefechtsfahrzeuge, Panzer und Artilleriesysteme), entstand so ein leistungsfähiger Ausbildungsverbund für die ukrainischen Streitkräfte.

Mögliche Auswirkungen auf die Einsatzbereitschaft der Bundeswehr

Der dabei betriebene Aufwand, insbesondere für die beiden Ausbildungsstützpunkte im Norden und Süden Deutschlands sowie an den Schulen der Bundeswehr, hat allerdings mittlerweile signifikante Verdrängungseffekte zur Folge. Sollte die Ausbildung in der gleichen Intensität fortgesetzt werden wie bisher, wären zukünftig Auswirkungen auf die Einsatzbereitschaft der Bundeswehr als Ganzes nicht auszuschließen, denn ein Ausbildungsverband kann seine Aufgabe, die „Ausbildungsunterstützung Ukraine“, nur dann wahrnehmen, wenn er seinen originären Auftrag im Rahmen der Landes- und Bündnisverteidigung zeitweise zurückstellt.

Aber auch für die Ukraine ist die Ausbildung außerhalb der eigenen Landesgrenze stets mit dem Risiko verbunden, Kräfte aus der überdehnten Front lösen und über einen längeren Zeitraum in die Ausbildung abkommandieren zu müssen. Damit werden Reserven geschwächt, die Reaktionsfähigkeit wird reduziert.

In Zukunft liegen die Schwerpunkte auf Spezialisierung und Führerausbildung

Vor diesem Hintergrund konnte seit Anfang des Jahres 2025 eine im Vergleich zum Vorjahr abnehmende Teilnehmerzahl der an EUMAM UA angefragten Ausbildungen festgestellt werden – gleichermaßen in Deutschland und in europäischen Partnerländern.

Gleichzeitig blieb die Anzahl der angebotenen Trainingsmodule stabil, da unverändert ein hoher Bedarf an der Ausbildung von Spezialisten – vom Minentaucher bis zum Hundeführer – besteht. Dabei handelt es sich zumeist um Module, die nicht ohne Weiteres in der Ukraine durchgeführt werden können, da entweder die infrastrukturellen Voraussetzungen nicht gegeben sind oder die erforderliche Expertise in der Ukraine noch nicht vorhanden ist.

Erreicht wurde langfristig eine „Konsolidierung der ukrainischen Streitkräfte“

Bei der im April durch das MN ST-C durchgeführten Konferenz „Training Coordination and Evaluation“ bestätigte eine hochrangige Delegation ukrainischer Offiziere, welche herausgehobene Bedeutung die Ausbildung in Deutschland für die ukrainischen Streitkräfte hat und auch in Zukunft haben wird. Gleichzeitig konnte festgestellt werden, dass die bisher durchgeführten Ausbildungsgänge – eingebunden in umfangreiche materielle als auch finanzielle alliierte Unterstützung – insgesamt zu einer „Konsolidierung der ukrainischen Streitkräfte“ geführt haben.

Das hat laut MN ST-C unter anderem zur Folge, dass Ausbildungswünsche jetzt sehr viel spezifischer formuliert werden und dabei höherwertigere Ausbildungsangebote an Spezialisten und insbesondere Stabsoffizieren zunehmend an Bedeutung gewinnen. Erste Ausbildungsmodule erlauben bereits eine wiederholte Teilnahme von männlichen und weiblichen ukrainischen Soldaten, damit diese eine höhere Qualifikation erhalten. Das Bestreben, der quantitativen Überlegenheit russischer Streitkräfte durch die Exzellenz ukrainischer Kriegführung entgegenzuwirken, wird so gezielt und erfolgreich gefördert.

Ausbildungsbedarf seitens der Ukraine ist weiterhin unverändert hoch

Das MN ST-C hat bereits grundsätzliche Überlegungen hinsichtlich der zukünftigen Ausrichtung angestellt. Dabei konnte zunächst einmal festgehalten werden, dass der Ausbildungsbedarf unverändert hoch ist und von ukrainischer Seite weiterhin ein hohes Interesse daran besteht, Angehörige der ukrainischen Streitkräfte in Deutschland ausbilden zu lassen.

Neben den bereits angesprochenen Spezialisten wird es dabei in erster Linie um sogenanntes „Leadership Training“ sowie Module für zukünftige Ausbilder, mit denen ein Wissens- und Fähigkeitstransfer gewährleistet werden kann, gehen. Es muss nach Ansicht des MN ST-C das Ziel sein, die Ukraine zu befähigen, die Ausbildung einmal im eigenen Land durchzuführen – sofern die Kriegslage dies zulässt. Da dies aber absehbar mit Einschränkungen verbunden sein wird, wird auch weiterhin militärische Ausbildung im Ausland stattfinden müssen.

Keine Einbahnstraße – Bundeswehr nutzt gewonnene Erkenntnisse der Ukraine

Die Ausbildung der ukrainischen Streitkräfte auf deutschen Boden darf aber nicht als Einbahnstraße verstanden werden. Denn in vielerlei Hinsicht nutzen die gewonnenen Erkenntnisse der Ukrainer auch der Erhöhung der Einsatzbereitschaft der Bundeswehr.

Da wären zunächst einmal die Erkenntnisse aus der direkten Konfrontation mit den russischen Angreifern. Durch den intensiven Austausch mit den ukrainischen Kräften konnte inzwischen das Wissen über das taktische Verhalten und Vorgehen russischer Einheiten deutlich erweitert werden. Dies ermöglicht – zumindest für das Gefecht auf der untersten taktischen Ebene – Rückschlüsse für die eigene Ausbildung.

Von besonderem Wert sind auch die durch den Krieg in der Ukraine gewonnenen Erkenntnisse im Hinblick auf die Leistungsfähigkeit der eigenen, an die Ukraine abgegebenen Waffensysteme. Dieser Wissensstand wird ergänzt durch Informationen über Gefechtsfahrzeuge, die von Russland in der Auseinandersetzung eingesetzt werden. Davon profitiert nicht zuletzt die Weiterentwicklung eigener Systeme für die Bundeswehr oder NATO-Partner.

Ebenfalls von großem Interesse für die deutsche Seite ist, welche neuen (zum Teil marktverfügbaren) Technologien die Ukraine nutzt, um sich der russischen Aggression zu erwehren. Drohnen sind nur ein Aspekt, wenn es um Einfallsreichtum und Innovation gegen einen konventionell überlegenen Gegner geht.

Und schließlich ist die Ukraine gezwungen, in kürzester Zeit eine große Anzahl an Frauen und Männer aller Altersklassen militärisch auszubilden. Wie sieht diese Ausbildung aus, was ist zwingend erforderlich, was kann unter bestimmten Bedingungen weggelassen werden und welche neuen Ausbildungshilfsmittel kommen zum Einsatz? Dieses Wissen kann zukünftig genutzt werden, um auch Reservisten und Heimatschutzkräften in Deutschland bereits erprobte Ausbildungsmodule anzubieten und so den Aufwuchs leistungsfähiger deutscher Heimatschutz- und Feldersatzverbände rasch und qualitativ hochwertig voranzutreiben.

Einem konventionell überlegenen Gegner bislang erfolgreich Widerstand geleistet

Nach über zwei Jahren Ausbildung ukrainischer Soldaten auf deutschem Boden durch die Europäische Union ist festzuhalten, dass sich der damit verbundene Aufwand gelohnt hat. Mehr als 21.000 in Deutschland ausgebildete ukrainische Frauen und Männer sind hierfür ein eindrucksvoller Beleg.

Die Mission EUMAM UA hat durch das MN ST-C einen wichtigen Beitrag dazu geleistet, dass die ukrainischen Streitkräfte einem konventionell überlegenen Gegner bisher erfolgreich Widerstand leisten konnten. Gleichzeitig konnten durch die Einführung neuer Waffensysteme und auf die Bedürfnisse der aktuellen Kriegführung zugeschnittene Ausbildung die Fähigkeiten der ukrainischen Armee weiter gestärkt und deren Durchhaltefähigkeit und Effizienz verbessert werden. Die in Deutschland verfügbaren modernen Ausbildungseinrichtungen sowie die Professionalität, Flexibilität und die Einsatzbereitschaft des Ausbildendungspersonals aus elf Nationen bilden hierfür die Grundlage.

Dies alles wird auch zukünftig erforderlich sein, unabhängig von der sicherheitspolitischen Lage in der Ukraine. Gleichzeitig haben sich die ukrainischen Streitkräfte seit Beginn der russischen Invasion weiter professionalisiert, so dass sich die Bedürfnisse laufend verändern und nun die Führerausbildung – neben der Fortsetzung der bereits genutzten Module für Spezialisten – mehr und mehr in den Mittelpunkt rückt.

Das MN ST-C wird daher auch im vierten Jahr seiner Mission einen wichtigen Beitrag leisten, um die Einsatzbereitschaft, Durchhaltefähigkeit und Resilienz der ukrainischen Streitkräfte weiter zu stärken. Über die European Union Military Assistance Mission Ukraine und das Strausberger Multinational Special Training-Command haben wir erstmalig am 15. November 2023 berichtet.


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Zu unserem Bildmaterial:
1. Verteidigungsminister Boris Pistorius und der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj (im Vordergrund links) besuchten am 11. Juni 2024 ukrainische Soldaten während der Ausbildung bei der Flugabwehrraketengruppe 21.
(Foto: Bundeswehr)

2. Ukrainische Soldaten bei der Ausbildungsmission EUMAM UA – auf dem Lehrplan stand und steht auch weiterhin das Ausbildungsmodul „Entdecken und Beseitigen von Minen und Sprengfallen“.
(Foto: Bundeswehr)

3. Teilnahme ukrainischer Kräfte an der Sanitätsausbildung (Assault Sapper Section Course, ASSC) auf einem Truppenübungsplatz in Deutschland.
(Foto: Bundeswehr)

4. Ukrainische Soldaten versorgen unter ABC-Schutz einen Verwundeten, dargestellt durch eine Übungspuppe.
(Foto: Bundeswehr)

5. Ausbildung ukrainischer Soldaten am Flugabwehrkanonenpanzer Gepard. Deutschland hat der Ukraine bis heute mehr als 50 Gepard übergeben, die bei der Bundeswehr seinerzeit – mit der Abschaffung der Heeresflugabwehrtruppe – außer Dienst gestellt worden waren. Die Flak-Panzer werden im Abwehrkampf gegen die russischen Angreifer auch erfolgreich bei der Drohnenabwehr eingesetzt.
(Foto: Bundeswehr)

6. Minenausbildung bei der Mission EUMAM UA auf einem deutschen Truppenübungsplatz.
(Foto: Bundeswehr)

Kleines Beitragsbild: Ausbildung am Marder. Der von der Bundeswehr immer noch genutzte Schützenpanzer zählt zu den bewährtesten Waffensystemen seiner Art weltweit. Das Fahrzeug wurde im Laufe der Nutzung mehrmals modernisiert und kampfwertgesteigert. Bis zur ersten Jahreshälfte 2025 hat Deutschland über den Rüstungskonzern Rheinmetall der Ukraine bereits eine dreistellige Anzahl an Marder-Schützenpanzern zur Verfügung gestellt. Bei Rheinmetall werden die Schützenpanzer für den Einsatz gegen die russischen Invasoren an den Konzernstandorten Unterlüß und Kassel instandgesetzt. Einmontiert in unsere Aufnahme ist das Logo der Ausbildungsmission EUMAM UA, Trainingscenter ST-C Strausberg.
(Foto: ST-C/Territoriales Führungskommando der Bundeswehr;
Logo EUMAM UA: European External Action Service, EEAS;
Bildmontage: mediakompakt)


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