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Zweibrücken/Berlin. Die Bundeswehr ist (wieder einmal) durch das skandalöse Verhalten einer kleinen Minderheit in die Negativschlagzeilen geraten. Was ist geschehen? Mehrere weibliche Militärangehörige des unter anderem im rheinland-pfälzischen Zweibrücken stationierten Fallschirmjägerregiments 26 der Luftlandebrigade 1 des Heeres hatten sich im Juni 2025 beim Amt des Wehrbeauftragten des Bundestages gemeldet und schwere Missstände angeprangert. Sie hatten dabei – so beschreibt es beispielsweise die Wochenzeitung taz – „Nazitümelei, Antisemitismus, Gewaltrituale, Drogenmissbrauch und sexuelle Übergriffe“ beklagt. Ermittelt wurde daraufhin gegen 55 Soldaten des teilweise in der Niederauerbach-Kaserne stationierten Elite-Regiments. Umfangreiche Untersuchungen wurden unmittelbar danach durch das Kommando Heer und die nachgeordnete Division Schnelle Kräfte eingeleitet.

Generalleutnant Harald Gante, seit dem 1. September 2023 Kommandeur Feldheer im Kommando Heer im brandenburgischen Strausberg, äußerte sich zu Jahresbeginn gegenüber der FAZ zu den mittlerweile rund 200 straf- und disziplinarrechtlichen Vorwürfen gegenüber Regimentsangehörigen. „Als wir dahintergekommen sind, was in Zweibrücken vorgeht, waren wir schier sprachlos“, gestand Gante dem überregionalen Blatt. „Über die Ereignisse, aber auch über die Art und Weise, wie man damit umgegangen ist.“

Die FAZ, die Teile der zu diesem Zeitpunkt bereits mehr als 6000 Blatt umfassenden Untersuchungsakten in Teilen hatte einsehen können, berichtet „von ,Judensau‘-Beschimpfungen, Hitlergrüßen und einer angeblichen Nazi-Party […] von einer rechtsextremen, offen antisemitischen Clique und einer ,Frauenhasser‘-Kompanie“. Neben den bei der Bundeswehr nicht unüblichen Saufgelagen bis zum Erbrechen sei auch der Missbrauch von Kokain „gut dokumentiert“, lauteten die FAZ-Erkenntnisse nach der Akteneinsicht.

Die wenigen Frauen in der Fallschirmjägertruppe (Anteil im Regiment etwa fünf Prozent) hätten Exhibitionismus ihrer „Kameraden“ erlebt und sich Vergewaltigungsfantasien anhören müssen, schreibt die bekannte Tageszeitung weiter. „Wenn eine sich nicht anbaggern ließ, so wird es berichtet, wurde sie möglichst weggemobbt.“ Sexistische Sprüche von Vorgesetzten – teilweise aus der alleruntersten Schublade – hätten zum Alltag gehört.

Generalinspekteur und Inspekteur des Heeres informieren das Parlament

Am gestrigen Mittwoch (14. Januar) informierten Generalinspekteur Carsten Breuer und Heeresinspekteur Christian Freuding den Verteidigungsausschuss des Bundestages über den Fallschirmjäger-Skandal, die unmittelbar nach Bekanntwerden eingeleiteten Ermittlungen sowie über „die ersten harten und unmissverständlichen Konsequenzen“. Danach äußerten sie sich gegenüber Medienvertretern (Anm.: Das Ministerium stellte die Statements später für die Pressearbeit in einer Audiodatei zur Verfügung, die auch wir genutzt haben).

General Breuer sagte unter anderem: „Die Vorfälle in der Luftlandebrigade 1 [beziehungsweise im Fallschirmjägerregiment 26] haben mich tief betroffen. (…) Wir haben im Verteidigungsausschuss deutlich gemacht, dass möglichem Fehlverhalten [in der Truppe] konsequent nachgegangen wird. Das passiert seit bekannt werden der Vorwürfe beziehungsweise der Vorfälle [in der Niederauerbach-Kaserne in Zweibrücken]. Und auch wenn es eine Selbstverständlichkeit ist, möchte ich noch einmal ausdrücklich betonen: Wir akzeptieren in der Bundeswehr weder sexualisierte Gewalt oder Extremismus noch Drogenmissbrauch oder Diskriminierung. Soldaten, die so etwas [durchgehen lassen], können in unserer Bundeswehr nicht als Vorgesetzte eingesetzt werden. Unsere Soldatinnen und Soldaten müssen sich in der Gemeinschaft der Einheit sicher fühlen. Denn nur mit einem solchen Klima des Respekts und des Vertrauens schaffen wir die Voraussetzungen, um unseren Auftrag zu erfüllen. Einen Auftrag, der jede und jeden Einzelnen fordert und an den wir durch unseren Eid gebunden sind.“

Breuer fuhr in seiner Presseerklärung fort: „Meinen Respekt haben ausdrücklich diejenigen Soldatinnen und Soldaten, die diese Vorfälle gemeldet haben. Sie haben kameradschaftlich gehandelt. Sie haben Verantwortung übernommen. Das erfordert leider immer noch Mut. Und ich bin froh, dass dieser Mut durch [diese Angehörigen] der Luftlandebrigade 1 bewiesen wurde. Ermittlungsaufklärung und Sanktionierung individuellen Fehlverhaltens wurden und werden weiter mit Nachdruck und mit Sorgfalt durch die Bundeswehr und in einzelnen Fällen durch die Strafverfolgungsbehörden vorangetrieben.“

Der Generalinspekteur kündigte zudem an: „In einem nächsten Schritt müssen wir nun vorsorgen, vorbauen und sensibilisieren. Und das tun wir. Das Heer hat hierzu bereits die ersten Schritte getan und Ausbildungsdefizite genau wie strukturelle Mängel unter die Lupe genommen. Mängel, die es abzustellen gilt. Ich weiß das Thema bei General Freuding in den besten Händen.“

Generalleutnant Freuding stellt „Aktionsplan Luftlandetruppe“ vor

Der Inspekteur des Heeres versicherte danach der Öffentlichkeit bei dem Pressetermin: „Ich will eines voranstellen, im Heer dulden wir weder sexuelles Fehlverhalten noch extremistische Verhaltensweisen oder gar Drogenmissbrauch. Deshalb ermitteln wir seit mehreren Monaten und werden das nachgewiesene Fehlverhalten auch entsprechend sanktionieren beziehungsweise haben das schon getan.“

Freuding führte aus: „Wo stehen wir mit unseren Ermittlungen? Wir gehen derzeit von 55 Beschuldigten im Fallschirmjägerregiment 26 [das rund 1800 Kräfte umfasst] aus. In 18 Fällen wurden bereits Disziplinarmaßnahmen verhängt. In 20 Fällen hat die Disziplinaranwaltschaft bei der Division Schnelle Kräfte disziplinare Vorermittlungen aufgenommen. Es wurden zwei gerichtliche Disziplinarverfahren eingeleitet. In 16 Fällen erfolgte eine Abgabe an die zuständige zivile Staatsanwaltschaft. 17-mal wurde das Verbot der Ausübung des Dienstes ausgesprochen und von 19 durch das Heer beantragten Entlassungsverfahrens sind mittlerweile neun vollzogen worden, vier weitere sind eingeleitet.“

Der Inspekteur berichtete weiter: „Ich war [vor wenigen Tagen] in Zweibrücken selbst vor Ort, um mir ein aktuelles persönliches Bild von der Lage zu machen, um mit den Männern und Frauen des Regiments die aktuelle Lage zu erörtern, aber gleichzeitig auch den Weg nach vorn zu besprechen. Für diesen Weg nach vorn hat der Regimentskommandeur auch bereits erste Maßnahmen eingeleitet. Wir aus dem Kommando heraus werden ihn dabei unterstützen mit einem ,Aktionsplan Luftlandetruppe‘, an dem wir seit dem Spätherbst arbeiten.“

Freuding erläuterte an dieser Stelle: „Mit diesem Aktionsplan wollen wir die ganze Kraft der Luftlandetruppe in ihrer Breite nutzen, um [hier] nachhaltig eine Stärkung der Führungskultur zu erreichen. Denn für mich ist klar: Wir brauchen natürlich als Deutsches Heer Fallschirmjäger mit ihren einzigartigen Fähigkeiten. (…) Der Aktionsplan wird vier grobe Handlungsfelder umfassen. Erstens bessere Dienstaufsicht. Zweitens strukturelle Maßnahmen zur Verbesserung der Führbarkeit der Fallschirmjäger-Regimenter. Drittens Maßnahmen für eine bessere Prävention und Resilienz, unter anderem unter Einbeziehung des Zentrums für Innere Führung. Viertens die Anpassung des Werdegangs [und der] Gestaltung – Gestaltung bei den Offizieren und Unteroffizieren der Luftlandetruppe. Damit diese künftig auch Perspektiven und Erfahrungen in anderen Bereichen des Heeres gewinnen können. Ich beabsichtige, diesen Aktionsplan noch in diesem Monat in Kraft zu setzen.“

Im krassen Widerspruch zu den elementaren Werten der Bundeswehr

Auch Verteidigungsminister Boris Pistorius nahm Stellung zu den Vorfällen in Zweibrücken. Er verurteilte diese scharf. „Die gemeldeten Fälle von Rechtsextremismus, sexuellem Fehlverhalten und Drogenkonsum im Fallschirmjägerregiment 26 sind erschütternd. Sie stehen im krassen Widerspruch zu den elementaren Werten der Bundeswehr. Wir stehen für Respekt und die Prinzipien der Inneren Führung“, empörte sich Pistorius.

Er kündigt eine umfassende Aufarbeitung und Konsequenzen an: „Was nicht geht, ist, dass das Fehlverhalten vor Ort offenbar nicht sofort als solches erkannt wurde und damit auch nicht mit der erforderlichen Konsequenz verfolgt wurde. Das muss ausgeschlossen sein! Mir kommt es jetzt darauf an, dass erstens die einzelnen Vorfälle weiterhin restlos aufgeklärt werden. Zweitens müssen – wenn sich weitere Vorwürfe bestätigen – die Fälle mit aller Konsequenz geahndet werden. Drittens muss das Vertrauen in die militärische Führung vor Ort wieder hergestellt werden.“

Bereits am 29. Dezember vergangenen Jahres hatte der Minister gegenüber der Deutschen Presse-Agentur (dpa) erklärt: „Extremismus, sexuelles Fehlverhalten und Drogenkonsum haben in unserer Bundeswehr nichts verloren. Genauso wichtig ist, dass es keine Furcht geben darf, Vorfälle zu melden. Ein geschützter Raum, in dem sich Betroffene sicher fühlen, wenn sie Vorfälle dieser Art melden, muss jederzeit garantiert sein.“ Auch dürfe es keinesfalls eine falsch verstandene Solidarität mit denjenigen geben, die jede Grenze überschreiten.“

Eines der massivsten Versagen der Inneren Führung in den letzten Jahren

Erst 2023 hat das Wehrressort die gesetzlichen Regelungen zur Bekämpfung von sexualisiertem Fehlverhalten und Extremismus verschärft. Bei Zuwiderhandlungen drohen nun höhere Strafen. Und: Egal wie gering der Anteil derjenigen in der Bundeswehr ist, die ein schweres Fehlverhalten gezeigt haben oder zeigen: Opfer (und Zeugen) müssen geschützt und Täter konsequent bestraft werden.

Vorgänge wie in Zweibrücken gefährden die Kameradschaft und schädigen das Ansehen der Truppe in der Öffentlichkeit insgesamt. Darüber und über die aktuelle Lage im Fallschirmjägerregiment 26 haben sich Verteidigungsminister Pistorius und der Kommandeur der Luftlandebrigade 1, Brigadegeneral Markus Meyer, Anfang November im Saarland intensiv ausgetauscht. Der Verteidigungsausschuss war bereits am 15. Oktober 2025 erstmals durch das Ministerium „transparent und umfassen“ unterrichtet worden.

Die Ereignisse rund um das Fallschirmjägerregiment 26 gelten als eines der massivsten Versagen der Inneren Führung der Bundeswehr in den letzten Jahren. Eine „Mauer des Schweigens“ hatte zudem die Ermittlungen über Monate hinweg erschwert. Auffällig war und ist auch, dass sich die Medienberichterstattung zu den Vorfällen in der Niederauerbach-Kaserne im Vergleich zu früheren Bundeswehr-Skandalen diesmal in Grenzen hielt – sind Pressevertreter und Öffentlichkeit schon so daran gewöhnt, dass immer wieder in der Truppe schlimme Nestbeschmutzer auftreten, die das Gesamtbild beschädigen? Angesichts der massiven Anstrengungen der Streitkräfte, Personal einzuwerben, wäre dies fatal! …


Kompakt                           

Die Niederauerbach-Kaserne in Rheinland-Pfalz ist die Heimat des Fallschirmjägerregiments 26 der Luftlandebrigade 1. Die Kaserne liegt im Zweibrücker Stadtteil Niederauerbach, etwa zwei Kilometer nordöstlich des Zentrums der knapp rund 33.000 Einwohner umfassenden Stadt. Neun Kilometer südlich verläuft die Staatsgrenze zu Frankreich.

Die Bundeswehr nutzt die Niederauerbach-Kaserne seit 1960. 1982 zog dort das damalige Fallschirmjägerbataillon 263 ein und blieb bis zu seiner Auflösung (am 31. März 2015 im Zuge der Neuausrichtung der deutschen Streitkräfte).

Nach seiner Auflösung gingen große Teile des Bataillons (gemeinsam mit dem Fallschirmjägerbataillon 261 aus Lebach und dem Merziger Luftlandeunterstützungsbataillon 262) in das neu aufgestellte, heute etwa 1800 Soldaten starke Fallschirmjägerregiment 26 der Luftlandebrigade 1 über. Die Kompanien sind auf die Standorte Zweibrücken und Merzig aufgeteilt.

Seit dem 8. Oktober 2025 führt Oberst Martin Holle das Regiment. Er folgte im Rahmen einer feierlichen Kommandoübergabe auf Oberst Oliver Henkel. Der SWR zitierte am 10. Oktober vergangenen Jahres aus dem Redemanuskript von Henkel. Dieser soll zum Abschied unter anderem gesagt haben (Anm.: Medienvertreter waren zum Kommandowechsel nicht eingeladen): „Bei Extremismus, sexualisiertem Fehlverhalten und Verstößen mit Drogen gibt es eine Null-Toleranz-Grenze.“ Was in der Presse geschrieben oder von höherer Stelle über den Verband gesagt worden sei, entspreche nicht den Tatsachen, versicherte Henkel „Ich habe ein reines Gewissen und bin davon überzeugt, dass am Ende des Tages die Wahrheit und Gerechtigkeit siegen werden.“ Die Bundeswehr dementierte verschiedenen Medienberichten zufolge, dass der Personalwechsel mit den laufenden Ermittlungen zusammenhängt. Das Verteidigungsministerium erklärte, der Wechsel sei „lange geplant“ gewesen.


Zu unserem Bildmaterial:
1. Es ist nicht das erste Mal, dass das Fallschirmjägerregiment 26 für Negativschlagzeilen sorgt. So wurden im April 2023 zwei zu diesem Zeitpunkt bereits entlassene Regimentsangehörige vom Landgericht Zweibrücken zu Haftstrafen von viereinhalb beziehungsweise zweieinhalb Jahren verurteilt. Auf dem Rückweg von einer Kneipentour hatten die beiden Männer im Jahr 2018 eine damals 18-jährige Zeitsoldatin vergewaltigt – einer der beiden sogar zum zweiten Mal. Am 17. November 2025 hat das ZDF eine Reportage über das Opfer, das immer noch unter den Folgen leidet, ausgestrahlt. Der Titel: „Das Schweigen brechen“. Unser Bild zeigt den Ärmel-Patch des Regiments, dessen Ruf in der Öffentlichkeit heute nachhaltig belastet ist.
(Foto: Joseph Pagan/U.S. Air National Guard)

2. Als Reaktion auf die skandalösen Vorfälle in der Niederauerbach-Kaserne hat die Führung des Deutschen Heeres einen „Aktionsplan Luftlandetruppe“ erarbeitet, der „zurzeit finalisiert und dann in Kraft gesetzt“ werden soll. Unsere Bildmontage zeigt Generalinspekteur Carsten Breuer und Heeresinspekteur Christian Freuding am 14. Januar 2026 nach ihrem Auftritt im Verteidigungsausschuss des Deutschen Bundestages vor der Presse.
(Bildschirmfotos: Quelle Bundeswehr; Bildbearbeitung und Gesamtgrafik: mediakompakt)

3. Kommandowechsel beim Fallschirmjägerregiment 26 in Zweibrücken. Von links: Der bisherige Kommandeur Oberst Oliver Henkel, Brigadekommandeur Markus Meyer und Oberstleutnant (inzwischen Oberst) Martin Holle.
(Bild: Pressestelle Luftlandebrigade 1/Bundeswehr)

Kleines Beitragsbild: Schriftzug im Bereich des Haupttors der Niederauerbach-Kaserne.
(Bild: nr)


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