NATO-Gipfel in Ankara: Ausblick und Umfrage
2026
Berlin/Brüssel (Belgien)/Ankara (Türkei). Ankara, Hauptstadt der Türkei – hier findet am 7. und 8. Juli das Gipfeltreffen der NATO-Staats- und Regierungschefs statt. Frank Priess, Interimsleiter des Auslandsbüros „Türkei“ der Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS), hat sich in einer Analyse mit dem Bündnisgipfel befasst. Die in Berlin ansässige CDU-nahe Stiftung erteilte uns freundlicherweise eine Nachdruckerlaubnis. Die Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit (FNF), die parteinahe Stiftung der FDP auf Bundesebene mit Sitz in Potsdam-Babelsberg, veröffentlichte im Vorfeld des Ankara-Treffens eine IPSOS-Umfrage (IPSOS ist ein führendes Unternehmen für Markt- und Sozialforschung). Die Umfrage untersuchte, wie Menschen in den stärksten NATO-Staaten Europas die künftige Rolle Deutschlands in der europäischen Sicherheits- und Verteidigungspolitik einschätzen. IPSOS recherchierte dafür in acht europäischen NATO-Ländern. Diese acht Länder – Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien, Niederlande, Polen, Schweden und Türkei – haben sich dem Ziel der Allianz, 3,5 Prozent ihres Bruttoinlandsprodukts (BIP) für Verteidigung auszugeben, verpflichtet. Zunächst zum Beitrag von Frank Priess …
Erstmals seit 2004 ist die Türkei wieder Gastgeberin eines NATO-Gipfels, den sie mit großem Engagement und Aufwand vorbereitet hat. Alles wurde und wird für ein harmonisches „Familienfoto“ getan, das Einigkeit und Stärke ausstrahlen soll. Die Beteiligung von US-Präsident Donald Trump sieht man auch dem guten Verhältnis zu Präsident Recep Tayyip Erdogan geschuldet.
Das Treffen fällt in eine Zeit, in der Europa von Kriegen und Turbulenzen umgeben ist, auf die das Bündnis eine geschlossene Antwort geben muss – transatlantische Verwerfungen im Vorfeld haben für Zweifel und Verunsicherung gesorgt. Gilt die Beistandsgarantie des Artikel 5 noch uneingeschränkt, gerade für die USA? Stehen zugesagte militärische Kapazitäten zur Verfügung, wenn sie gebraucht werden? Wird das „burden sharing“ [die Lastenteilung] in der Allianz ausgewogener, leisten die Europäer einen stärkeren Beitrag? Welche Erwartungen hat dazu das Gastgeberland, welche Wünsche gibt es, welche Bedrohungswahrnehmungen?
Erwartet wird von diesem Treffen der Bündnispartner allgemein ein klares Signal glaubwürdiger Abschreckung. Dies schließt die Bekräftigung der beim Gipfel in Den Haag [24. und 25. Juni 2025] vereinbarten Ziele der Steigerung der Verteidigungsausgaben von fünf Prozent ebenso ein wie das klare Bekenntnis zur weiteren starken Unterstützung der Ukraine.
Russland ist die Hauptbedrohung, in einer „360-Grad-NATO“ erwartet die Türkei [unter Erdogan], dass Bedrohungen aus dem Süden und Südosten ähnlich ernst genommen werden: fragile Staaten, terroristische und hybride Gefahren, ungeregelte Massenmigration mit ihren Folgen für die Stabilität in den NATO-Mitgliedsländern. Die NATO-Einbindung ist für die Türkei der unverzichtbare Sicherheitsanker, gleichzeitig aber strebt das Land – ähnlich der Europäischen Union – nach „strategischer Autonomie“ und versucht, seinen Spielraum in einer multipolarer werdenden Welt durch ein gewisses „Polyalignment“ [auch „Poly-Alignment“ – meint Mehrfach-Anbindung oder die Pflege guter Beziehungen zu unterschiedlichen Staaten, oft ein riskanter Drahtseilakt] zu vergrößern. Das fördert naturgemäß nicht immer das Vertrauen im Kreis der NATO-Partner.
Es ist Zeit zu liefern. Hier ist die Türkei schon länger besser positioniert als andere Partner, ihre leistungsfähige Rüstungsindustrie wird als Faktor besonders betont. Entsprechend erwartet das Land, dass eine Stärkung des europäischen Pfeilers der NATO auch nicht-EU-Mitglieder des Bündnisses gleichberechtigt einschließt. An EU-Initiativen möchte man beteiligt sein.
Das Selbstbewusstsein des Landes ist jedenfalls gewachsen: man sieht sich als einen Produzenten von Stabilität und nicht als einen Konsumenten von Sicherheit, die andere Partner bereitstellen. Gleichzeitig versteht sich die NATO auch als Wertegemeinschaft, die aktuellen Bedrohungen führen allerdings dazu, dass die innere Situation in einzelnen Mitgliedsländern demgegenüber in den Hintergrund rückt. Für die Glaubwürdigkeit des Bündnisses ist dies nicht banal.
Mehr Verantwortung, aber kein deutscher Alleingang in der europäischen Sicherheitspolitik – so lässt sich die eingangs erwähnte IPSOS-Umfrage im Auftrag der Friedrich-Naumann-Stiftung knapp zusammenfassen. Das Umfrageergebnis sendet eine klare Botschaft: Die Europäer erwarten von Deutschland, mehr Verantwortung für die Sicherheit Europas zu übernehmen, ohne dabei allerdings die Interessen der Partner zu ignorieren. Befragt wurden Bürger in acht europäischen NATO-Staaten zu Deutschlands künftiger Rolle in der europäischen Sicherheitsarchitektur.
Das Ergebnis widerspricht der lange verbreiteten Annahme deutscher Außenpolitik, dass eine stärkere deutsche Führungsrolle von den europäischen Partnern abgelehnt werden würde. Aber im Gegenteil: Jeder zweite Befragte spricht sich heute dafür aus, dass Deutschland mehr Verantwortung für die Sicherheit Europas übernehmen sollte. Darüber hinaus gaben 56 Prozent an, dass eine Stärkung der deutschen Verteidigungskapazitäten die Sicherheit Europas insgesamt erhöhen würde. Auch die Deutschen selbst bewerten die bisherige Rolle ihres Landes mehrheitlich als „zu zurückhaltend“ und befürworten ein stärkeres deutsches Engagement.
Die Studie zeigt darüber hinaus, dass die europäischen Verbündeten von Deutschland in erster Linie politische Führung erwarten. Finanzielle Beiträge und militärische Führung werden zwar mehr oder minder als notwendig angesehen, stehen jedoch nicht im Mittelpunkt der Erwartungen. Die Friedrich-Naumann-Stiftung schreibt dazu in ihrer Studie: „Die Europäer fordern also kein grundlegend anderes Deutschland, sondern eines, das europäische Interessen koordinieren, Kompromisse ermöglichen und gemeinsame sicherheitspolitische Entscheidungen vorantreiben kann.“
Die Umfrage zeigt zudem starke Unterstützung (67 Prozent) für eine verstärkte bilaterale Zusammenarbeit mit Deutschland in den Bereichen „Sicherheit“ und „Verteidigung“.
Gleichzeitig deckt die Umfrage wichtige politische Sensibilitäten auf. Deutschlands historisches Erbe prägt nach wie vor die Wahrnehmung, insbesondere in Polen, und das Vertrauen unter den Befragten in Frankreich, Italien, Polen und der Türkei ist vergleichsweise geringer. Diese Ergebnisse legen nahe, dass eine stärkere deutsche Führungsrolle mit einem nachhaltigen diplomatischen Engagement, dem Aufbau von Vertrauen und Partnerschaften auf Augenhöhe und einer engen Abstimmung mit wichtigen europäischen Partnern verbunden sein muss.
Die Veröffentlichung „Neue deutsche Führungsrolle: Was unsere Verbündeten in Europa von Deutschland erwarten“ der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit/FNF (Autoren Johanna Hans und Lennart Jürgensen), erschienen im Juli 2026, haben wir für Sie in unserem Servicebereich „bundeswehr-journal (Bibliothek)“ beim Dienstleister Yumpu-Publishing eingestellt. Sie können dort den Inhalt ansehen und ausdrucken, auch ein Download der Datei ist möglich. Über die ESC-Taste in Yumpu kommen Sie hierhin zurück. Zu der FNF-Studie:
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Zu unseren beiden Symbolaufnahmen: Das Hauptquartier der NATO in Brüssel ist das politische Zentrum der Allianz. Es ist der Ort, an dem Vertreter aller Mitgliedstaaten gemeinsam Entscheidungen treffen sowie der des Dialoges und der Zusammenarbeit mit Partnerländern.
Der Gebäudekomplex am Brüsseler Boulevard Léopold III wurde 2017 fertiggestellt. Seit 2018 ist er komplett in Betrieb. Baubeginn war im Oktober 2010. Die Baukosten beliefen sich auf rund 750 Millionen Euro, die Gesamtkosten auf etwa 1,1 Milliarden Euro. Das neue NATO-Hauptquartier löste das alte Hauptquartier auf der anderen Straßenseite ab, das seit 1967 von den Partnern genutzt worden war. Es war allerdings stets nur als Übergangslösung gedacht.
(Fotos: NATO)
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