Brüssel, Mons (Belgien). Das Atlantische Bündnis hat seit dem heutigen Freitag (4. Juli) einen neuen militärischen Oberbefehlshaber – dies ist der amerikanische Vier-Sterne-General Alexus G. Grynkewich. Der Luftwaffenoffizier (Jahrgang 1971) übernahm das Kommando als Supreme Allied Commander Europe (SACEUR) in Anwesenheit von NATO-Generalsekretär Mark Rutte von seinem Vorgänger, dem US-Heeresgeneral Christopher G. Cavoli. Der feierliche Führungswechsel fand im belgischen Casteau nahe der Provinzhauptstadt Mons statt. In Casteau befindet sich das Hauptquartier der Alliierten Streitkräfte in Europa (Supreme Headquarters Allied Powers Europe, SHAPE) beziehungsweise das strategische Hauptquartier Allied Command Operations (ACO).
Der Posten des SACEUR mit Sitz in Mons gilt als zweitwichtigster in der NATO hinter dem des Generalsekretärs. Der Amtsinhaber hat die Entscheidungsgewalt über militärische Operationen. Zudem ist er auch für die militärische Einsatzplanung verantwortlich. Dabei kann er auch für Einsätze benötigte Kräfte im Rahmen der politisch genehmigten Befugnisse und auf Anweisung des Militärausschusses bei den NATO-Mitgliedstaaten anfordern.
Grynkewichs Vorgänger Cavoli stand seit dem 4. Juli 2022 an der Spitze der NATO-Kommandostruktur in Europa sowie des US-European Command (wir berichteten damals auch von diesem Kommandowechsel). Die Karrierestationen des in Würzburg geborenen Heeresoffiziers, Sohn einer italo-amerikanischen Soldatenfamilie, reichten rund um den Globus – von den USA über Europa bis nach Asien.
Über General Christopher G. Cavoli sagte NATO-Generalsekretär Mark Rutte beim Kommandowechsel in Mons, der scheidende SACEUR sei „ein stolzer Amerikaner mit einem stolzen europäischen Erbe“. Rutte dankte Cavoli für seine Verdienste an der militärischen Spitze der NATO und würdigte ihn mit den Worten: „Sie sind ein engagierter Verfechter der Stärke des transatlantischen Bündnisses und dabei ein wahrer Verteidiger der Freiheit und des Rechts“.
Während seiner Amtszeit bei SHAPE habe General Cavoli entscheidende Momente in der Geschichte der Allianz beeinflusst und geprägt, erklärte Rutte weiter. So beispielsweise die tiefgreifende Entscheidung im Anschluss an den Madrider Gipfel 2022, alle Anstrengungen des Bündnisses erneut auf die kollektive Verteidigung auszurichten. Auf dem Gipfel in der spanischen Hauptstadt hatte die NATO ihr neues Strategisches Konzept als Reaktion auf den Krieg Russlands in der Ukraine verabschiedet.
Rutte erinnerte ebenfalls daran, dass Cavoli eine zentrale Rolle bei der Ausarbeitung und letztendlichen Verabschiedung der regionalen Verteidigungspläne der NATO gespielt habe. Diese Pläne, verabschiedet auf dem Gipfel von Vilnius 2023, bedeuteten die Überarbeitung der militärischen Position der NATO seit dem Kalten Krieg, so der Generalsekretär.
Cavoli habe zudem die Bemühungen um die Integration Finnlands und Schwedens in die militärischen Strukturen der NATO vorangetrieben. Mit der Aufnahme der beiden Länder in die Allianz habe man die strategische Reichweite des Bündnisses erweitern und die Verteidigungsplanung in der nordisch-baltischen Region neu gestalten können.
Im Jahr 2024 habe Cavoli ferner „Steadfast Defender“, die größte militärische Übung der NATO seit dem Kalten Krieg, geleitet. An „Steadfast Defender“ nahmen rund 90.000 Soldaten teil und trainierten eine massive Verstärkung an der NATO-Ostflanke. „Im Rahmen dieser Großübung und anderer Ausbildungsmaßnahmen testete und validierte General Cavoli das neue Streitkräftemodell des Bündnisses, mit dem jetzt erheblich mehr Truppen in hohe Bereitschaft versetzt werden sollen“, erläuterte Rutte.
Abschließend verwies der Generalsekretär auf zwei Entscheidungen des scheidenden SACEUR, die als Reaktion auf das Vorgehen Russlands gewertet werden müssen. Rutte wandte sich an Cavoli: „Als kritische Unterwasser-Infrastrukturen angegriffen wurden, haben Sie die Präsenz der NATO in der Ostsee zur Abschreckung und Verteidigung rasch verstärkt. Sie haben auch die Sicherheitsunterstützung und -ausbildung des Bündnisses für die Ukraine konzipiert und eingerichtet, um dem überfallenen Land zu helfen.“
NATO-Chef Rutte begrüßte danach Cavolis Nachfolger, US-General Grynkewich. Er wies darauf hin, dass der 21. Supreme Allied Commander Europe einen reichen Erfahrungsschatz mitbringe. Wörtlich sagte Rutte zu Grynkewich: „Ich weiß, dass Sie ein Verfechter von Innovation sind und eine Task Force zur Entwicklung neuer Fähigkeiten ins Leben gerufen haben – dies ist äußerst wichtig, da die NATO modernste Technologien zur Abschreckung und Verteidigung nutzen und einsetzen muss.“
Der Generalsekretär ermutigte den neuen SACEUR, sein Amt „mit Mut und Zuversicht“ zum Wohle der rund eine Milliarde Menschen im Bündnis auszuüben. Dabei sei der Oberkommandierende nicht alleine. Rutte erinnerte Grynkewich daran: „Sie haben 32 Nationen hinter sich und die beeindruckende militärische Macht der NATO, um Frieden durch Stärke zu schaffen.“
Wer ist der neue SACEUR in Mons? Die allermeisten biografischen Angaben zu General Grynkewich liefert uns im Detail der Online-Pressebereich der U.S. Air Force. Diesen Angaben zufolge studierte der Luftwaffenoffizier zunächst bis 1993 Militärgeschichte an der United States Air Force Academy in Colorado Springs (US-Bundesstaat Colorado) und schloss dieses Studium mit einem Bachelor of Science ab. Im August 1994 erwarb Grynkewich am Air Force Institute of Technology an der University of Georgia in Athens (Georgia) das Diplom „Master of Arts“.
Von September 1994 bis September 1995 schloss sich die Pilotenausbildung für Kampfflugzeuge auf der Vance Air Force Base in Oklahoma. Es folgte anschließend bis August 1996 die Schulung auf dem Flugzeugtyp General Dynamics F-16 auf der Luke Air Force Base in Arizona. Anschließend war Grynkewich als Pilot bei der 18th Fighter Squadron auf der Eielson Air Force Base in Alaska stationiert. 1997 besuchte er die Squadron Officer School auf der Maxwell Air Force Base (Alabama).
Es folgten mit der F-16 weitere fliegerische Verwendungen von August 1999 bis Dezember 2001 auf der Hill Air Force Base in Utah, von Januar 2002 bis Januar 2003 auf der Kunsan Air Base in Südkorea und von Februar 2003 bis August 2005 als Fluglehrer auf der F-16 (und gleichzeitig als Testpilot für die Lockheed Martin F-22A) auf der Nellis Air Force Base in Nevada.
2003 absolvierte der Pilot zudem im Fernstudium einen Lehrgang für Stabsoffiziere am Air Command and Staff College auf der Maxwell Air Force Base. Nach einem weiteren Studium vom September 2005 bis zum Dezember 2006 an der Naval Postgraduate School in Monterey (Kalifornien) war Grynkewich für ein Jahr – von Januar bis Dezember 2007 – in der Entwicklungsabteilung im Projekt „Fifth Generation Fighter“ im Hauptquartier des Air Combat Command in Langley (Virginia) tätig.
Von Januar 2008 bis Juni 2009 war der Offizier (zum damaligen Zeitpunkt Oberstleutnant) dann Kommandeur der 49th Operations Support Squadron auf der Holloman Air Force Base in New Mexico. Danach besuchte er im Anschluss – von Juli 2009 bis Juni 2010 – als Senior Developmental Education Student die Joint Advanced Warfighting School in Norfolk (Virginia).
Im Anschluss an seine Studienzeit in Norfolk wurde Grynkewich nach Deutschland versetzt und im Hauptquartier des United States European Command in Stuttgart-Vaihingen (Patch Barracks) als Planungsoffizier von Übungen und Operationen eingesetzt. Diese Verwendung dauerte von Juli 2010 bis Mai 2012.
Es folgten weitere Verwendungen in fliegerischer Führungsverantwortung: von Juni 2012 bis Mai 2013 als Vice Commander des 57th Wing auf der Nellis Air Force Base (Nevada) und von Mai 2013 bis Juni 2015 als Commander der 53rd Wing auf der Eglin Air Force Base (Florida).
Danach wurde Grynkewich – inzwischen Oberst – in das Pentagon in Arlington (Virginia) abkommandiert. Hier im Verteidigungsministerium führte er im Zeitraum Juni 2015 bis Juni 2016 die Strategic Planning Integration Division. Danach war er im Pentagon ein weiteres Jahr als Deputy Director of Operations eingesetzt und von Juni 2017 bis April 2019 als Deputy Director für Global Operations im Joint Staff, wo er auch zum Brigadegeneral befördert wurde.
Von April 2019 bis Mai 2020 war Grynkewich schließlich Deputy Commander of Operations für Auslandseinsätze, so beispielsweise die „Operation Inherent Resolve“ im Irak. Am 1. Dezember 2019 erfolgte während dieser Verwendung die Beförderung zum Generalmajor.
Im Juni 2020 wurde der inzwischen ranghohe Luftwaffenoffizier Director of Operations im United States Central Command auf der MacDill Air Force Base in Florida und im Juli 2022 schließlich Kommandeur der 9th Air Force (Air Forces Central). Damit übernahm Grynkewich das Kommando über alle Luftstreitkräfte im Verantwortungsbereich des United States Central Command; diese Position bekleidete der inzwischen zum Generalleutnant beförderte Offizier (die Beförderung fand am 21. Juli 2022 statt) bis zum April 2024.
Im Mai 2024 wurde Generalleutnant Alexus G. Grynkewich Director for Operations beim Joint Chiefs of Staff im Pentagon. Im Juni 2025 meldeten die Medien, dass US-Präsident Donald Trump den Luftwaffenoffizier zum Nachfolger von Christopher G. Cavoli als Kommandeur des United States European Command und Supreme Allied Commander Europe vorgeschlagen hatte. Der Nordatlantikrat und der US-Senat stimmten danach der Spitzenpersonalie zu. Mit der Amtsübernahme ging die Beförderung Grynkewichs zum General einher.
Die Bundeswehr hat am 15. Juni 2025 im Berliner Bendlerblock den scheidenden Oberbefehlshaber der NATO in Europa mit einem Großen Zapfenstreich verabschiedet. US-General Christopher G. Cavoli wurde damit die höchste Würdigung der deutschen Streitkräfte zuteil. Minister Boris Pistorius verlieh ihm die Manfred-Wörner-Medaille 2025.
Die Bundeswehr würdigte mit dem Großen Zapfenstreich die außergewöhnlichen Verdienste des Heeresoffiziers für das Bündnis, die enge Partnerschaft zwischen Deutschland und den USA sowie für dessen Verdienste um Frieden und Freiheit in Europa.
Neben dem Minister und dem Generalinspekteur der Bundeswehr, General Carsten Breuer, nahmen insgesamt rund 250 geladene Gäste aus den Streitkräften, Politik und Gesellschaft an der Veranstaltung teil. Darunter waren hochranginge Vertreter der NATO, der Europäischen Union sowie internationaler Partnerländer.
Der Minister betonte, mit dem Großen Zapfenstreich werde General Cavoli die höchste Würdigung der deutschen Streitkräfte „nicht nur aus Respekt vor seinem Amt zuteil, sondern auch aus Respekt vor seinen persönlichen Prinzipien und Werten sowie seiner Führungsstärke und Loyalität“. Cavolis Herz schlage für die transatlantische Partnerschaft und er sei stets fest entschlossen gewesen, diese feste Bindung zu verteidigen, so Pistorius.
Zur Verleihung der Verleihung der Manfred-Wörner-Medaille 2025 merkte Pistorius an, der frühere deutsche Verteidigungsminister und spätere NATO-Generalsekretär Wörner sei ein leidenschaftlicher Verfechter der transatlantischen Partnerschaft gewesen, insbesondere in schwierigen Zeiten. General Cavoli habe in ebendiesem Geiste gehandelt – „mit Entschlossenheit, Weitsicht und Loyalität“. Der Verteidigungsminister nannte den scheidenden SACEUR daher nicht nur „einen herausragenden Soldaten, sondern auch einen Brückenbauer“, der „Brücken zwischen Nationen, Kulturen und Interessen“ errichtet habe.
Mit Übergabe des Amtes an seinen Nachfolger verabschiedete sich nun Christopher G. Cavoli nach rund 38 Dienstjahren in den Ruhestand.
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Zu unserem Bildmaterial:
1. Freitag, 4. Juli 2025 – Supreme Headquarters Allied Powers Europe/SHAPE im belgischen Mons: NATO-Generalsekretär Mark Rutte (links) mit dem scheidenden Oberbefehlshaber des Bündnisses in Europa, US-General Christopher G. Cavoli (Mitte). Rechts daneben Cavolis Nachfolger, Alexus G. Grynkewich. Grynkewich ist jetzt der 21. Supreme Allied Commander Europe/SACEUR.
(Foto: NATO)
2. Rutte übergibt die Fahne von SHAPE an Grynkewich (rechts).
(Foto: NATO)
3. Der neue SACEUR bei seiner Ansprache in Mons nach dem offiziellen Kommandowechsel.
(Foto: NATO)
Kleines Beitragsbild: Die NATO-Streitkräfte in Europa haben einen neuen Oberbefehlshaber. Der amerikanische Luftwaffengeneral Alexus G. Grynkewich (links) übernahm bei einer Zeremonie in Mons die Aufgaben seines Vorgängers und Landsmannes Christopher G. Cavoli (rechts), der den Spitzenposten rund drei Jahre innehatte. Der feierliche Kommandowechsel bei SHAPE wurde geleitet von NATO-Generalsekretär Mark Rutte.
(Foto: NATO)