Ankara (Türkei)/Düsseldorf/Bethesda (Maryland, USA). Die Rüstungskonzerne Lockheed Martin und Rheinmetall wollen gemeinsam die erste ATACMS-Co-Produktion in Europa vorantreiben. ATACMS steht für Army Tactical Missile System, ein taktisches Kurzstreckenraketensystem, das ursprünglich in den 1980er-Jahren in den USA entwickelt wurde. Jetzt soll mit Unterstützung der Regierungen der Vereinigten Staaten und Deutschlands ein Joint Venture entstehen, das ein europäisches Kompetenzzentrum für die Herstellung, Integration und Bereitstellung von ATACMS für NATO- und verbündete europäische Streitkräfte schafft.
Eine entsprechende Absichtserklärung wurde beim NATO Summit Defense Industry Forum, das Teil des NATO-Gipfels (7. und 8. Juli 2026) in der türkischen Hauptstadt Ankara war, unterzeichnet.
In einer gemeinsamen Presseerklärung von Lockheed und Rheinmetall heißt es dazu: „Die Vereinbarung adressiert den unmittelbaren Bedarf an lokal produzierter Munition in Europa und markiert den nächsten Schritt beim Ausbau europäischer Produktionskapazitäten für kampferprobte Präzisionswaffen.“
Jay Pitman, Präsident von Lockheed Martin International, sagte nach der Unterzeichnung des Memorandum of Understanding: „Diese Partnerschaft markiert einen entscheidenden Moment für die europäische Sicherheit und die industrielle Zusammenarbeit der Verbündeten. Indem wir Lockheed Martins führende Expertise im Bereich der Raketensysteme mit Rheinmetalls Fertigungsexzellenz verbinden, werden wir unseren Verbündeten kampferprobte Fähigkeiten schneller und effizienter bereitstellen können.“
Dennis Goege, bei Lockheed Martin in der Position „Chief Executive Europe“ tätig, ergänzte: „Der Aufbau einer ATACMS-Co-Produktion in Deutschland ist ein starkes Signal für die europäische Verteidigungsindustrie und die Resilienz der NATO. Die Partnerschaft verbindet bewährte US-Technologie mit europäischer Produktionsstärke, schafft industrielle Wertschöpfung in Deutschland und erweitert die Kapazitäten, die Verbündete angesichts wachsender Sicherheitsanforderungen benötigen.“
Auch Armin Papperger, CEO der Rheinmetall AG, äußerte sich zu der Partnerschaft. Er führte aus: „Unser Ziel ist es, die Verteidigungsfähigkeit Deutschlands und Europas zu stärken. Gemeinsam mit unseren Freunden von Lockheed Martin errichten wir nun in Deutschland die industrielle Basis für moderne Verteidigungssysteme, die von den Streitkräften Europas stark nachgefragt werden. Mit dem Aufbau der ATACMS-Produktion am Rheinmetall-Standort Unterlüß schaffen wir neue Fähigkeiten für Deutschland und Europa, sichern die Versorgung unserer Kunden und stärken unsere verteidigungspolitische Autonomie.“
Mit Unterlüß wird der Rheinmetall-Konzern die weltweit erste und einzige Produktionsstätte für ATACMS-Lenkflugkörper außerhalb der Vereinigten Staaten aufbauen und betreiben.
Der Standort Unterlüß im Landkreis Celle in Niedersachsen wurde vor mehr als 125 Jahren in Betrieb genommen und zählt zu den wichtigsten Standorten von Rheinmetall. Insgesamt arbeiten dort rund 4000 Beschäftigte. Zu den Kernkompetenzen zählen die Produktion von Waffensystemen und Munition sowie die Entwicklung, Herstellung und Instandhaltung von Kettenfahrzeugen.
Unterlüß ist zudem der größte privat betriebene Schießplatz Europas. Im vergangenen Jahr wurde dort das „Werk Niedersachsen“ – eine der modernsten Produktionsstätten für Artilleriemunition – in Betrieb genommen. Eine Fabrik für Raketenmotoren steht derzeit kurz vor der Fertigstellung. Die Produktion von Raketenmotoren und Komponenten für Lenkflugkörper soll bereits 2027 beginnen.
Der gemeinsame Pressetext der Kooperationspartner schließt mit dem Hinweis: „Die Co-Produktion von ATACMS-Raketen in Europa stärkt die Abschreckungsfähigkeit der Verbündeten sowie die Wirtschaft auf beiden Seiten des Atlantiks. ATACMS hat seine operative Wirksamkeit, Präzision und Zuverlässigkeit über Jahrzehnte in hochintensiven Konflikten unter Beweis gestellt. Angesichts der hohen weltweiten Nachfrage wird Lockheed Martin seine bestehende Produktionslinie in Camden (Arkansas) weiter betreiben, bis der Übergang abgeschlossen ist. Die Vereinbarung unterstreicht Lockheed Martins Engagement für Europa und den Aufbau langfristiger Co-Produktion mit europäischer Industrie.“
Die Abkürzung ATACMS steht für Army Tactical Missile System, eine Kurzstreckenrakete, die vom US-Rüstungskonzern Lockheed Martin hergestellt wird. Es gibt sie in Versionen mit unterschiedlicher Reichweite – nach wie vor auch im Einsatz im Ukrainekrieg.
Die erste Version, die die USA im Jahr 2023 der Ukraine lieferten, hatte eine Reichweite von maximal 165 Kilometern. Später erhielten Kiews Streitkräfte ATACMS mit einer Reichweite von bis zu 300 Kilometern. ATACMS können mit Streumunition bestückt werden, die sich am Zielort in einem weiten Radius verteilt. International ist Streumunition höchst umstritten, weil sie wegen ihres Streufaktors auch Jahre nach einem militärischen Konflikt Menschen töten oder verletzen kann.
ATACMS werden von mobilen Raketenwerfern vom Typ HIMARS (HIMARS = High Mobility Artillery Rocket System) oder MLRS M270 (MLRS = Multiple Launch Rocket System; in der Bundeswehr nach Kampfwertsteigerung als MARS II bekannt) abgeschossen. Sie sollen ihr Ziel in weniger als fünf Minuten erreichen können – deutlich schneller als andere Kurzstreckenraketen. Allerdings steigen ATACMS im Flug vergleichsweise hoch und können deshalb leichter als andere Raketen von der Flugabwehr des Gegners ins Visier genommen werden. Das unterscheidet ATACMS unter anderem von Marschflugkörpern wie dem deutschen Taurus-System oder den britischen Raketen vom Typ Storm Shadow.
Zu unserem Bildmaterial:
1. Grafische Darstellung einer Kurzstreckenrakete ATACMS des Rüstungskonzerns Lockheed Martin.
(Bild: Lockheed Martin Corporation)
2. Reichweitenvergleich verschiedener Systeme vor dem Hintergrund des Ukrainekrieges.
(Bild: Infografik © united24media.com; Lokalisierung mediakompakt 07.26)
3. ATACMS während eines Testfluges 2012 in den USA.
(Foto: Lockheed Martin Corporation)
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