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Berlin/Rostock/Nordholz. Vor rund fünf Jahren, am 4. März 2015, billigte der Haushaltsausschuss des Bundestages die Beschaffung von insgesamt 18 Hubschraubern des Typs NH90 NTH Sea Lion für die Deutsche Marine (NTH = Naval Transport Helicopter). Die 18 Maschinen werden den Steuerzahler knapp 1,4 Milliarden Euro kosten. Der erste Sea Lion wurde am 24. Oktober 2019 vom Hersteller Airbus Helicopters an das Koblenzer Bundesamt für Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung der Bundeswehr (BAAINBw) ausgeliefert. Aber erst jetzt, am 27. Mai 2020, übernahm die Marine nach einer entsprechenden Erklärung ihres Inspekteurs offiziell die erste Maschine. Bis zum Jahr 2022 sollen alle 18 Sea Lion auf dem Marinefliegerhorst Nordholz stationiert sein. Die neuen Hubschrauber werden die mehr als 30 Jahre alten Sea King Mk.41 ablösen.

Der Inspekteur der Marine, Vizeadmiral Andreas Krause, teilte per Kurznachrichtendienst Twitter mit, dass er am 27. Mai „die Übernahmeerklärung [für den NH90 NTH Sea Lion] abgegeben“ habe und man „am 25. Juni den Beginn des Flugbetriebs durch die Deutsche Marine mit allen Beteiligten in Nordholz“ feierlich begehen werde. Thorsten Bobzin, Kommandeur der Marineflieger, ergänzte auf Twitter, dass die Truppe „parallel dazu die vierte Maschine Sea Lion“ erwartet.

Wie die Teilstreitkraft zudem bekanntgab, haben die ersten Besatzungen für den neuen Helikopter Sea Lion – insgesamt sechs Soldaten des Nordholzer Marinefliegergeschwaders 5 – am 27. Mai auch ihren letzten Flug auf der betagten Sea King absolviert und damit gemeinsam etwa 14.400 Flugstunden auf diesem Muster absolviert.

Mangelhafte technische Dokumentation verhinderte zunächst den Flugbetrieb

Der am 24. Oktober 2019 von Airbus Helicopters an das BAAINBw ausgelieferte und anschließend nach Nordholz überführte erste Marinehubschrauber Sea Lion war danach nicht in den Anfangsflugbetrieb aufgenommen worden. Am 27. November 2019 hatte dazu das Bundesministerium der Verteidigung in einer Pressemitteilung erklärt: „Die Bundeswehr hat sich dazu entschlossen, den Anfangsflugbetrieb mit dem neuen Hubschrauber NH90 Sea Lion nicht aufzunehmen. […] Wir sind zwar grundsätzlich von der Leistungsfähigkeit des Hubschraubers NH90 Sea Lion überzeugt. Aber aufgrund der unzureichenden und lückenhaften technischen Dokumentation kann jedoch zum jetzigen Zeitpunkt ein Flugbetrieb durch die Frauen und Männer der Marine nicht verantwortet werden.“

Das Ministerium erläuterte seine Entscheidung: „Eine akribische und lückenlose Dokumentation ist die Grundlage für strukturiertes und damit sicheres Handeln, ob im Grundbetrieb oder im Einsatz. Daher verzichten wir auf einen vorschnellen Beginn des Ausbildungsflugbetriebes noch in diesem Jahr. Der Hersteller hat zugesagt, die noch erheblichen Fehler in der Dokumentation schnellstmöglich zu beheben. Diese Verzögerung hat aber aktuell keine Auswirkungen auf die Herstellung der vollen Einsatzreife des Hubschraubers, die ab 2023 vorgesehen ist.“

Nach der Überführung des ersten Sea Lion nach Nordholz war auf dem Fliegerhorst an der Maschine eine Wartung durchgeführt worden. Dabei sei – so die damalige Erklärung des Ministeriums – die sogenannte „Interaktive Elektronische Technische Dokumentation (IETD)“ zum Einsatz gekommen. Über die IETD hieß es im Pressetext: „Eine Technische Dokumentation umfasst alle Informationen, die ein Waffensystem beschreiben und zu seiner Nutzung, Wartung und Reparatur anleiten. Sie stellt die Informationen systematisiert bereit und strukturiert sie so, dass der reibungslose Betrieb handhabungssicher ermöglicht wird. Die Technische Dokumentation ist damit essentiell für den sicheren Betrieb des Luftfahrzeuges.“

Das Prüfergebnis war enttäuschend – dazu das Wehrressort: „Im Rahmen der Überprüfung ergaben sich […] in deutlich mehr als 150 Positionen Unregelmäßigkeiten. In der Summe handelt es sich hierbei um erhebliche Fehler, die einen sicheren Flugbetrieb des Hubschraubers zunächst nicht erlauben.“

Großes Aufgabenspektrum für den neuen Marinehubschrauber

Die NH90 NTH Sea Lion der Deutschen Marine werden nach ihrer Indienststellung ein breites Spektrum von Aufgaben übernehmen, unter anderem Such- und Rettungsmissionen (SAR), maritime Aufklärung, Beförderung von Spezialkräften ins Einsatzgebiet sowie routinemäßiger Personal- und Materialtransport. Neben der landgestützten Verwendung soll der Sea Lion auch auf den Einsatzgruppenversorgern der Klasse 702 („Berlin“-Klasse) betrieben werden.

In einem Pressestatement von Airbus Helicopters zur Übergabe der ersten Maschine an das BAAINBw wies der Hersteller auf weitere Vorzüge hin: „Der Sea Lion wird dank seiner Mehrrollen- und Ausbaufähigkeit die Flotte der Sea King Mk.41 der Deutschen Marine nicht nur ersetzen, sondern deren Einsatzfähigkeiten signifikant verbessern. Durch die hohe Genauigkeit und leichte Handhabung seiner Fly-By-Wire-Flugsteuerung reduziert der NH90 Sea Lion die Arbeitsbelastung der Crew. Dies bewährt sich insbesondere beim Schwebeflug über Wasser, selbst unter schlechten Wetterbedingungen.“

Eine weitere NH90-Variante von Airbus ist der Sea Tiger. Er soll der Nachfolger des in die Jahre gekommenen Mehrzweckhubschraubers Sea Lynx Mk.88A werden, der voraussichtlich ab 2025 außer Dienst gestellt wird (wir berichteten in der Vergangenheit ausführlich über den Sea Lion – beispielsweise hier und hier – und auch über das Beschaffungsvorhaben Sea Tiger: hier).


Zu unserem Bildmaterial:
1. und 2. Marineinspekteur Andreas Krause berichtete am 28. Mai 2020 via Twitter über die Übernahmebereitschaft für den Sea Lion. Das dabei verwendete Bildmaterial zeigt die erste Maschine auf dem Fliegerhorst Nordholz sowie die ersten sechs bereits für den Sea Lion ausgebildeten Geschwaderangehörigen.
(Fotos: Deutsche Marine)

Kleines Beitragsbild: NH90 Sea Lion im Anflug.
(Foto: Pia Galler/Bundeswehr)


Kommentare

  1. Peter Eberl | 4. Juni 2020 um 11:59

    Kann jemand Auskunft darüber geben, warum der Nachfolger des Sea Lynx nach einer Garnelenart benannt wird?

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