menu +

Nachrichten



Berlin/Dessau-Roßlau/Kiel. In der Nord- und Ostsee lagern nach Schätzungen des Umweltbundesamtes immer noch brisante militärische Altlasten: Experten gehen von etwa 1,6 Millionen Tonnen konventioneller Munition und rund 5000 Tonnen chemischer Kampfstoffe aus, die während der beiden Weltkriege durch Militäroperationen oder danach durch Verklappung versenkt worden sind. Die Metallhüllen der Munitionskörper – beispielsweise Torpedos, Bomben, Minen, Granaten sowie Kleinmunition – korrodieren und lecken mit der Zeit und setzten dabei enthaltenen Schadstoffe wie etwa Phosphor in die Meeresumwelt frei. Eine 2018 veröffentlichte Studie der Christian-Albrechts Universität Kiel in Zusammenarbeit mit dem GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel zeigt, dass dieses brisante Problem nicht nur die Nord- und Ostsee betrifft, sondern globale Dimensionen hat. Die Küstenregionen fast aller Kontinente sind durch Munitionsaltlasten und Schiffswracks der Kriege bedroht. Derzeit sucht ein multinationaler Minenabwehrverband in dänischen Gewässern nach scharfer Weltkriegsmunition …

Der Rostocker CDU-Bundestagsabgeordnete Peter Stein befasst sich seit langem schon mit dem Thema der gefährlichen militärischen Hinterlassenschaften in den nationalen und internationalen Gewässern. Als Berichterstatter für das Sachgebiet „Munitionsaltlasten“ bei der Ostseeparlamentarierkonferenz (Baltic Sea Parliamentary Conference, BSPC), dem Zusammenschluss nationaler und regionaler Parlamente aus dem Ostseeraum und mit Bezug zum Ostseeraum, führt er immer wieder intensive Gespräche mit Regierungsvertretern und Experten.

Stein plädiert für einen multinationalen Finanzierungsfonds zur schrittweisen Beseitigung der Gefahren in Nord- und Ostseegewässern. „500 Millionen Euro wären angesichts der Herkulesaufgaben für den Anfang ein angemessener Betrag. Und wenn Deutschland die Hälfte davon trüge, wäre das ein wichtiges Signal an die anderen Staaten“, sagte Stein gegenüber Medienvertretern. Er verwies dabei auf aktuelle Schätzungen, nach denen für Bergung oder Beseitigung der in Nord- und Ostsee versenkten Kampfmittel zwischen 70 bis 100 Milliarden Euro veranschlagt würden. „Man kann sicher nicht alles rausholen. All das aber, was für Mensch, Tiere und Pflanzen Gefahren birgt, muss geborgen oder unschädlich gemacht werden“, mahnt der Politiker.

Übrigens: Zusätzliche Probleme bereitet die bereits langjährige Nutzung der Küstengewässer als Schieß- und Einsatzgebiete für Bundeswehr und NATO-Verbände; nicht zu vergessen auch die jahrzehntelange Nutzung durch die damalige NVA und Truppen der einstigen UdSSR. Auf Grund der vielen Blindgänger – ihr Anteil wird auf bis zu 30 Prozent geschätzt – bildet neue Munition eine wachsende Gefahrenquelle.

Bundeswehr in engem Austausch mit Bund- und Länderbehörden

Einen kleinen Teil der Herkulesaufgabe „Kampfmittelbeseitigung im Meer“ übernehmen Jahr für Jahr auch immer wieder die Spezialisten der Bundeswehr. So stehen die Kampfmittelräumdienste, die Wasserstraßen- und Schifffahrtsämter sowie die Deutsche Marine in regelmäßigem Informationsaustausch über neuentdeckte Gewässeraltlasten. Nach der Dokumentation der Funde stimmt man sich sofort über das weitere Vorgehen ab.

Einheiten unserer Marine und auch die beiden ständigen Minenabwehrverbände der NATO – die Standing NATO Mine Countermeasures Group (SNMCMG) 1 und 2 – beseitigen zudem im Rahmen ihrer Ausbildung und Übungen regelmäßig Stück für Stück der schlimmen Hinterlassenschaften. Dies geschieht auch jetzt wieder beim zweiwöchigen Minenabwehrmanöver „Baltic Mine Countermeasures Squadron Exercise“, das am 15. März begonnen hat.

Gezielte Minenjagd und Minentauchen sowie großflächiges Minenräumen

An der Minenjagd in der Ostsee beteiligen sich die Minenabwehrboote „Fulda“, „Grömitz“ und „Bad Rappenau“ vom 3. Minensuchgeschwader aus Kiel. Die „Bad Rappenau“ fungiert zugleich als Minentauchereinsatzboot. Begleitet werden die Boote vom Tender „Elbe“ aus dem Unterstützungsgeschwader als Flagg- und Führungsschiff. Der nationale Verband umfasst rund 150 Kieler Marinesoldaten.

Das 3. Minensuchgeschwader besteht aus den zehn Minenjagdbooten der „Frankenthal“-Klasse. Dieser Bootstyp bündelt alle Fähigkeiten der Marine zur verbundenen Seeminenabwehr: gezielte Minenjagd und Minentauchen sowie großflächiges Minenräumen. Zwei Boote des Geschwaders sind in der Regel immer Teil der beiden NATO-Verbände SNMCMG 1 und 2.

Die Minenjagdboote haben mehrere Möglichkeiten, Gefahren unter Wasser zu suchen und zu beseitigen. Entweder steuern sie kabelgelenkte Unterwasserdrohnen, die Minen identifizieren und vernichten können. Oder sie setzen Minentaucher des Seebataillons ein, die Sprengkörper an schwer zugänglichen Stellen – beispielsweise in Häfen – unschädlich machen können. Darüber hinaus können sie die Überwasserdrohnen der „Seehund“-Klasse, die Motorengeräusche und Magnetfeld von Schiffen simulieren und so Grundminen zur Detonation bringen, einsetzen.

„Baltic Mine Countermeasures Squadron Exercise“ mit fünf Nationen

Die NATO-Partner Belgien, Dänemark, Lettland und Litauen haben sich den deutschen Marinesoldaten für das zweiwöchige Minenabwehrmanöver angeschlossen. Die multinationale Übung hat zum Ziel, die Zusammenarbeit der Seestreitkräfte im Ostseeraum zu verbessern. Ins Leben gerufen worden war „Baltic Mine Countermeasures Squadron Exercise“ im Jahr 2016 vom 3. Minensuchgeschwader. Die international besetzte SquadEx ist ein Ergebnis der „Baltic Commanders Conference“, einer Zusammenkunft der Marinebefehlshaber aus Dänemark, Deutschland, Estland, Finnland, Lettland, Litauen, Norwegen, Polen und Schweden im Jahr 2015 (wir berichteten).

Das diesjährige SquadEx-Kontingent übt in der westlichen Ostsee gemeinsam seemännische Manöver, Gefechtsdienst, See- und Luftzielschießen und wird in dänischen Gewässern zur Unterwasser-Minenabwehr eingesetzt, um nach Munitionsaltlasten zu suchen.

Der Koblenzer Umweltexperte und Gutachter Stefan Nehring hat sich in den vergangenen Jahren intensiv mit der Problematik der Rüstungsaltlasten in den Nord- und Ostseegewässern befasst. In einer seiner Arbeiten wird deutlich, wie sehr auch die Dänen unter der Altmunition leiden. Über die dänischen Gewässer schrieb der Experte einmal: „[Hier] im Kleinen Belt [befindet sich] eine Versenkungsstelle, an der von der Deutschen Kriegsmarine kurz vor Kriegsende zwei Schiffe mit insgesamt etwa 69.000 Tabun-Granaten und zusätzlich noch weitere 5000 Bomben und Granaten, gefüllt mit Phosgen und Tabun, versenkt wurden. In den Jahren 1959 bis 1960 wurden die Tabun-Granaten aus den Schiffen geborgen, in Betonkörper eingegossen und zusammen mit weiteren Kampfstoffgranaten, die am Ausgang der Kieler Förde gehoben worden waren, im Golf von Biskaya über Bord gegeben.“

Man kann davon ausgehen, dass damit die Gefahren vor der dänischen Küste nicht vollständig beseitigt worden sind. Der Verband, dessen deutscher Anteil (Minenabwehrboote „Fulda“, „Grömitz“ und „Bad Rappenau“ sowie Tender „Elbe“) in See von Fregattenkapitän Inka von Puttkamer geführt wird, dürfte bei seinem länderübergreifenden Manöver noch auf weitere versenkte Kampfstoffe stoßen. „Wir tragen Verantwortung dafür, die Ostsee sicherer zu machen“, sagte die 38 Jahre alte Marinesoldatin vor dem Auslaufen des Verbandes in Kiel.

Aufgrund der Corona-Pandemie müssen die Besatzungen an Bord der Boote und Schiffe strenge Auflagen einhalten. Alle Dienstrade wurden vor Auslaufen auf eine mögliche COVID-19-Erkrankung getestet, unterliegen nun einem dauernden Masken- und Abstandszwang, bleiben während der Übung in der Kohorte der Besatzung und treffen organisatorische Regelungen für besondere Bereiche wie die Essensausgabe an der Kombüse oder den Aufenthalt in Betriebsräumen. Die drei Boote und der Tender werden Ende März wieder im Heimathafen zurückerwartet. Unser Beitrag wird fortgesetzt …


Zu unserer Bildsequenz:
1. „Baltic Mine Countermeasures Squadron Exercise“ im August 2020. Die Bild zeigt die beteiligten deutschen Minenjagdboote vom 3. Minensuchgeschwader aus Kiel auf dem Weg nach Bergen, Norwegen.
(Foto: Friedrich Weishaupt/Bundeswehr)

2. Führt bei der diesjährigen SquadEx die Minenabwehrboote „Fulda“, „Grömitz“ und „Bad Rappenau“ sowie den Tender „Elbe“: Fregattenkapitän Inka von Puttkamer. Die 38-Jährige ist Stellvertretende Kommandeurin des 3. Minensuchgeschwaders, Kiel.
(Foto: Marcel Kroencke/Bundeswehr)

3. Munitionsaltlasten in den Meeren gefährden die Schifffahrt, die Fischerei, Menschen an Stränden und das Ökosystem. Behindert werden durch die alten Kampfmittel auch Offshore-Installationen und Seekabel-Verlegungen.
(Bild: Forsvarets forskingsinstitutt – the Norwegian Defence Research Establishment FFI)

Unser Großbild auf der START-Seite zeigt eine Verklappungsstelle von Munitionskisten in der Lübecker Bucht in der Ostsee. Über den Zustand der darin noch befindlichen Kampfmittel kann nur spekuliert werden.
(Bild: GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel)


Kommentieren

Bitte beantworten Sie die Frage. Dies ist ein Schutz der Seite vor ungewollten Spam-Beiträgen. Vielen Dank *

OBEN