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Berlin/Laage bei Rostock/Nossentin. Bei einem Flugunfall am gestrigen Montag (24. Juni) sind zwei Kampfflugzeuge vom Typ Eurofighter des Taktischen Luftwaffengeschwaders 73 „Steinhoff“ aus Laage nach einer Kollision abgestürzt. Ein Pilot konnte sich mit dem Schleudersitz aus seinem Cockpit herausschießen und lebt. Der andere Pilot konnte nur tot geborgen werden. Zusammen mit einem dritten Eurofighter flogen die beiden Maschinen über der Mecklenburgischen Seenplatte eine Air Combat Mission. Die Eurofighter waren für diese Übung unbewaffnet. Der Pilot des dritten Kampfflugzeugs berichtete unmittelbar nach der Kollision von zwei Fallschirmen, die zu Boden gingen.

Der Zusammenstoß ereignete sich gegen 14:20 Uhr. Zu diesem Zeitpunkt meldeten sich auch über den Polizeinotruf die ersten Bürger aus dem Bereich der Gemeinde Nossentiner Hütte, die den Zusammenstoß der beiden Militärmaschinen in der Luft zwischen dem Drewitzer See und dem Fleesensee beobachtet hatten. Anrufer berichteten auch von zwei Fallschirmen.

Die örtliche Polizei schickte daraufhin alle verfügbaren Streifenwagen in das beschriebene Absturzgebiet. Nach kurzer Zeit wurde die erste Absturzstelle in einem Waldgebiet zwischen den Ortschaften Silz und Jabel entdeckt. Das zweite Flugzeug stürzte auf einem Feld am Waldrand südwestlich der Gemeinde Nossentiner Hütte ab.

Gegen 14:45 Uhr wurde dann der erste Pilot von den Polizeikräfte gefunden. Er war mit seinem Fallschirm in einem Baum im Bereich Nossentiner Hütte hängengeblieben und konnte dort aus rund 20 Metern Höhe befreit werden. Der Soldat hatte den Rettern zuvor ein Lebenszeichen gegeben. Er kam mit Verletzungen in ein Krankenhaus.

Eine Berührung in der Luft mit fatalen Folgen

Mit zahlreichen Polizeibeamten, mehreren Polizeidiensthunden, drei Hubschraubern, Beamten der Wasserschutzpolizei, der Bereitschaftspolizei und der Rettungshundestaffel wurden danach die Suchmaßnahmen nach dem zweiten Piloten intensiviert. Gegen 15:50 Uhr wurde bekannt, dass in der Nähe von Silz Leichenteile aufgefunden worden waren. Eine Bestätigung, dass es sich dabei um den vermissten zweiten Piloten handeln könnte, blieb zunächst aus. Um 16:15 Uhr berichteten der Nordkurier und n-tv zeitgleich, dass der zweite Pilot bei dem Flugunfall ums Leben gekommen sei. Um 17:30 Uhr bestätigte die deutsche Luftwaffe auf Twitter den Tod ihres Kameraden: „Einer der abgestürzten Piloten konnte nur tot geborgen werden. Der zweite Pilot konnte sich mit seinem Fallschirm retten und lebt. Um ihn kümmern sich die Rettungskräfte.“

Am frühen Abend trafen in Nossentin Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen, Luftwaffeninspekteur Ingo Gerhartz und Mecklenburg-Vorpommerns Innenminister Lorenz Caffier ein.

Von der Leyen sagte den wartenden Medienvertretern: „Das ist heute ein schwerer Tag für unsere Luftwaffe und unsere Bundeswehr. Wir haben durch einen Flugunfall einen Soldaten verloren – unser Mitgefühl und unsere Gedanken sind bei seinen Angehörigen und seinen Kameradinnen und Kameraden. Nach all dem, was wir bisher wissen, sind heute am frühen Nachmittag etwa gegen 14 Uhr vom Fliegerhorst Laage drei Eurofighter zu einem Übungsflug aufgestiegen. Nach etwa 20 Minuten hat es in der Luft eine Berührung zwischen zwei Eurofighter gegeben mit fatalen Folgen. In beiden Maschinen ist der Schleudersitz aktiviert worden. Der Pilot [eines der beiden Kampflugzeuge] konnte lebend geborgen werden, aber der zweite Pilot ist leider nur tot aufgefunden worden.“

Die Verteidigungsministerin bedankte sich danach ausdrücklich „bei allen Einsatzkräften – der Polizei, der Feuerwehr, dem Landesinnenministerium von Mecklenburg-Vorpommern – , die uns in der Stunde der höchsten Not helfen. Und ich danke auch der Bevölkerung für ihre Besonnenheit, mit der sie dieses schreckliche Ereignis hier heute auch begleiten.“

Eurofighter bei der deutschen Luftwaffe seit 15 Jahren erfolgreich im Einsatz

Generalleutnant Gerhartz konnte bei der provisorischen Pressekonferenz in Nossentin das Statement von der Leyens noch um einige fachspezifische Details ergänzen. Bei den drei Eurofighter-Kampfflugzeugen, die von Laage bei Rostock aus zu ihrem Übungsflug über dem Landkreis Mecklenburgische Seenplatte aufgebrochen waren, habe es sich um drei Einsitzer gehandelt. Alle drei Maschinen seien unbewaffnet gewesen. Die Eurofighter sollten bei diesem Einsatz ein sogenanntes Air-Combat-Manöver fliegen und damit eine reale Gefechtssituation üben. Bei diesem Szenario verfolgen zwei Jets eine dritte Maschine (den „Zieldarsteller“) und trainieren so, ein „gegnerisches Flugzeug“ auszuschalten.

Der Luftwaffeninspekteur weiter: „Nach etwa 20 Minuten kam es aus bislang ungeklärter Unfallursache dann zwischen zweien dieser drei Eurofighter zu einer Berührung in der Luft. Von dem dritten Piloten, der das Geschehen beobachten konnte und nun unter Schock steht, wurde unmittelbar nach dem Zusammenstoß bestätigt, dass die beiden Piloten der Unfallmaschinen ihre Schleudersitze betätigt hatten und auch die Fallschirme an den Sitzen zu sehen waren.“ Dass einer der beiden Piloten schließlich nur tot habe geborgen werden können, sei für die Luftwaffe „ein tiefer Schock“, so Gerhartz. Man sei – wenige Stunden nach diesem Ereignis – sehr betroffen und in Gedanken bei den Angehörigen des tödlich verunglückten Soldaten.

Der Inspekteur machte abschließend darauf aufmerksam, dass der Eurofighter in Deutschland bereits seit 2004 – also seit mehr als 15 Jahren – erfolgreich im Einsatz sei. „Wir haben bisher mehr als 100.000 Flugstunden insgesamt mit diesem Waffensystem erflogen. Das ist der erste Eurofighter-Flugunfall, bei dem nicht nur der Verlust der Maschine zu beklagen ist, sondern tragischerweise auch ein Eurofighter-Pilot sein Leben verloren hat.“

Der letzte verhängnisvolle Unfall mit Beteiligung dieses Waffensystems hatte sich übrigens vor fast genau fünf Jahren, am 23. Juni 2014 ereignet (siehe hier). Damals war ein Learjet 35A der Gesellschaft für Flugzieldarstellung GmbH (GFD) mit zwei Personen an Bord über dem Sauerland mit einem Eurofighter vom Taktischen Luftwaffengeschwader 31 „Boelcke“ kollidiert und abgestürzt. Das Flugunglück hatte sich während einer Abfangübung ereignet. Der Kampfjet hatte trotz seiner Schäden zu einer Luftwaffenbasis zurückkehren können, die beiden Learjet-Piloten starben. Unfallermittler kamen damals zu dem Schluss, dass Unachtsamkeiten der Learjet-Besatzung und Fehler bei der Flugplanung für das Unglück verantwortlich gewesen waren.

Flugdatenschreiber mittlerweile gefunden und geborgen

Die Leitung der Flugunfalluntersuchung in Mecklenburg-Vorpommern übernahm der General Flugsicherheit in der Bundeswehr, Brigadegeneral Peter Klement. Er traf am Montagabend in Nossentin ein, nachdem er zuvor nach einem Zwischenstopp am Zivilflughafen Rostock-Laage die Absturzstellen überflogen und sich so ein erstes Lagebild verschafft hatte.

In der Nacht auf Dienstag setzten rund 300 Bundeswehrsoldaten, die mittlerweile die Polizei- und zivilen Rettungskräfte abgelöst hatten, die Suche nach Wrackteilen und den beiden Flugschreibern fort. Auch mussten die Absturzstellen gesichert werden. Dabei kamen Nachtsichtgeräte und starke Scheinwerfer zum Einsatz. Bereits am Montagnachmittag hatten Feuerwehrleute die durch die Abstürze der beiden Maschinen entstandenen Brände am Boden löschen können. Am heutigen Nachmittag um kurz vor 16:30 Uhr teilte die Luftwaffe per Twitter mit, dass die beiden Flugdatenschreiber gefunden und geborgen werden konnten.

Flugbetrieb am Standort Laage „bis auf Weiteres“ eingestellt

Zuvor hatte die Teilstreitkraft Medienvertretern in Laage und in Berlin noch zusätzliche Informationen nachgereicht. So war zu erfahren, dass der bei dem Eurofighter-Flugunfall ums Leben gekommene ausgebildete Kampfpilot 27 Jahre alt gewesen war und etwa 400 Stunden Flugerfahrung gehabt hatte. Der Soldat hatte kurz zuvor noch „eine verbandsinterne Aus- und Weiterbildung“ am Standort Laage durchlaufen, so ein Sprecher der Luftwaffe. Der zweite Pilot ist den Bundeswehr-Angaben zufolge Fluglehrer mit mehr als 3700 Flugstunden. Er befinde sich weiterhin in einem Rostocker Krankenhaus in einer „gesundheitlich stabilen Lage“, es gehe ihm „den Umständen entsprechend gut“.

Das Taktische Luftwaffengeschwader 73 „Steinhoff“ in Laage ist unter anderem für die Ausbildung aller Eurofighter-Piloten der Luftwaffe zuständig. Der Verband hat „bis auf Weiteres“ den Flugbetrieb eingestellt. Die anderen Eurofighter-Geschwader seien nicht betroffen, so die Luftwaffe.

Kommunalpolitiker gegen Übungstiefflüge in Urlauberregionen

Zivile Opfer hat es bei dem Absturz der zwei Militärmaschinen am Montagnachmittag gottlob nicht gegeben. Allerdings scheint die Gemeinde Nossentiner Hütte nur knapp einem Desaster entgangen zu sein – eine der beiden Eurofighter war direkt neben dem Ortsrand auf eine Freifläche gestürzt. In unmittelbarer Nähe des örtlichen Kindergartens wurde später ein Wrackteil von einem halben Meter Länge gefunden. „Wir können von Glück reden, dass wir so davongekommen sind“, zitiert der Bayerische Rundfunk (BR) die Leiterin des Kindergartens. Einige der Kinder hätten den Absturz eines der beiden Kampfjets vom Fenster aus beobachtet. Ein Fotograf der Deutschen Presse-Agentur entdeckte später das stark deformierte Teil nur etwa 40 Meter entfernt von den Spielgeräten der Kinder.

Wie es in dem BR-Beitrag weiter heißt, fordert nun der Bürgermeister von Waren an der Müritz, Norbert Möller, einen Verzicht auf militärische Übungstiefflüge in Urlauberregionen. Viele Touristen hätten kein Verständnis dafür, dass ausgerechnet rings um die Müritz solche Tiefflüge geübt würden, so Möller. Man müsse prüfen, ob gerade Tiefflüge über dem größten deutschen Binnensee abgehalten werden müssten. Auch Almuth Köhler, Bürgermeisterin von Silz und Nossentin, wo eines der verunglückten Flugzeuge abstürzte, stellt jetzt dem BR zufolge ähnliche Forderungen.

Redaktionelle ERGÄNZUNG I

Zwei Wochen nach dem Absturz der beiden Eurofighter-Kampfflugzeuge sind beide Wracks geborgen. Gutachter haben nun ihre Arbeit aufgenommen. Am heutigen Montag (8. Juli) teilte die deutsche Luftwaffe auf Twitter unter anderem mit: „Die Unfallstellen [sind] geräumt. Der militärische Sicherheitsbereich wurde aufgehoben und die Verkehrs- wie Wander- und Radwege sind wieder frei befahr- und begehbar.“

Das Gros der Flugzeugtrümmer sei zum Taktischen Luftwaffengeschwader 73 „Steinhoff“ nach Laage gebracht worden, so die Luftwaffe. Am morgigen Dienstag soll es dort eine Gedenkveranstaltung mit militärischen Ehren für den getöteten Piloten geben. Die Veranstaltung auf dem Fliegerhorst wird auf Wunsch der Familie unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfinden.

Bereits am Montag vor einer Woche (1. Juli) hatte das Geschwader seine Flüge wieder aufgenommen. Der Pilot, der den Zusammenstoß der Eurofighter-Maschinen über der Mecklenburgischen Seenplatte überlebt hatte, war zu diesem Zeitpunkt bereits wieder aus dem Krankenhaus entlassen worden.

Redaktionelle ERGÄNZUNG II

Drei Monate und zwei Wochen nach dem Eurofighter-Unglück über der Mecklenburgischen Seenplatte liegen der Bundeswehr bisher 13 Entschädigungsanträge vor. Dies teilte ein Sprecher der Luftwaffe auf eine Medienanfrage hin mit. Zum Teil sei über diese Anträge noch nicht entschieden.

Eine Umfrage der Deutschen Presse-Agentur bei Kommunen, Feuerwehren, Landwirten und anderen Geschädigten ergab, dass Betroffene bisher mehr als 400.000 Euro Schadenersatz von der Bundeswehr verlangen.

Der Luftwaffen-Sprecher gab auch bekannt, dass die Ursache für eines der schwerste Flugunglücke in der Geschichte der Teilstreitkraft immer noch unklar sei.


Zu unserem Bildmaterial:
1. Zwei Kampfflugzeuge vom Typ Eurofighter am 4. April 2017 nach dem Start in Laage. Die Maschinen, die zum Taktischen Luftwaffengeschwader 73 „Steinhoff“ gehören, fliegen in Formation im Rahmen des „Weapon Instructor Course“ (WIC). Bei diesem Lehrgang werden Eurofighter-Piloten, Jägerleit- und Nachrichtenoffiziere gemeinsam zu Waffenlehrern ausgebildet. Laut Luftwaffe kommen nur die Besten aus den Bereichen Fliegerischer Dienst, Einsatzführungsdienst und militärischem Nachrichtenwesen dafür in Frage.
(Foto: Stefan Petersen/Bundeswehr)

2. Unsere Infografik zeigt den Bereich in Mecklenburg-Vorpommern, in dem sich das Eurofighter-Unglück am 24. Juni 2019 ereignet hat.
(Infografik © Christian Dewitz/mediakompakt 06.19)

3. Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen und Generalleutnant Ingo Gerhartz, Inspekteur der Luftwaffe, stellten sich am frühen Abend des 24. Juni 2019 in Nossentin der Presse.
(Bildschirmfoto: Quelle Team Luftwaffe auf Twitter)


Kommentare

  1. Judith Mohn | 28. Juni 2019 um 12:42

    Mein Beileid für den abgestürzten Piloten, seinen Angehörigen und Kameraden!

    Dieser Unfall ist schrecklich und für alle Beteiligten schwierig und belastend. Aber was in Kommentaren und Stellungnahmen veröffentlich wurde – von „… man muss ja nicht Krieg spielen …“ bis hin zu „… unverantwortlich über bewohntem Gebiet …“ und noch vielen weiteren ähnlichen Beiträgen – lässt mich am Verstand dieser Personen zweifeln.

    Auch finde ich es beschämend, wie sich Politiker mit zum Teil ähnlichem Tenor über dieses Unglück bei der Bevölkerung profilieren wollen. Wie viel Kleinflugzeuge sind in den letzten Jahren vom Himmel gefallen? Niemand forderte bisher, diese Flüge einzustellen.
    Unsere Soldaten „spielen nicht Krieg!“, sie üben für den Ernstfall, um (nicht nur unsere) die Bevölkerung zu schützen. Dies alles im Auftrag des Volkes, das ja bekanntermaßen das Parlament wählt.

    Als Beispiel eine „vermeintlich harmlose“ Situation, die jeden Tag vorkommen kann: Ein Passagierflugzeug meldet sich nicht mehr, dann steigen zur Sicherheit Bundeswehr-Kampfflugzeuge auf, um zu klären, warum keine Meldung erfolgt. Mitunter begleiten sie das Flugzeug später auch zum nächsten Flughafen. Na ja, das ist nicht militärisch – oder vielleicht doch?

    Wenn ein Absturz bei solch einem realen Szenario passiert und die Passagiermaschine sicher gelandet und einer der Jets verunglückt wäre, wäre das Unglück tragisch und die Piloten Helden gewesen. Wahrscheinlich wären sie in diesem Fall sogar gefeiert worden.

    Die Bundeswehr analysiert die Ursache des Eurofighter-Absturzes in Mecklenburg-Vorpommern und wird im Anschluss die Konsequenzen ziehen, die erforderlich sind. Meinen Respekt und Dank allen Beteiligten, auch den zivilen Kräften!

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