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Berlin/Regensburg. Der Deutsche Bundeswehr-Verband bezeichnete die heftige Debatte um weibliche Dienstgrade als „Image-Schaden mit Ansage“. In der Tat hatten im Bundesministerium der Verteidigung hochbezahlte und offenbar nur teilausgelastete Köpfe lange darüber gebrütet, wie man den Soldatinnen in den deutschen Streitkräften etwas Gutes tun können. Man plante, Dienstgrade zu gendern: Feldwebelin, Leutnantin, Generälin. Ein schlechter Scherz? Ein Coup des BMVg mitten im Sommerloch? Eine Blitzumfrage des Bundeswehr-Verbandes unter weiblichen Mandatsträgern ergab: 87,14 Prozent der Befragten halten weibliche Dienstgrade für völlig unwichtig. Ähnlich überwältigend war die Ablehnung des „Dienstgrad-Gendering“ (viele sprachen auch von „Gendergaga“) in den sozialen Medien. Jetzt hat Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer die Reißleine gezogen …

Die Ministerin will vorerst keine weiblichen Dienstränge für Frauen in Uniform bei der Bundeswehr einführen lassen. Das berichtet am heutigen Mittwoch (16. September) SPIEGEL-Chefreporter Matthias Gebauer in seinem Beitrag „Kramp-Karrenbauer räumt Streit über weibliche Dienstgrade ab“. Staatssekretär Peter Tauber twitterte am Spätnachmittag nach der Entscheidung: „Weibliche Dienstgrade? Die Ministerin hat mit dem Haushalt, Rüstungsprojekten und Ausrüstungsfragen, dem Irak-Mandat, der Operation im Mittelmeer gerade viele wichtige Themen in Bearbeitung. Sie wird sich der Frage der Dienstgradbezeichnungen zu gegebener Zeit widmen.“

Von den Planungen des eigenen Hauses völlig überrascht?

Die Öffentlichkeit war auf das neue Gender-Konzept aus der Führungsetage des Ministeriums durch einen Bericht der WELT vom 10. September aufmerksam geworden. In dem Beitrag war von einer Vorlage die Rede, die offenbar von mehreren Abteilungsleitern aus dem Wehrressort gezeichnet worden war. Wie die Zeitung weiter berichtete, habe das Konzeptpapier für den 15. September eine „Vorlage zur Entscheidung“ für die Ministerin über die Einführung neuer Dienstgradbezeichnungen angekündigt.

Der SPIEGEL will in Erfahrung gebracht haben, dass Kramp-Karrenbauer „von den Planungen des eigenen Hauses angeblich völlig überrascht“ worden sei. Autor Gebauer zitierte einen Sprecher der versicherte, die Ministerin sei bisher mit dem Thema überhaupt nicht befasst gewesen. Angesichts des Medienechos und der öffentlichen Diskussionen, die der WELT-Beitrag ausgelöst hatte, kaum zu glauben. Im SPIEGEL-Text heißt es zudem: „Im Ministerium hält sich hartnäckig die Behauptung, dass Kramp-Karrenbauer die Idee mit einigen Abteilungsleitern bereits im Frühjahr bei einem sogenannten Tischgespräch diskutiert habe.“

Frage der sprachlichen Gleichbehandlung seit längerem Teil von Diskussionen

So abwegig scheint dies in der Tat nicht zu sein. Denn das Thema „Dienstgrad-Gendering“ ist nicht erst seit kurzer Zeit im Wehrressort ein Vorhaben, mit dem sich Projektverantwortliche „bleibende Verdienste“ erwerben könnten. Schon die Deutsche Presse-Agentur erfuhr vor Längerem von einer Ministeriumssprecherin: „Die Gleichstellung von Frauen und Männern ist durchgängiges Leitprinzip im Geschäftsbereich des Bundesministeriums der Verteidigung. Als eine von vielen Fragestellungen ist dabei auch die Frage der sprachlichen Gleichbehandlung seit längerem Bestandteil von Diskussionen.“

Dass „hinter den Kulissen“ schon lange eine Hausdebatte zur Einführung weiblicher Dienstgrade entbrannt ist, hat bereits im März vergangenen Jahres WELT-Wirtschaftsredakteur Gerhard Hegmann aufgedeckt. Eine Sprecherin des Ministeriums bestätigte ihm damals: „Im Moment findet lediglich ein ergebnisoffener Meinungsaustausch zum Thema ,Dienstgradbezeichnung‘ statt – diesen gilt es abzuwarten.“

Auch Hegmann wurde bei seinen Recherchen rasch klar: „Es ist offenbar nicht so, dass die Frauen in der Bundeswehr dringenden Bedarf für eine Änderung der Rechtslage sehen.“ Zum Beleg führte er einen internen Newsletter des BMVg-Hauptpersonalrats mit einer Äußerung von Stabsfeldwebel Christiane Ernst-Zettl an. Die Soldatin schrieb: „In der Truppe stoßen diese neueren Überlegungen zur Einführung weiblicher Dienstgrade zum jetzigen Zeitpunkt auf wenig Anklang.“ Es werde immer wieder gefragt, ob es in der Bundeswehr „keine dringenderen Probleme“ gebe. Ernst-Zettl verwies auch auf praktische Aspekte. Solle beispielsweise ein höherer Dienstgrad sagen „Die beste Soldatin in meiner Einheit ist meine Hauptfrau“? Zudem werde Anstoß genommen an möglichen Verweiblichungen wie „Hauptmännin“.

Deutsche Sprache gegen den Gender-Unfug durchzusetzen

Vor allem in öffentlichen und politischen Institutionen, Behörden, Universitäten und vielen Unternehmen ist mittlerweile ein hartnäckiges, ja teilweise eiferndes „Gender-Bewusstsein“ an der Tagesordnung. Nach und nach bürgern sich Sternchen, Gendergaps und Binnen-I ein beziehungsweise werden uns übergestülpt.

Das bundeswehr-journal hat vor einiger Zeit den Aufruf des Vereins Deutsche Sprache mitunterzeichnet, der in dem Appell „an Politiker, Behörden, Firmen, Gewerkschaften, Betriebsräte und Journalisten“ gipfelt, die deutsche Sprache gegen den Gender-Unfug wieder durchzusetzen (siehe hier).

Bei uns gab es bislang und wird es auch in Zukunft lesefreundliche Sprache geben, die unmissverständlich transportiert, was gemeint ist. Wenn wir schreiben „die Soldaten der Bundeswehr“, dann sind natürlich neben den Männern auch alle anderen Angehörigen der Streitkräfte gemeint: Frauen und Menschen unterschiedlicher sexueller Orientierung und Geschlechtsidentität.

Was wir keinesfalls wollen, sind denkbare Gender-Sprachkonstrukte wie: „Die Karrieremöglichkeiten für Männer und Frauen bei der Bundeswehr sind vielfältig. Sie dienen gleichgestellt als Boots- oder Panzerkommandant*in, als Arzt/Ärztin oder als Informationstechnik-Spezialist*in im Inland wie auch in den Einsätzen und einsatzgleichen Verpflichtungen der Bundeswehr. […] Neben der Möglichkeit, in der Truppe vom/von der Mannschaftssoldat*in bis in die höchsten Generalsränge aufzusteigen, bietet auch der zivile Bereich zahlreiche Berufs- und Aufstiegschancen. Angestellte und Beamte*innen in der Bundeswehr arbeiten als Sachbearbeiter*innen in verschiedenen Bereichen bei der Truppe oder in der Wehrverwaltung, aber auch als Ingenieur*innen für Wehrtechnik, als Biologe*innen und Geologe*innen …“ In diesem Sinne: Bei uns auch weiterhin guter Journalismus ohne Gender-Zwang!

Und jetzt zu einem Kommentar von Dagmar Unrecht in der Mittelbayerischen Zeitung, der sich noch einmal mit dem BMVg-Projekt der sprachlichen Sonderbehandlung von Frauen in der Truppe befasst: Vom Dienstgrad-Gendering, das mitten ins Minenfeld führt! Gottlob wurde der Sprach-Unsinn – wie bereits erwähnt – nun (vorerst) von der Verteidigungsministerin gestoppt.


Dagmar Unrecht, Mittelbayerische Zeitung: Bootsfrau, Feldwebelin, Oberstleutnantin – das Verteidigungsministerium beschäftigt sich derzeit mit weiblichen Dienstgradbezeichnungen. Diskutiert wird darüber schon länger, zu einer Entscheidung kam es bisher nie. Aus gutem Grund, denn das Thema ist heikel. Befürworter wie Gegner haben starke Argumente. Doch am Ende ist die Debatte um weibliche Dienstgrade nur eine Phantomdiskussion: Die Truppe hat ganz andere Probleme.

Von den Frauen im Verteidigungsausschuss kommt bisher wenig Zuspruch für die Änderungspläne. Auch der Deutsche Bundeswehr-Verband lehnt das Vorhaben ab: „Wenn unsere Kameradinnen mehrheitlich Dienstgrade mit einer weiblichen Endung wollten, wäre das sicher eine gute Idee“, wird Verbandschef André Wüstner im SPIEGEL zitiert. Tatsächlich kenne der Verband aber nur Frauen, die eine solche Änderung ablehnten, so Wüstner weiter.

Auf Twitter machen aktive Soldatinnen derzeit gegen die Gender-Pläne mobil. Vor zwanzig Jahren hat der Europäische Gerichtshof entschieden, dass Frauen zum Dienst an der Waffe zugelassen werden müssen. Liegt es da nicht nahe, nach all der Zeit endlich weibliche Funktionsbezeichnungen einzuführen? Entscheidend sollte allein die Akzeptanz bei den Betroffenen sein, also bei den rund 22.000 Frauen in der Bundeswehr. Von ihnen muss der Wunsch nach geschlechtsspezifischen Benennungen mehrheitlich getragen werden. Ob das auch so ist, sollte das Verteidigungsministerium unbedingt klären – zum Beispiel per Abstimmung unter den Soldatinnen. Es wäre fatal, darüber fernab der Truppe an einem Schreibtisch zu entscheiden.

Schaut man in einhellige Foren, so äußern sich Soldatinnen eher kritisch zu den Plänen. Das Hauptargument: Ein gemeinsamer Dienstgrad trennt nicht, sondern eint. Gegenderte Funktionsbezeichnungen würden dagegen Unterschiede in einer naturgemäß uniformen Gemeinschaft manifestieren. Es gehe darum, so die Argumentation, mit den bestehenden Begriffen selbstverständlich alle Geschlechter zu meinen. Allein der Zusatz „Frau“ in der Anrede genüge, um dem weiblichen Geschlecht gerecht zu werden, ist da zu lesen. Derzeit liegt der Frauenanteil in der Bundeswehr bei rund zwölf Prozent. Viel Luft nach oben also.

Ob gegenderte Dienstgrade die Attraktivität der Bundeswehr für Frauen erhöhen? Eine Studie aus dem Jahr 2014, vorgelegt vom Potsdamer Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr, lässt daran zumindest Zweifel aufkommen. Eine große Mehrheit sowohl der befragten Männer als auch der Frauen sprach sich damals bereits darin für einheitliche Dienstbezeichnungen aus.

Mit Sprache kann man Respekt und Wertschätzung ausdrücken – oder auch vermissen lassen. Es ist nicht egal, wie wir jemanden ansprechen, weil es ausdrückt, wie wir ihm oder ihr begegnen. Wer weibliche Dienstgrade einführt, muss dafür sorgen, dass diese nicht unfreiwillig komisch klingen oder in der Truppe sogar negativ konnotiert sind. Gut gemeint ist noch lange nicht gut gemacht. Hohn und Spott wären das Letzte, was Soldatinnen brauchen.

Die Gleichbehandlung von Männern und Frauen in der Bundeswehr voranzutreiben und einen respektvollen Umgang miteinander zu fördern und fordern, ist wichtig. Unbestritten ist aber auch, dass für Frauen wie für Männer in erster Linie eine vernünftige Ausrüstung das A und O ist. Mangelverwaltung macht allen in der Truppe das Leben schwer – das fängt bei fehlenden Schutzwesten an und reicht bis hin zu schlecht zielenden Waffen und nicht einsatzbereiten Kampfflugzeugen.

Angesichts dessen auf eine sprachliche Sonderbehandlung von Frauen zu dringen, die die Soldatinnen selbst nicht unbedingt wollen, erweckt den Eindruck, dass damit das Pferd von hinten aufgezäumt wird. Wenn statt verdienter Wertschätzung nur Wortklauberei übrig bleibt, geht der Schuss nach hinten los.


Randnotiz                                  

Die Mittelbayerische Zeitung ist eine regionale Tageszeitung mit Sitz in Regensburg, erstmals erschienen am 23. Oktober 1945. Das Blatt gehört zur Unternehmensgruppe Mittelbayerischer Verlag KG.
Die Regensburger Journalistin Dagmar Unrecht arbeitet seit vielen Jahren in der Redaktion der Mittelbayerischen Zeitung und betreut dabei eine breite Palette an Themen. Sie engagiert sich unter anderem beim medienpädagogischen Projekt ihrer Zeitung „Klasse informiert!“. Das Projekt will den Medienkunde-Unterricht in Schulen unterstützen und soll Lehrern und Schülern dabei helfen, Medien zu bewerten, sie zu vergleichen und deren Stärken und Schwächen zu benennen.


Zu unserem Bildmaterial:
1. Symbolbild „Presselandschaft“ aus dem Bildangebot von Pixabay.
(Foto: Michael Gaida/freie kommerzielle Nutzung, kein Bildnachweis erforderlich)

2. Zahlreiche betroffene weibliche Bundeswehrangehörige machten in den sozialen Medien überdeutlich, wie wenig sie den Gender-Ideen aus dem Ministerin folgen können. Auf Facebook, Twitter und Instagram war und ist die klare Botschaft: „Wir sind gegen das Dienstgrad-Gendering in der Bundeswehr!“
(Bild: via Twitter)

Kleines Beitragsbild: Symboldarstellung „Zeitungen“ aus dem Bildangebot von Pixabay.
(Foto: kalhh/freie kommerzielle Nutzung, kein Bildnachweis erforderlich; grafische Bearbeitung mediakompakt)


Kommentare

  1. Dr.-Ing. U. Hensgen | 17. September 2020 um 12:51

    In diesem Fall hat das Prinzip der Inneren Führung wohl funktioniert. Zivilcourage lohnt sich auch bei der Bundeswehr! Erfreulich, dass die Politik einmal zuhört.

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