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Berlin. Und Du? Was hättest Du getan? Während der Hitler-Diktatur wurden in unserem Land mehr als 160.000 deutsche Juden in die Vernichtungslager und Mordstätten der Nazis in den besetzten Gebieten Polens und der Sowjetunion deportiert. Es geschah vor den Augen der Öffentlichkeit – fast ohne jede Regung von Protest oder Widerspruch in der Bevölkerung. Aber es gab in diesen dunkelsten aller dunklen deutschen Jahre auch Menschen, die den Gefährdeten, den Verfolgten, den Todgeweihten halfen. Diese stillen Helden demonstrierten damit auch, dass es – statt Wegsehen oder gar Beteiligung am Unrecht – alternative Handlungsmöglichkeiten gab. Am Dienstag dieser Woche (13. Februar) wurde in Berlin an ihrem neuen Standort in der Stauffenbergstraße 13-14 die Gedenkstätte „Stille Helden“ in der Stiftung „Gedenkstätte Deutscher Widerstand“ feierlich eröffnet.

Die überarbeitete Ausstellung „Stille Helden – Widerstand gegen die Judenverfolgung 1933 bis 1945“ widmet sich der Erinnerung an jene Entschlossenen, die sich der Verfolgung durch die Nationalsozialisten entzogen haben, und an jene, die den Verfolgten dabei geholfen haben.

Monika Grütters, Staatsministerin für Kultur und Medien, sagte bei der Ausstellungseröffnung: „Die Gedenkstätte ,Stille Helden‘ dokumentiert ein Kapitel der Geschichte des Nationalsozialismus, das lange Zeit viel zu wenig Aufmerksamkeit erhalten hat – eine Facette der ansonsten so schrecklichen Zeit, die Mut macht und aus der wir viel für die Gegenwart und für die Zukunft lernen können. Sie erinnert an jene Menschen, die unter hohem persönlichen Risiko verfolgte Juden schützten und damit ein vorbildliches Beispiel für Zivilcourage und menschliche Solidarität gaben.“

Ein langer Weg bis zur gesellschaftlichen Anerkennung

Das unerhört mutige und zutiefst menschliche Handeln jener Menschen, die während des NS-Regimes unter großen Risiken jüdischen Verfolgten halfen, wurde erst in den 1990er-Jahren als integraler Bestandteil des Widerstandes öffentlich wahrgenommen und anerkannt. Bis dahin waren diese Hilfsaktionen ignoriert, verdrängt oder gering geschätzt worden. Einige Versuche, das Handeln der „stillen Helden“ positiv in das kollektive und kulturelle Gedächtnis der Bundesrepublik einzuprägen, waren in den 1950er- und 1960er-Jahren gescheitert.

Der Politikwissenschaftler Johannes Tuchel, Leiter der Gedenkstätte „Deutscher Widerstand“, macht auch noch auf ein anderes Phänomen aufmerksam: das Schweigen der Helfer. „Viele Helfer hatten ihre Umgebung in der NS-Zeit als feindlich erlebt – und viele von ihnen machten diese Erfahrung erneut in der Zeit nach 1945. Sie setzten ihr Schweigen selbst dann noch fort, als langsam die Vorbehalte gegen die Widerstandskämpfer im Allgemeinen geringer wurden. Hinzu kam, dass viele über ihre Hilfe nicht sprachen, da sie diese immer als selbstverständlich angesehen hatten.“

Eine extrem bedeutsame Widerstandshandlung gegen die Herrschenden

Grundsätzlich lasse sich sagen, so Tuchel, dass die Hilfen für verfolgte Juden eine zentrale Herausforderung des nationalsozialistischen Herrschaftssystems bedeutet habe. „Die Judenverfolgung und der Völkermord an den Juden Europas standen im Zentrum der nationalsozialistischen Ideologie und Herrschaftsausübung. Die Nationalsozialisten wollten sämtliche Juden in ihrem Herrschaftsbereich ermorden – ohne jede Ausnahme. Wer nun einen Verfolgten versteckte oder auf irgendeine andere Art und Weise half, traf damit das System im ideologischen Kern seines Herrschaftsvollzugs und stellte es radikal infrage.“

Vor diesem Hintergrund sei die Hilfe für jüdische Verfolgte als eine extrem bedeutsame Widerstandshandlung anzusehen, erklärt Tuchel. Doch dazu sei die bundesdeutsche Gesellschaft in den 1950er-Jahren und danach noch längst nicht bereit gewesen. Nach 1945 anzuerkennen, dass es sehr wohl humanitäre Alternativen gegeben habe, hätte das eigene Selbstbild vieler Deutscher von der angeblichen Ohnmacht gegenüber den braunen Machthabern zerstört.

Zehn Geschichten von geglückten und von gescheiterten Rettungsaktionen

Staatsministerin Grütters würdigte in ihrer Rede am Dienstag nicht nur das couragierte Auftreten vieler Menschen im damaligen Hitler-Deutschland: „Überall in Europa gab es Menschen, die sich der Barbarei der Nationalsozialisten nicht fügen wollten – Menschen, die aktiv und nicht selten unter Einsatz ihres Lebens für die Menschlichkeit eingetreten sind. Sie haben mit ihrem außergewöhnlichen Engagement viele Leben gerettet. All den Mutigen, die es gewagt haben, Menschlichkeit gegen das Unrecht zu setzen, ist die Gedenkstätte ,Stille Helden‘ gewidmet. Und sie steht dafür, diese Menschen zu würdigen und ihre Geschichten – insbesondere auch der jungen Generation – zu erzählen.“

Die Dauerausstellung „Widerstand gegen die Judenverfolgung 1933 bis 1945“ berichtet von Frauen und Männern, die während der nationalsozialistischen Terrorherrschaft Juden beistanden. Sie informiert über die Zwangslage der Verfolgten angesichts der drohenden Deportationen sowie über den Entschluss Einzelner, sich durch Flucht in den Untergrund der tödlichen Bedrohung zu widersetzen.

Im Mittelpunkt der Ausstellung stehen zehn Geschichten. Objekte, Dokumente und Fotos illustrieren geglückte ebenso wie gescheiterte Rettungsversuche von Einzelnen und Netzwerken. Dargestellt werden die vielfältigen Beziehungen zwischen denen, die halfen, und denen, die vorher die aktive Entscheidung getroffen hatten, sich der Verfolgungs- und Mordpolitik der Nazis zu entziehen. Besucher können sich an Medientafeln über weitere Ereignisse jener Tage informieren. Darüber hinaus besteht das Angebot zur intensiven Recherche an Terminals, in denen die Biografien von mehreren Hundert Helfern und Verfolgten dokumentiert sind. Die Sammlung wird laufend ergänzt.


Randnotiz                                  

Erweiterte und grundlegend neu gestaltete Dauerausstellung „Widerstand gegen die Judenverfolgung 1933 bis 1945“ in der Gedenkstätte „Stille Helden“; Eintritt frei.
Ort: Stauffenbergstraße 13-14 (dritte Etage), 10785 Berlin-Mitte.
Öffnungszeiten: Montag bis Mittwoch und Freitag von 9 bis 18 Uhr, Donnerstag von 9 bis 20 Uhr, Samstag und Sonntag sowie an Feiertagen 10 bis 18 Uhr.
Geschlossen: 24. bis 26. Dezember sowie 31. Dezember und 1. Januar.
Kontakt:
Telefon 030-263923822 und 030-26995020
Mailadresse info@gedenkstaette-stille-helden.de


Unser Bildmaterial zeigt Fotos, Dokumente und Objekte in der neuen Dauerausstellung „Stille Helden – Widerstand gegen die Judenverfolgung 1933 bis 1945“ in der Berliner Stauffenbergstraße 13-14 (dritte Etage). Die Ausstellung wurde gefördert von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien.
(Fotos: Gedenkstätte „Stille Helden“)


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