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Hamburg/Berlin. Ein Mitarbeiter der damaligen Staatssekretärin im Bundesministerium der Verteidigung Katrin Suder hat offenbar dafür gesorgt, dass ein Bekannter der heute 47-Jährigen einen Auftrag der Bundeswehr erhielt. Das berichtet das Hamburger Magazin stern in seiner neuesten Ausgabe (erscheint diese Woche bereits am morgigen Mittwoch). Der stern beruft sich dabei auf Unterlagen aus dem Verteidigungsministerium. Wie es in der heutigen Pressemitteilung der Gruner + Jahr Unternehmenskommunikation vorab heißt, habe „der Berater Oliver Triebel mit seiner Firma LEAD ab Ende 2015 solche Aufträge – zunächst im November 2015 für die Moderation von internen Veranstaltungen mit Suder, dann bis 2018 für Dienstleistungen im Wert von insgesamt 380.000 Euro – erhalten“.

Triebel soll zuvor ein Kollege von Suder bei der Beratungsfirma McKinsey gewesen sein, berichtet das Magazin. Laut den Angaben von Triebels Anwalt gegenüber dem stern habe am Beginn des ersten Auftrags ein Anruf von Gundbert Scherf, einem damaligen engen Mitarbeiter der Staatssekretärin, gestanden. Scherf war zusammen mit Suder von McKinsey in das Verteidigungsministerium gewechselt. Triebel habe über den Anwalt ausrichten lassen, so der stern weiter, dass „Scherfs Anruf nach weiteren telefonischen Kontakten zur Beauftragung geführt“ habe.

Veränderungsmanagement und Führungskräfteentwicklung

Triebel ist seit November 2016 Geschäftsführer des Berliner Beratungsunternehmens LEAD Mindsets & Capabilities GmbH, die mit der LEAD Academy über eine „gemeinnützige Schwesterorganisation“ verfügt. Laut öffentlich zugänglichen Firmendaten besteht die Tätigkeit von LEAD Mindsets & Capabilities in „Beratungs-, Forschungs- und Lehrtätigkeiten insbesondere in den Bereichen Veränderungsmanagement, Führungskräfteentwicklung sowie Monitoring und Evaluation – national und international.“ Der Gesellschaft sei dabei, so die Selbstdarstellung, der „Einsatz innovativer und partizipativer Methoden wichtig“. Man unterstütze die LEAD-Klienten dabei, „zeitgemäße Führungspraktiken zu etablieren und Wirkung der eigenen Organisation zu maximieren – auch im Sinne eines gesellschaftlichen Beitrags“.

Oder um es mit folgendem Slogan von LEAD zu sagen: „Je komplexer die Welt, desto wichtiger der Mensch! Neue Aufgaben brauchen neu aufgestellte Organisationen mit neuer Führung. Die Menschen, die diese Veränderungen treiben, stehen bei LEAD im Mittelpunkt. In einer digitalen und vernetzten Welt brauchen sie die richtige Haltung. Die Mindsets. Und die passenden Fähigkeiten, die Capabilities.“ Alles klar? …

Offenbar gegen geltendes Vergaberecht verstoßen

Wie das Bundesministerium der Verteidigung auf Anfrage erklärt habe, könne man in dem Fall „keine persönliche Beauftragung“ durch Suder „nachvollziehen“, so der stern in seiner Vorabmeldung.

Weiter berichtet das Magazin: „Im Verteidigungsausschuss hatte ein Abteilungsleiter [der Verteidigungsministerin] im November erklärt, der Auftrag sei durch das Beschaffungsamt der Bundeswehr erteilt worden. Nach den [dem Magazin] vorliegenden Unterlagen hatte aber zuvor eine Suder unterstehende Stelle des Ministeriums das Beschaffungsamt dazu aufgefordert, den Moderationsauftrag mit Triebel abzuschließen. Die Suder unterstehende Projektorganisation ,Rüstungsmanagement‘ begründete die Notwendigkeit der Vergabe an Triebel in einem Vermerk vom 30. September 2015 mit dem ,Vertrauensverhältnis‘, das ihn und Suder verbinde: ,Die Chemie muss stimmen‘, hieß es dort als Begründung. Nachdem der Bundesrechnungshof den Fall kritisiert hatte, räumt inzwischen auch das Ministerium ein, dass hier gegen Vergaberecht verstoßen wurde.“

Arbeitete ein Politikwissenschaftler als „Software-Architekt“?

„Auffälligkeiten“ hätten sich nach den stern-Recherchen auch im Fall eines weiteren ehemaligen Kollegen von Suder „namens Timo Noetzel“ von der Unternehmensberatung Accenture gezeigt, schreibt das Magazin weiter. Der international agierende Managementberatungs-, Technologie- und Outsourcing-Dienstleister, dessen deutscher Geschäftssitz Kronberg im Taunus ist, habe Auftragsstunden für Noetzel als „Software-Architekt“ abgerechnet, obwohl dieser „ausweislich seines Lebenslaufs kein Informatiker, sondern Politikwissenschaftler“ sei.

Accenture habe die „Unterstellung von Falschangaben“ gegenüber dem stern „aufs Schärfste“ zurückgewiesen. Vielmehr habe man lediglich „die vorgegebenen Kategorien“ in dem vom Ministerium „geforderten Rahmenvertrag“ benutzt, heißt es im stern-Bericht.

Accenture sei für den Auftrag „zu Unrecht über einen Rahmenvertrag für die Beschaffung und Pflege von IBM-Software bezahlt“ worden, meint der stern und erinnert an die Kritik des Bundesrechnungshofs.

Der Bundestagsabgeordnete Tobias Lindner, für Bündnis 90/Die Grünen unter anderem im Haushalts- und Verteidigungsausschuss, sagte der Wochenpublikation: „Spätestens als man Politologen oder Verwaltungswissenschaftler als Software-Architekten abrechnete, hätte jedem Beteiligten offenkundig sein müssen, dass der Rahmenvertrag missbräuchlich verwendet wird“.

Ein „Brückenkopf“ in der Spitze des Verteidigungsministeriums

Accenture-Mitarbeiter Noetzel hatte bereits zu Beginn des Jahres für – aus Sicht der Beratungsfirma – peinliche Berichterstattung gesorgt. So zitierte SPIEGEL ONLINE am 25. Januar aus einem internen Firmenblog, in dem sich der „Managing Director Defense Deutschland“ mit „Kontakten in die höchste Ebene [des Verteidigungsministeriums] brüstete“ – O-Ton SPIEGEL. In dem vom Mai 2017 stammenden Blogeintrag soll Noetzel mitgeteilt haben, dass man es „seit 2015 ziemlich erfolgreich geschafft“ habe, einen „Brückenkopf“ in der Führungsspitze des Ministeriums zu errichten.

Wie das Nachrichtenmagazin weiter berichtete, könne anderen vorliegenden Blogeinträgen entnommen werden, dass „der Umsatz von Accenture mit der Bundeswehr von 459.000 Euro im Geschäftsjahr 2014 auf rund 20 Millionen Euro im Geschäftsjahr 2018 gestiegen“ sei. Laut SPIEGEL habe Noetzel dem internen Firmenblog auch anvertraut, dass Generalleutnant Dieter Warnecke, bis zu seiner Pensionierung im September 2018 Leiter der Abteilung „Strategie und Einsatz“, sein Team in das Krisenfrüherkennungsprojekt „reingeholt“ habe.

„Den Auftrag kollaborativer, vernetzter und smarter erfüllen“

Wo Accenture aktuell seine Verkaufsschwerpunkte im Verteidigungsbereich sieht, kann einem Onlinebeitrag des Unternehmens mit dem Titel „Technology Vision“ entnommen werden. „Im Fokus stehen aufkommende Technologien, die in den nächsten drei Jahren branchenübergreifend signifikanten Einfluss haben werden und bereits heute anwendbar sind“, erklärt der Werbetext. Danach werden der Käuferzielgruppe, den „Verteidigungsbehörden“, Trends vorgestellt, die mit Accentures Hilfe „das Potenzial bieten, den Auftrag kollaborativer, vernetzter und smarter zu erfüllen“.

Zu den Trends (beziehungsweise Umsatzperspektiven) zählen unter anderem die Weiterentwicklung von Künstlicher Intelligenz für die Streitkräfte, die Aufhebung der Grenzen zwischen realer und virtueller Welt durch Augmented Reality und/oder Virtual Reality, der Austausch „korrekter Daten“ (Stichworte „Integrität“ und „Konsistenz“ von Daten) sowie das Thema „Technologiebasierte Partnerschaften“ unter Verwendung von Microservice-Architekturen und Blockchain-Technologie mit Smart Contracts.

(Anm.: Die Microservice Architektur ist eine eigene Entwicklungsmethode für Softwaresysteme, die wöchentlich anstatt jährlich ausgeliefert werden kann. Blockchain ist eine OpenSource-Technologie, die durch Dezentralität, Unveränderlichkeit und Transparenz neue Standards setzt und Sicherheit gewährleistet. Mit der Technologie Smart Contracts können Verträge „selbstausführend“ in Computercode umgewandelt, gespeichert und auf dem System reproduziert sowie vom Netzwerk der Computer, die die Blockchain ausführen, überwacht werden.)


Unser Bild zeigt die frühere Staatssekretärin im Bundesministerium der Verteidigung, Katrin Suder. Die Aufnahme wurde am 13. Juni 2015 am Standort Bischofswiesen während der Veranstaltung „Tag der Bundeswehr“ gemacht. Einmontiert sind die Porträtbilder der ehemaligen Suder-Kollegen Oliver Triebel und Timo Noetzel.
(Foto: Jane Hannemann/Bundeswehr. Porträts: LEAD, Universität Konstanz;
Bildmontage: mediakompakt)

 


Kommentare

  1. Dr.-Ing. U. Hensgen | 17. April 2019 um 10:11

    Meine Meinung zu Beraterfirmen habe ich bereits in einigen früheren Kommentaren kundgetan. Beraterfirmen leben von der Dummheit und Unfähigkeit der obersten Führung in Unternehmen und auch in der Bundeswehr.

    Hier geht man allerdings noch ein Stück weiter. Man hat die Bundeswehr den Recherchen nach zu einem Selbstbedienungsladen für Berater umfunktioniert. Alles zu Lasten der Steuerzahler und vor allem zu Lasten unserer Bundeswehrangehörigen, die bereit sein sollen und auch sind, ihre Unversehrtheit und ihr Leben für diesen Staat und seine Bürger zu opfern.

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