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Kelkheim/Berlin. Das überkonfessionelle christliche Hilfswerk Open Doors, das sich in rund 60 Ländern für Christen in Gefahr einsetzt, hat am Mittwoch vergangener Woche (13. Januar) den „Weltverfolgungsindex 2016“ veröffentlicht. Er stellt die Rangfolge jener 50 Länder dar, in denen Christen aufgrund ihres Glaubens am stärksten verfolgt und benachteiligt werden. Besonders im Mittleren Osten und in Afrika hat demnach die Christenverfolgung durch Islamisten zugenommen. Unrühmlicher Spitzenreiter der Liste ist zum 14. Mal in Folge das abgeschottete kommunistische Nordkorea. Besorgniserregend ist der Trend zunehmender Gewalt: 2015 hat sich die Zahl der wegen ihres Glaubens ermordeten Christen fast verdoppelt (Berichtszeitraum 2014: 4344/2015: 7100). Gegenüber 2014 wurden auch doppelt so viele Kirchen attackiert oder zerstört (2014: 1062/2015: 2406).

Der „Weltverfolgungsindex“ von Open Doors ist die einzige jährlich durchgeführte systematische Untersuchung zur Lage der Religionsfreiheit von Christen weltweit. Der Index ermittelt das Maß an Freiheit beziehungsweise deren Einschränkung, die Christen in ihrem alltäglichen Leben erfahren. Er erfasst dabei die Bereiche „Privatleben“, „Familie“, „Gesellschaft“, „Leben im Staat“ und „Kirchliches Leben“. Die Methodik gewichtet jeden Bereich gleich und ist darauf ausgelegt, die tieferen Strukturen der Verfolgung zu ergründen und nicht nur gewalttätige Zwischenfälle zu bewerten. Am Index von Open Doors arbeiten auch externe Wissenschaftler mit.

Open Doors ist in fast 60 Ländern mit stark eingeschränkter Glaubensfreiheit tätig, um verfolgte, benachteiligte und Not leidende Christen geistlich und materiell zu unterstützen. Dies ist zumeist nur im Verborgenen möglich. Die Zentrale von Open Doors in Deutschland befindet sich in Kelkheim bei Frankfurt am Main.

Islamistischer Extremismus und religiös motivierter Nationalismus

In ihrem aktuellen „Weltverfolgungsindex“ bezeichnet die Menschenrechtsorganisation das Jahr 2015 „wegen der massiven religiösen Verfolgung fraglos als das Jahr beispielloser Gewalt und Vertreibung“.

In 35 der 50 von Open Doors explizit aufgelisteten Staaten ist der islamistische Extremismus die Haupttriebkraft der Verfolgung von Christen. Großen Anteil daran haben islamistische Gruppen wie Boko Haram, al-Shabaab und nicht zuletzt der sogenannte „Islamische Staat“ (IS). Diese Terrorbewegungen – aber auch mit ihnen sympathisierende Teile der Bevölkerung – gingen im abgelaufenen Jahr mit extremer Gewalt gegen Christen und andere Minderheiten vor.

Über den IS heißt es im „Weltverfolgungsindex 2016“: „Der ,Islamische Staat‘ und seine Gesinnungsgenossen haben ihre Gewalttaten wie nie zuvor über Grenzen hinweg ausgebreitet und sind dabei nach Libyen, Kenia und Ägypten vorgedrungen. Am 13. November verübten sie sogar in Paris und am 2. Dezember im amerikanischen San Bernardino Massaker an ahnungslosen Menschen. Weltweit macht sich das Gefühl breit, dass sich niemand dem Zugriff dieser modernen Dschihadisten entziehen kann, die ihre Anhänger über das Internet rekrutieren, bekehren und ausbilden.“

In hinduistischen und buddhistischen Ländern wie Indien und Myanmar führt nach Beobachtungen von Open Doors der zunehmende religiös motivierte Nationalismus zur Radikalisierung von Bevölkerungsteilen und einer deutlichen Intensivierung der Christenverfolgung.

Kommunistische Unterdrückung und Paranoia der Herrschenden

Die ersten zehn Länder des neuen Index, der den Berichtszeitraum 1. November 2014 bis 31. Oktober 2015 abdeckt, sind: Nordkorea (Rang 1), Irak (2), Eritrea (3), Afghanistan (4), Syrien (5), Pakistan (6), Somalia (7), Sudan (8), Iran (9) und Libyen (10).

Nordkorea führt im 14. Jahr in Folge den Open Doors-Index an. Von den geschätzten 200.000 bis 400.000 Untergrundchristen befinden sich bis zu 70.000 als „Feinde des Regimes“ in den berüchtigten kommunistischen Arbeitslagern. Viele sterben an Folter, Unterernährung oder den Folgen der Zwangsarbeit. Machthaber Kim Jong Un hat sein System zum Aufspüren von Christen weiter verstärkt. Die Fluchtmöglichkeiten nach China wurden durch zusätzliches Militär und Schutzzäune eingedämmt.

Lage der Christen verschlechtert sich von Jahr zu Jahr

16 der 50 Länder auf dem Index befinden sich in Afrika, sieben rangieren sogar unter den ersten 20. Weltweit sind derzeit zwei Zentren des islamistischen Extremismus zu erkennen: eines im Nahen Osten, das andere in dem Teil Afrikas südlich der Sahara.

Libyen rangiert in diesem Jahr erstmals unter den ersten zehn Ländern auf dem „Weltverfolgungsindex“. Dazu Open Doors: „Das Land wird von Gesetzlosigkeit beherrscht und ist in drei getrennte Regionen aufgeteilt, wobei Ableger des IS rasche Gebietsgewinne verzeichnen. Die kleine christliche Gemeinschaft ehemaliger Muslime muss in den Untergrund abtauchen, um zu überleben. Aber auch ausländische Christen, besonders aus dem Sudan und Eritrea, werden gezielt angegriffen. Dutzende sind im vergangenen Jahr getötet worden, einige davon im Rahmen schaurig inszenierter Enthauptungen, die aufgezeichnet und durch den IS über das Internet verbreitet wurden.“

Über den kriegsgeplagten Jemen weiß Open Doors zu berichten: Hier „macht eine von Saudi-Arabien angeführte Militärkoalition den wenigen verbliebenen Christen das Überleben noch schwerer. Syrien geht in das fünfte Jahr seit Beginn des Bürgerkrieges und der Irak besteht weiterhin aus drei Gebieten: dem kurdischen Teil, dem IS-Gebiet und dem schiitisch kontrollierten Gebiet. In allen Dreien verschlechtert sich ebenfalls die Lage der Christen.“

Schlimmste Verbrechen gegen Menschenrechte und Religionsfreiheit

In Eritrea im Nordosten Afrikas ist seit fast 25 Jahren Isayas Afewerki an der Macht. Der Diktator hält weit über 1000 Christen in Schiffscontainern oder Kerkern gefangen, wo sie unvorstellbare Qualen erleiden. Eritrea ist eines der Länder, in denen sich die Lage der Christen am deutlichsten verschlechtert hat. Das absolut autoritäre Regime duldet weder freie Meinungsäußerung noch jegliche Organisation, aus der sich Widerspruch regen könnte. Gleichzeitig unterstützt das Land seit Jahren die Verbreitung eines extremistischen Islam am Horn von Afrika.

Im Nachbarland Sudan hat der Kampf der Regierung gegen das größtenteils aus Christen bestehende Volk der Nuba inzwischen fast die Dimension eines Völkermordes erreicht.

Die tägliche Gewalt gegen christliche Mädchen und Frauen

Pakistan, das zweitgrößte muslimische Land der Welt, weist – zusammen mit Nigeria – die höchste Punktezahl im Bereich „Gewalt gegen Christen“ unter den Index-Ländern von Open Doors auf.

Der extreme Druck auf die etwa 3,8 Millionen Christen in Pakistan geht weniger vom Staat aus als vielmehr von islamischen Gruppen und Imamen, die innerhalb kürzester Zeit große muslimische Menschenmassen gegen Christen aufhetzen können. Der Lynchmord an einem jungen christlichen Ehepaar im November 2014 sowie Bombenanschläge mit 25 Toten auf zwei Kirchen am 15. März 2015 in Lahore sind nur zwei Beispiele für diesen Schrecken. Täglich werden zudem junge christliche Frauen und Mädchen in Pakistan entführt, vergewaltigt, versklavt und zur Zwangsheirat mit Muslimen und damit zum Islam genötigt. Hinzu kommt das umstrittene Blasphemiegesetz, das häufig willkürlich gegen Christen angewendet wird.

Religionsfreiheit ist und bleibt ein fundamentales Menschenrecht

„Christen sind die größte verfolgte Glaubensgemeinschaft weltweit“, ruft Markus Rode, Leiter von Open Doors Deutschland, in Erinnerung. „Angesichts eines Exodus von Christen aus dem Nahen Osten und einer Verfolgung im Stil ethnischer Säuberung, die auch auf Afrika übergreift, müssen Politiker und Kirchen ihre Anstrengungen zum Schutz und zur Unterstützung verfolgter Christen deutlich verstärken“, verlangt er.

Die CDU/CSU-Bundestagsfraktion reagierte unmittelbar auf die Veröffentlichung des „Index 2016 von Open Doors zur Christenverfolgung“. So erklärte der stellvertretende Fraktionsvorsitzende und Beauftragte für Kirchen und Religionsgemeinschaften der Unionsfraktion, Franz Josef Jung: „Rund 100 Millionen Christen weltweit werden wegen ihres Glaubens bedrängt und verfolgt. Religionsfreiheit ist ein fundamentales Menschenrecht, dessen Einhaltung immer wieder eingefordert werden muss. Zu diesem Recht gehört es, seine Religion frei wählen zu dürfen, aber auch keiner Religion anzugehören.“

Die CDU/CSU-Bundestagsfraktion werde sich in außenpolitischen Gesprächen – „wo immer möglich“ – aktiv für das Menschenrecht auf Religionsfreiheit einsetzen, so der frühere Verteidigungsminister weiter. Seine Fraktion habe die Bundesregierung aufgefordert, bis zum 30. Juni dieses Jahres einen Bericht zur Lage der Religionsfreiheit weltweit vorzulegen.

Weltgemeinschaft muss den wachsenden religiösen Fanatismus ächten

Volker Kauder, Vorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion im Deutschen Bundestag, kommentiert den aktuellen Bericht von Open Doors wie folgt: „Es ist zutiefst erschütternd, dass der Grad der Verfolgung von Christen so dramatisch zugenommen hat. Deutschland und Europa, aber auch die gesamte Weltgemeinschaft müssen noch stärker als bisher den wachsenden religiösen Fanatismus ächten. Alle Staaten, alle Kirchen und alle friedliebenden Religionsgemeinschaften müssen hier zusammenstehen, um die Religionsfreiheit generell zu verteidigen. Gerade auch den verfolgten und bedrängten Christen müssen wir unsere Hilfe gewähren.“

Derzeit spüre Deutschland hautnah die Folgen von religiös begründetem Terror, so Kauder weiter. Viele Menschen aus Syrien oder aus dem Irak suchten momentan hier Zuflucht. „Es sind Menschen, die in ihren Heimatländern vielfach um ihr nacktes Leben fürchten mussten. Es sind Christen, aber auch zum Beispiel Jesiden oder Muslime aus dem Irak. Als Christen und als Fraktion, die sich auf das christliche Menschenbild beruft, müssen wir auch weiter dafür eintreten, Verfolgten Zuflucht zu gewähren. Dabei sind aber auch die Möglichkeiten Deutschlands begrenzt.“

Die Beseitigung der Fluchtursachen in den Herkunftsländern bleibe deshalb auch künftig einer der Schwerpunkte. Hier sei besonders die Flüchtlingshilfe der Vereinten Nationen in der Pflicht. Der CDU-Politiker beklagte an dieser Stelle: „Es ist beschämend mit anzusehen, wie die Hilfen für die Flüchtlingslager unter anderem im Libanon zusammengestrichen wurden. Deutschland wird sich hier nachhaltig engagieren und auch die Internationale Gemeinschaft weiter zu ihren Verpflichtungen drängen.“

Abschließend verlangte Kauder: „Die deutsche Außenpolitik muss alles tun, um der Religionsfreiheit in diesem Jahr einen noch höheren Stellenwert zu geben. Deshalb wird die CDU/CSU-Bundestagsfraktion auch 2016 die Frage der Religionsfreiheit auf Reisen und in Veranstaltungen immer wieder thematisieren. Bereits am 11. April wird sich dabei ein Fraktionskongress explizit mit der Lage der Christen im Mittleren und Nahen Osten beschäftigen. Im September findet auf Einladung der CDU/CSU-Bundestagsfraktion die zweite Sitzung des internationalen Parlamentariergremiums in Berlin statt, das die Bedeutung der Religionsfreiheit noch stärker betonen soll.“

2015 hatten sich bei der ersten Sitzung in New York bereits rund 100 Parlamentarier sowie Repräsentanten von Regierungen und Nicht-Regierungsorganisationen aus 50 Ländern getroffen. Sie hatten die Vereinten Nationen aufgefordert, die Verteidigung der Religionsfreiheit noch stärker in den Mittelpunkt ihrer Arbeit zu stellen.

SPD und Grüne – keine Stimme für den aktuellen Index von Open Doors?

Und was sagen die anderen Bundestagsfraktionen zum „Weltverfolgungsindex 2016“? Nichts! Bei den Linken mag dies wenig verwundern. Wohl aber bei SPD und Bündnis 90/Die Grünen.

Frank Schwabe, Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion für Menschenrechte und humanitäre Hilfe, hatte noch im Januar vergangenen Jahres zum damaligen Index von Open Doors Stellung bezogen und in einer Presseerklärung betont: „Religionsfreiheit ist ein elementares Menschenrecht, für das die SPD-Bundestagsfraktion in allen Ländern eintritt.“

Dieses Jahr, so teilten uns die Sozialdemokraten lapidar mit, habe man keine Pressemitteilung zum aktuellen Open Doors-Report herausgegeben. Das klingt nach Pflichtübung, die man auch schon mal für ein Jahr aussetzen kann.

Ähnlich Bündnis 90/Die Grünen. Im Januar 2015 empörte sich noch Omid Nouripour, Sprecher für Außenpolitik: „Religiöse Intoleranz ist weltweit auf dem Vormarsch. Extremistische Gruppierungen wie [die Terrororganisation ,Islamischer Staat‘] verfolgen Andersgläubige – ob gemäßigte Muslime, Jesiden oder Christen – mit barbarischem Eifer.“ Weiter hieß es in seiner damaligen Pressemitteilung: „Jeder hat das Recht auf Gedanken-, Gewissens- und Religionsfreiheit. Dieses Recht schließt die Freiheit ein, seine Religion oder Weltanschauung zu wechseln, sowie die Freiheit, Religion oder Weltanschauung allein oder in Gemeinschaft mit anderen zu bekennen – öffentlich oder privat durch Lehre, Ausübung, Gottesdienst und Kulthandlungen. So steht es in der allgemeinen Erklärung der Menschenrechte. Unsere Aufmerksamkeit muss den Schwachen, den Opfern religiöser Verfolgung gelten, unabhängig von ihrer religiösen Zugehörigkeit.“

Der Themenkomplex „Religionsfreiheit und Christenverfolgung“ scheint momentan bei den Grünen einen eher nachrangigen Stellenwert einzunehmen. Sogar unsere Nachfrage nach einer Reaktion auf den aktuellen „Weltverfolgungsindex 2016“ von Open Doors blieb unbeantwortet. Schade, haben politisch-moralische Appelle doch auch mit Beharrlichkeit zu tun.


Video-Hinweis: Dem aktuellen „Weltverfolgungsindex 2016“ von Open Doors zufolge werden derzeit weltweit mehr als 100 Millionen Christen wegen ihres Glaubens unterdrückt, verfolgt oder ermordet. Und diese Entwicklung hält unvermindert an. Der Vorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Volker Kauder, befasst sich bereits seit Jahren mit dem Thema „Religionsfreiheit“. Im nachfolgenden Videobeitrag kommentiert er die erschütternde Situation.
(Video: CDU/CSU-Fraktion im Deutschen Bundestag)


Zu unserer Bildsequenz:
1. Rincón de la Victoria an der spanischen Costa del Sol: Eindringlinge verwüsteten am 2. November 2015 das Innere der Gemeindekirche „Nuestra Señora del Carmen“ und beschmierten die Wand mit arabischen Schriftzeichen.
(Foto: www.raymondibrahim.com)

2. Aus dem aktuellen „Weltverfolgungsindex 2016“ von Open Doors.
(Infografik © mediakompakt 01.16)

3. Ausgebrannte christliche Kirche im pakistanischen Gojra nach dem Übergriff fanatischer Muslime.
(Foto: Persecution – International Christian Concern)

4. Terrorangriff islamistischer Selbstmordattentäter während des Gottesdienstes auf eine Christenkirche im Irak im Jahr 2010.
(Foto: www.raymondibrahim.com)

5. März 2015: Kundgebung in Wien vor dem Parlament gegen die Massaker und die Verfolgung von Christen insbesondere im Nahen Osten.
(Foto: Christian Solidarity International Österreich)


Kommentare

  1. willi.sempf | 23. Januar 2016 um 15:26

    VIELEN DANK – das Thema ist wirklich wichtig – und wird sowohl von unseren Politikern als auch von der westlichen Kirche gar nicht richtig wahrgenommen. Ich beschäftige mich seit Jahren mit Religion und natürlich auch mit dem Islam. Unangenehme Wahrheiten werden gern verschwiegen – und die Wahrheit ist: Es gibt derzeit keinen friedlichen Islam – und der real existierende Islam wird immer radikaler. Wo sind die Politiker und Journalisten die diese Realität offen aussprechen?

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