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Mainz. Die Ukrainekrise hat die europäische Friedensordnung ins Wanken gebracht. Alte Feindschaften brechen wieder auf: USA gegen Russland. Vertrauen ist zerstört, Abschreckung das Gebot der Stunde. Russland will wieder mitreden in der Welt. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion war der Kreml abgemeldet – jetzt ist Moskau zurück und will auch in Nachbarländern wie der Ukraine mitbestimmen, wohin der Kurs zu gehen hat. Die Reaktion der Vereinigten Staaten und der NATO: massive Unterstützung für die baltischen Staaten und andere östliche Bündnispartner, Manöver an der Grenze zu Russland, Hilfslieferungen für die Ukraine. Ost und West stehen sich wieder unversöhnlich gegenüber. Joachim Bartz und Reinhard Laska schildern in ihrer ZDF-Dokumentation „Neuer Kalter Krieg?“, was wirklich hinter der Ukrainekrise steckt. Die Produktion für das Politmagazin Frontal 21 können Sie erstmals am kommenden Dienstag (17. März) ab 21 Uhr sehen.

Was verbirgt sich hinter der Ukrainekrise – fernab von Propaganda, Säbelrasseln und kriegerischen Handlungen? Welche Vorgeschichte hat der Konflikt und welche Akteure ziehen hinter den Kulissen an den Fäden? Die Frontal 21-Autoren Joachim Bartz und Reinhard Laska erkundeten die Schauplätze der Krise, waren auf der Krim, in der Ostukraine und in Kiew unterwegs und können jetzt Antworten geben auf die Frage: Droht ein „neuer Kalter Krieg“?

Gegenseitige Schuldzuweisungen haben eine Vorgeschichte

Noch immer toben die Kämpfe in der Ostukraine. Kaum ist ein Waffenstillstand ausgehandelt, wird er gebrochen. Und auch die vor knapp einem Jahr annektierte Krim kommt nicht zur Ruhe. Kritiker des neuen russischen Regimes werden drangsaliert und verfolgt. In der ganzen Ukraine ist die humanitäre Lage prekär. Auch in Russland selbst hat sich die Lage zugespitzt: Die Währung verfällt, die Staatseinahmen sinken im Rekordtempo. Längst geht der Konflikt weit über die Ukraine hinaus. Es droht offensichtlich ein neuer Kalter Krieg zwischen Ost und West.

Die beiden ZDF-Redakteure Bartz und Laska sprachen mit regionalen Machthabern, Separatistenführern, selbsternannten Freiheitskämpfern, aber auch mit Eltern, die um ihre Söhne bangen. Sie befragten Akteure und Strategen in Ost und West – vom Kreml über Berlin bis Washington. Ihre Dokumentation zeigt: Die gegenseitigen Schuldzuweisungen haben eine Vorgeschichte.

Im Gezerre zwischen Ost und West versucht sich Deutschland als Vermittler

Die Recherchen ergaben, dass die NATO bereits vor der Ukrainekrise eine massive Aufrüstung beschlossen hatte – vor allem auf Drängen der baltischen Länder und der USA. Mit dem Kreml vereinbarte Rüstungskontrollen wurden selbst nach Auffassung deutscher Sicherheitspolitiker systematisch unterlaufen, umgangen oder gar nicht erst umgesetzt. Umgekehrt sah sich Wladimir Putins Russland bedrängt und bedroht, rüstete gleichfalls massiv auf und schreckte schließlich auch nicht vor der Annexion der Krim zurück.

Die Frontal 21-Dokumentation warnt: „Jetzt steigt der Druck auf US-Präsident Barack Obama, Waffen nach Kiew zu liefern. Krieg statt Diplomatie. Im Gezerre zwischen Ost und West versucht sich Deutschland als Vermittler. Doch bislang konnte die Bundesregierung nicht verhindern, dass sich eine neue Kälte in Europa ausbreitet, während die Ostukraine weiter heiß umkämpft wird.“

Auch heftige Auseinandersetzungen innerhalb der NATO

Joachim Bartz, Jahrgang 1964, ist seit 2008 Redakteur bei Frontal 21. Zuvor war er fünf Jahre Korrespondent im ZDF-Studio in Moskau. Der gebürtige Dresdner, der ein Volontariat beim DDR-Fernsehen absolviert hatte, arbeitet seit 1991 für das ZDF – zunächst als Reporter und Autor für die Hauptredaktion „Außenpolitik“, dann von 1997 bis 2003 als Redakteur im Kieler Studio.

Reinhard Laska, geboren 1957 in Essen, ist seit 2001 Redakteur bei Frontal 21 – das ZDF-Politmagazin wurde in dem Jahr als Nachfolgeformat von Frontal gegründet. Laska arbeitete seit 1985 als fester freier Mitarbeiter beim WDR-Fernsehen und wechselte 1992 als Redakteur zum damals neu gegründeten ZDF-Morgenmagazin. Von 1998 bis 2001 war er journalistisch für das ZDF-Politmagazin Kennzeichen D tätig.

Über die Ereignisse in der und um die Ukraine, die Folgen für die Nachbarstaaten, mögliche Motive Putins und über die Rahmen- und Arbeitsbedingungen für diese Dokumentation sprach Thomas Hagedorn vom ZDF mit den beiden Autoren.

Die Waffenruhe, die Mitte Februar nach den Minsker Verhandlungen von Angela Merkel, François Hollande, Petro Poroschenko und Wladimir Putin erreicht wurde, steht auf tönernen Füßen. Müssen Sie bei der Fertigstellung Ihrer 45-minütigen Dokumentation nun permanent die aktuellen Entwicklungen im Blick behalten? Ist Ihr Film ein Work in progress?

Joachim Bartz: Natürlich behalten wir die Tagesaktualität im Blick, aber unsere Dokumentation zeigt vor allem die Hintergründe des kriegerischen Konflikts auf und kann somit Schwerpunkte setzen, die nicht von den weiteren Entwicklungen überholt werden: Zum einen liegt unser Sendedatum am Vorabend des ersten Jahrestages der Krim-Annexion, zum anderen blicken wir aber auch zum Beispiel auf die Münchner Sicherheitskonferenz vom Februar dieses Jahres oder beleuchten den Beschluss des US-Kongresses aus dem zurückliegenden Dezember, Waffen an die Ukraine zu liefern. Wir wollen umfassend zeigen, welche vielfältigen Aspekte hinter der Ukrainekrise stecken.

Reinhard Laska: Dazu gehört auch die heftige Auseinandersetzung innerhalb der NATO über die Frage, wie denn dieser Konflikt langfristig gelöst werden könne. Da geben die USA – und mit ihnen die baltischen Staaten – ganz andere Antworten als etwa Deutschland und Frankreich. Die Amerikaner sagen, Putins Truppen haben die Ostukraine erobert, nun müssen wir die Westukraine aufrüsten und die Sache militärisch regeln. Deutschland und Frankreich wollen Putin dagegen zeigen, wie teuer der Konflikt ist und wie wenig es bringt, auf Konfrontation mit unabsehbaren Folgen zu setzen.

Die vermummte Bürgerwehr ist ein Fluch für die Krim

Herr Bartz, Sie haben in den ersten Februarwochen zehn Tage auf der Krim gedreht. Wie ist die Lage dort knapp ein Jahr nach der Annexion?

Bartz: Die restriktive Gesetzgebung, die in Russland gilt, wirkt sich jetzt auch auf die Krim aus: Fehlende Presse- und Meinungsfreiheit sowie Menschenrechtsverletzungen waren erkennbar. Man wird zwar in Ruhe gelassen, wenn man nicht widerspricht oder gegen den Kreml auftritt, aber sobald man sich kritisch äußert, wird es problematisch. Es gibt ein Gesetz gegen Separatismus, nach dem der verurteilt werden kann, der öffentlich sagt: Die Krim gehört zur Ukraine. Auch wer sagt, dass die Krim annektiert wurde, kann für fünf Jahre eingesperrt werden. Darüber hinaus enteignet die Regionalregierung auf der Krim viele Betriebe und verstaatlicht sie. Das trifft allerdings nicht nur Ukrainer und Krimtartaren, sondern auch Russen. Bei alldem ist vor allem die vermummte Bürgerwehr ein Fluch für die Krim. Und dennoch ist die Mehrheit weiterhin prorussisch – und alle sind sich an einem Punkt einig: Sie sind froh, dass es auf der Krim nicht zum Krieg kam.

Herr Laska, Sie haben in Estland und Lettland für die Dokumentation gedreht: Wie wird dort das russische Vorgehen in der Ukraine beobachtet?

Laska: In den baltischen Ländern ist Beunruhigung, auch Angst durchaus erkennbar. Es war sogar schon fast bestürzend zu sehen, wie rasch in den ehemaligen Sowjetrepubliken alte Wunden wieder aufbrechen. Wir haben in Estland Freiwilligenbataillone gedreht, die jetzt bereits stärker aufgestellt sind als die reguläre estnische Armee, zugleich der ideale Partner für amerikanische Hardliner. Die Ukrainekrise wirkt sich also bereits auf die innere Verfasstheit der baltischen Staaten aus. Und die Angehörigen der starken russischen Minderheiten dort fühlen sich dabei unter Generalverdacht gestellt, als seien sie sämtlich Putin-Anhänger. Zugleich kann derjenige, der in Lettland Wintermäntel für die Ostukraine sammelt, wegen Unterstützung der Separatisten angeklagt werden – an vielen Stellen unserer Dokumentation machen wir deshalb auch Ausflüge in die Geschichte, um erläutern zu können, warum unter den kleinen Staaten so schnell Unruhe entstehen konnte.

Putins Russland – umkreist, bedroht und gar missachtet?

Wann hat denn nach Ihren Recherchen die Ukrainekrise Ihre Anfänge genommen – ist dafür der Blick in die jüngere Geschichte notwendig?

Bartz: Wir werden in unserer Dokumentation zeigen, wann und warum Russland das Gefühl entwickelt hat, umkreist, bedroht, gar missachtet zu werden. Wir erinnern zum Beispiel an Putins Wutausbruch auf der Münchner Sicherheitskonferenz 2007 oder an die Vereinbarungen im Rüstungskontrollbereich, bei denen sich die politisch Verantwortlichen im Westen wenig Gedanken machten, wenn sie diese einmal nicht genau beachtet hatten. Und auch der Kosovokrieg muss erwähnt werden, der in Russland als das historische Ereignis wahrgenommen wurde, bei dem die Grenzen nach dem Zweiten Weltkrieg zum ersten Mal verschoben wurden – und nicht von ihnen.

Und was ist mit den innerukrainischen Beiträgen zur Krise?

Laska: Auch darauf blicken wir in unserer Dokumentation, besonders auf die Ungleichheit zwischen West- und Ost-Ukraine. Es wurde nichts dafür getan, zwischen beiden Landesteilen ein Gefühl der nationalen Souveränität zu entwickeln. Stattdessen herrschten Korruption und Oligarchenwirtschaft. Ebenso wurde nie ernsthaft versucht, die russische Minderheit mit einzubeziehen. Es stellt sich also heraus: Alle Seiten haben Fehler gemacht.

Zahlreiche Statements hochrangiger und schwer besorgter Politiker

Welche Gesprächspartner kommen in Ihrem Film vor? Sind es vor allem hochrangige Entscheidungsträger oder sammeln Sie bevorzugt O-Töne aus der Bevölkerung?

Bartz: Wir hatten zahlreiche Anfragen an beteiligte Außenminister und Präsidenten gestellt, doch hinsichtlich dieser O-Töne wurde und wird es vor allem auf den letzten Metern noch mal spannend. In Kiew und Moskau hatten wir aber auch schon viele Gesprächspartner gefunden – die Bereitschaft, über die Strategien und Vorwürfe in diesem Konflikt zu sprechen, waren und sind groß.

Laska: Die Gesprächspartner waren auch deshalb ohne Probleme vor die Kamera zu bekommen, weil bei vielen die Sorge groß ist, dass der Konflikt eskalieren könnte und nicht mehr beherrschbar ist. Insofern waren die meisten bereit, mit uns zu sprechen – der lettische Außenminister beispielsweise war sofort bereit, uns seine Sicht der Dinge darzulegen. Andererseits ist ein Film, der nur aus Statements hochrangiger und schwer besorgter Politiker besteht, auch nicht das richtige. Deswegen werden wir ganz am Ende schauen müssen, wie die richtige Mischung aussieht.

„Wir fahren selbst hin und treffen unsere Gesprächspartner direkt“

Die aktuelle Berichterstattung über die Ukrainekrise wurde zuletzt häufig dafür kritisiert, dass bei oft unsicherer Nachrichtenlage gelegentlich falsche Bildzuordnungen erfolgten oder gar fragwürdiges Bildmaterial Verwendung fand. Müssen Sie in dieser Hinsicht auch für Ihre Dokumentation genau prüfen, was Sie verwenden?

Bartz: Das ZDF gab und gibt uns dankenswerterweise die Möglichkeit, vor Ort mit eigenen Augen und eigenen Kameras die Situation zu begutachten.

Laska: Wir nehmen für unsere Dokumentation kein Videomaterial, dessen Herkunft unklar ist. Wir sind im Vergleich zu den gelegentlichen Zwängen in der aktuellen Berichterstattung auch in der komfortablen Situation, kein fremdes Bildmaterial nutzen zu müssen. Wir fahren selbst hin und treffen unsere Gesprächspartner direkt.


Randnotiz                                  

„Neuer Kalter Krieg?“, Dokumentarfilm von Joachim Bartz und Reinhard Laska für das ZDF-Politmagazin Frontal 21, Länge 45 Minuten. Die Sendetermine (Angaben ohne Gewähr):
Dienstag, 17. März 2015, (21 Uhr) im ZDF;
Mittwoch, 18. März 2015, (3:20 Uhr) im ZDF-Nachtprogramm;
Mittwoch, 18. März 2015, (18 Uhr) im ZDF.


Zu unserem Bildmaterial:
1. und 2. Die Dokumentation der Autoren Joachim Bartz und Reinhard Laska belegt, dass in der Ostukraine noch immer Kämpfe toben.
(Fotos: Joachim Bartz/ZDF)


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