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Ulm/Berlin/London/Arlington (Virginia, USA). Die beiden letzten amerikanischen Soldaten, die bei der US-Operation „Enduring Freedom“ in Afghanistan ums Leben kamen, waren Ramon Sheldon Morris (37) und Wyatt Joseph Martin (22). Sergeant First Class Morris und Specialist Martin starben am 12. Dezember 2014 in der Provinz Parwan durch eine Sprengfalle. Die Verwendung dieser behelfsmäßig hergestellten Sprengvorrichtungen (Improvised Explosive Devices, IED) stieg nach übereinstimmenden Informationen humanitärer Organisationen im vergangenen Jahrzehnt weltweit besorgniserregend an. Besonders alarmierend sind die Zahlen der IED-Opfer aus aktuellen Krisen- und Kriegsgebieten wie Afghanistan, Syrien, Irak oder afrikanischen Ländern. Die Vereinigten Staaten haben zum Schutz ihrer Truppen im Auslandseinsatz in den letzten Jahren rund 25 Milliarden US-Dollar in hochgeschützte Fahrzeuge und weitere zig Milliarden in IED-Gegenmaßnahmen investiert. Für mehrere Millionen Euro erhält jetzt die Bundeswehr 36 Störsender des Typs VPJ-R6 (VPJ: Vehicle Protection Jammer). Die Systeme sollen in geschützte Heeresfahrzeuge eingerüstet werden.

Die in London ansässige Organisation Action on Armed Violence (AOAV) nennt in ihrem vor Kurzem erschienenen Report „Tracking IED Harm“ beängstigende Zahlen. So stieg von 2011 bis 2013 die Anzahl der durch Straßenbomben oder Selbstmordanschläge getöteten oder schwer verletzten Zivilisten weltweit um 70 Prozent an. 2013 beispielsweise ereigneten sich 62 Prozent aller IED-Attacken in bevölkerungsreichen Gegenden, 91 Prozent der Opfer dort waren Zivilisten. Im Untersuchungszeitraum 2011 bis 2013 registrierte AOAV in 66 Ländern und Zonen dieser Erde IED-Zwischenfälle. Besonders schlimm seien die Folgen im Irak sowie in Pakistan und in Afghanistan, schreibt die Organisation in ihrem Bericht. „Der Schrecken fordert hier täglich Todesopfer und hinterlässt alltäglich Verwüstungen.“

Die Washington Post oder Initiativen wie icasualties.org haben ermittelt, dass rund die Hälfte aller im Irak oder in Afghanistan gefallenen US-Soldaten Opfer von IED-Anschlägen waren. Die Recherchen von icasualties.org beispielsweise ergaben, dass in Afghanistan im Zeitraum 2001 bis zum heutigen Tag 3486 Koalitionssoldaten starben, 2783 davon durch IEDs. Auch die Bundeswehr verlor in Afghanistan Kameraden durch gegnerische Sprengfallen.

Lexington Institute warnt vor einer Rückkehr der IED-Bedrohung

In seinem Beitrag „U.S. Shouldn’t Stop Investing In Counter IED Technologies“ für das namhafte Lexington Institute in Arlington/Virginia blickt Daniel Gouré auf die beiden Kriegsschauplätze Irak und Afghanistan zurück. Er stellt fest: „Im Laufe der Zeit gingen aufgrund der gewaltigen Kampagne gegen die IED-Bedrohung die Verluste der USA und ihrer Verbündeten entscheidend zurück. Besonders erfolgreich war der Einsatz von Störsendern gegen funkgezündete Sprengsätze. […] Dies führte besonders später in Afghanistan dazu, dass die Aufständischen am Ende fast nur noch simple Tretminen ohne Metallanteile einsetzten.“

Aber der Experte warnt auch: „Mit dem Ende des US-Kampfeinsatzes im Irak und dem bald etappenweise beginnenden endgültigen Rückzug aus Afghanistan sollte es niemanden überraschen, wenn die IED-Bedrohung im Allgemeinen und die Bedrohung durch ferngezündete Sprengsätze wieder massiv zurückkehren.“ Wir werde später noch einmal den Aufsatz von Gouré in die Hand nehmen …

Das Airbus-System reagiert in einem Bereich „deutlich unter einer Millisekunde“

Zunächst zurück zum neuen elektronischen Schutzsystem der Bundeswehr gegen Sprengfallen. Den Auftrag zur Lieferung von 36 Störsendern VPJ-R6 hat das Bundesamt für Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung der Bundeswehr (BAAINBw) an das Unternehmen Airbus Defence and Space, eine Sparte des Konzerns Airbus Group, vergeben.

In seiner Pressemitteilung vom 9. März liefert der Auftragnehmer interessante Hintergrundinformationen zu der neuen Technologie. Airbus schreibt: „Der Vehicle Protection Jammer basiert auf der von Airbus Defence and Space entwickelten superschnellen ,SMART Responsive Jamming Technology‘, einer intelligenten Störautomatik, die das Schutzniveau gegenüber konventionellen Systemen drastisch erhöht. Das System erfasst und identifiziert Funksignale, mit denen Straßenbomben gezündet werden sollen. Daraufhin sendet es in Echtzeit Störsignale, die exakt auf das feindliche Frequenzband zugeschnitten sind und so die Verbindung zwischen Attentäter und Bombe unterbrechen.“

Wie Airbus weiter erklärt, reagiert dabei das System dank neuer digitaler Empfänger- und Signalverarbeitungstechnologien in einem Bereich deutlich unter einer Millisekunde. Pro Sekunde sollen bis zu 750.000 Bedrohungssignale in allen gebräuchlichen Frequenzbändern entdeckt und gestört werden können. Der Hersteller führt weiter aus: „Die Störenergie wird gezielt auf die jeweils verwendete Zündfrequenz konzentriert, anstatt wie bei konventionellen Systemen auf das gesamte Spektrum verteilt zu werden. Dadurch wird der Energiebedarf reduziert und die Störwirksamkeit gesteigert. Außerdem wird die Funkkommunikation eigener Kräfte weniger beeinflusst, wodurch die Führungsfähigkeit gewährleistet werden kann.“

Erste Bundeswehr-Störsender bereits seit Anfang 2007 im Afghanistaneinsatz

Das Thema „Schutzsysteme der Bundeswehr gegen Sprengfallen“ ist so neu nicht. Bundestagsprotokolle aus der jüngeren Vergangenheit beinhalten interessante Details. So verriet der damalige CSU-Parlamentarier Hans Raidel in seinem Redebeitrag anlässlich der Plenarsitzung am 26. März 2009: „Die Bundeswehr nutzt bereits seit Anfang 2007 erste Störsender in Afghanistan. Zurzeit befinden sich über 80 Störsender im Einsatz. Mehr als 500 Störsender werden bis Ende 2010 folgen.“

Die Bundeswehr deckte damals ihren Bedarf an Störsendern über den Topf „Einsatzbedingter Sofortbedarf“ und über das Regelbeschaffungsverfahren. Die von Raidel genannten Schutzsysteme wurden im Einsatzgebiet in Afghanistan in verschiedenen Fahrzeugtypen genutzt.

Der damalige SPD-Bundestagsabgeordnete Maik Reichel nannte an diesem 26. März weitere Zahlen. Das vom Bundesministerium der Verteidigung beschaffte Störsystem sei so konzipiert, dass es „an neun verschiedene Fahrzeugtypen spezifisch adaptiert“ werden könne. „Hierbei belaufen sich die Kosten für die bis zum Jahr 2011 zu beschaffenden 602 Systeme auf insgesamt 106 Millionen Euro, wobei die Bundeswehr nach eigenen Angaben bereits über 128 ausgelieferte Einheiten verfügt und diese auch einsetzt“, erklärte der Sozialdemokrat.

Wettlauf zwischen Entwicklung, Beschaffung und sich ändernder Bedrohung

Wie schwierig es ist, handfeste Informationen über die von der Bundeswehr im Auslandseinsatz verwendeten Störsender gegen ferngezündete Sprengfallen zu erhalten, zeigt eine Antwort des damaligen Parlamentarischen Staatssekretärs Thomas Kossendey. Er äußerte sich am 31. August 2007 zu einer Anfrage von Birgit Homburger, zu jener Zeit mit der FDP im Bundestag. Kossendey: „Konkrete Zahlen zu mit Störsendern ausgestatteten Fahrzeugen werden aus Gründen der Sicherheit der in Afghanistan eingesetzten deutschen Soldatinnen und Soldaten nicht öffentlich gemacht, da diese Angaben Rückschlüsse auf die Möglichkeiten der eigenen Operationsführung erlauben. Die konkreten Zahlen sind verfügbar, sie werden zeitnah der Geheimschutzstelle des Deutschen Bundestages übermittelt und sind dann dort einsehbar.“

Einige interessante Einblicke in den Beschaffungsprozess der Störsender erlaubt ein Debattenbeitrag von Ernst-Reinhard Beck. Der CDU-Politiker, der von 2002 bis 2013 Mitglied des Parlaments war, sagte am 17. Januar 2008 im Bundestag: „Was nun die technische Seite des Counter-IED angeht, wurden auf Basis einer Marktsichtung und in Verbindung mit den militärischen Forderungen drei Störsender unterschiedlicher Firmen beschafft und zur Erprobung unter Einsatzbedingungen in eingeführte geschützte Fahrzeuge – Transportpanzer Fuchs, Allschutz-Transportfahrzeug Dingo 2 und Geländewagen Wolf in der Sonderschutzausstattung – integriert. Mit den gewonnenen Erkenntnissen aus der Einsatzerprobung wurden anschließend unterschiedliche Beschaffungen eingeleitet beziehungsweise durchgeführt. Die Überführung der Gerätschaften in das Einsatzgebiet Afghanistan wird voraussichtlich noch im Januar 2008 abgeschlossen sein.“ Zu den damit verbundenen Schwierigkeiten äußerte Beck: „Die Auswahl, die Beschaffung, die Integration in ein Trägerfahrzeug […] sowie die Verlässlichkeitsuntersuchungen des Störsendersystems insgesamt stellten eine besondere Herausforderung dar, die mit einem nicht unerheblichen Zeit- und Realisierungsaufwand verbunden war.“

Die Ermittlung und die Deckung des materiellen Bedarfs für Counter-IED-Maßnahmen sei grundsätzlich nach den Verfahren des Customer Product Managements (CPM) erfolgt, berichtete der damalige verteidigungspolitische Sprecher der Unionsfraktion im Bundestag weiter. Die Bedarfsermittlung habe mit der Auswertung aller bekannt gewordenen IED-Vorfälle durch das Einsatzführungskommando und Streitkräfteunterstützungskommando begonnen. Daraus seien schließlich funktionale Forderungen an künftige Schutz-, Detektions- und Neutralisierungstechnologie abgeleitet worden. Dies hatte auch Auswirkungen auf eine „schnellstmögliche Verbesserung eingeführter oder in Beschaffung befindlicher neuer Produkte“. Beck in der Debatte vor mehr als sieben Jahren: „Entwicklung und Beschaffung im Bereich Counter-IED mussten dabei mit der Entwicklung der Bedrohung durch IED im Einsatzgebiet Schritt halten beziehungsweise absehbare Entwicklungen antizipieren.“

Bisher dominierte die HPEM-Technologie den Markt der Störsender

Der Vehicle Protection Jammer auf der von Airbus Defence and Space entwickelten „SMART Responsive Jamming Technology“ könnte „zumindest teilweise das bisherige Verfahren über Hochenergie-Funkwellen (HPEM: High-Power Electromagnetics) ablösen“. Dies mutmaßt Welt-Wirtschaftsredakteur Gerhard Hegmann in seinem am 10. März erschienenen Beitrag „Bundeswehr bekommt Schutzsystem gegen Funkbomben“. Die Firmen Diehl und Rheinmetall bieten die HPEM-Technik bereits seit Jahren an.

High-Power Electromagnetics ist eine Technologie, mit der man starke elektromagnetische Felder oder Ströme und Spannungen erzeugen kann. Die generierten Störfelder können die Funktionsfähigkeit von elektronischen Systemen stören oder sie beschädigen. Die Größe der Störfelder liegt weit über denen, die im Normalbetrieb auftreten.

Diehl erläutert in einer Pressemitteilung die Einsatzmöglichkeiten so: „HPEM-Wirksysteme bieten die Möglichkeit, gezielt Störimpulse in unterschiedlichste elektronische Systeme zu lenken, um deren Funktionsfähigkeit zu blockieren. Diese Produkte eröffnen die Chance, Einsatzkräfte vor Sprengfallen zu schützen, Fluchtfahrzeuge im fließenden Verkehr ohne Anwendung physischer Gewalt und dauerhafter Schädigung der Elektronik zu stoppen sowie die unberechtigte Zufahrt zu Sicherheitsbereichen zu verhindern.“ HPEM-Wirksysteme stellten keine Gefahr für die Gesundheit von Anwendern und Unbeteiligten dar, versichert das Unternehmen.

Im Rheinmetall-Konzern ist es die Rüstungssparte „Rheinmetall Waffe Munition GmbH“, die lange Zeit im Bereich der HPEM-Technologie dominierte. Einer älteren Pressemeldung zufolge erlangte das Rheinmetall-Schutzsystem im Jahr 2005 Serienreife.

Millionenstadt Mossul – eine Metropole voller IS-Sprengfallen?

Befassen wir uns zum Schluss noch einmal mit Daniel Gourés eindringlichem Ratschlag: „Die Vereinigten Staaten sollten auf keinen Fall ihre Investitionen in Counter-IED-Technologie stoppen!“ In seinem Beitrag warnt der Vizepräsident des Lexington Institute vor dem Vorgehen der Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS): „Der IS macht Berichten zufolge ausführlichen Gebrauch von rollenden Autobomben und von Selbstmordattentätern – meist als Auftakt einer Offensive auf gegnerische Stellungen. Ein Grund, warum nun das US-Zentralkommando (CENTCOM) so unentschlossen über den richtigen Zeitpunkt zur Rückeroberung der vom IS besetzten irakischen Millionenstadt Mossul zu sein scheint, hat mit der IED-Gefahr zu tun. Das Kommando prüft gegenwärtig den Ausbildungsstand und die Ausrüstung der betreffenden irakischen Kräfte, die Mossul zurückerobern sollen und dabei dann mit dem todbringenden Problem der IS-Sprengfallen in urbanem Gelände zu tun haben werden.“

Auch wenn sich zurzeit der Fokus der Gefahrenabwehr auf die relativ einfach konstruierten aber schwer zu entdeckenden IEDs richte, so bleibt doch wichtig, die einmal erworbenen technischen Fähigkeiten auf dem Gebiet der Störung funkgezündeter Sprengfallen weiter auszubauen. Diese RCIEDs (RCIED: Radio Frequency Remote Controlled Improvised Explosive Device) seien und blieben nach wie vor die bei Terroranschlägen bevorzugten Mittel, meint Gouré. Die RCIED-Gefahr werde wiederkehren, sobald die Gegenmaßnahmen durch Störsender nachließen.

Er rät abschließend: „Die USA müssen unbedingt sicherstellen, dass auch ihre Verbündeten im Kampf gegen den IS, die Taliban, Boko Haram und andere Terrororganisationen ausreichend mit aktuellen Minen- und IED-Detektoren sowie mit RCIED-Störsendern auf dem neuesten Stand ausgestattet sind. Denn so wie sich die Schutztechnologie ändert, so ändert sich auch die technische Beschaffenheit funkgezündeter Sprengfallen.“ Mit jeder neuen terroristischen Gruppierung mutiert zugleich das technische Know-how der Bombenbauer, die Vorgehensweise der Terroristen und die Qualität der Gefahr, die von der „Waffe des kleinen Mannes“ – den IEDS und RCIEDs – ausgeht.


Video-Hinweis: Das YouTube-Video der in London ansässigen Organisation Action on Armed Violence (AOAV) befasst sich mit den schrecklichen Folgen kriegerischer Auseinandersetzungen und terroristischer Anschläge auf Zivilisten weltweit. Mit steigender Tendenz müssen Unbeteiligte die ungeheuere Zerstörungskraft von Sprengsätzen und Geschossen erdulden. AOAV hat mit diesem Video sein Datenmaterial zu einer visuell eindrücklichen Mahnung verdichtet.
(Video: Action on Armed Violence)



Zu unserem Bildmaterial:
1. Ein Angehöriger der Spezialkräfte der afghanischen Armee instruiert Polizeianwärter über den Umgang mit improvisierten Sprengfallen, den IEDs. Die Aufnahme entstand am 19. Mai 2012 in Nowabad in der Provinz Kunduz.
(Foto: Cassandra Thompson/U.S. Navy/JIEDDO)

2. Sichergestelltes Bombenmaterial im März 2011 in Kandahar, der zweitgrößten Stadt Afghanistans.
(Foto: ISAF Public Affairs)

3. Eine Panzerabwehrmine, eingebettet in Beton – sie hätte per Funk gezündet werden sollen.
(Foto: gemeinfrei)

4. Der Vehicle Protection Jammer basiert auf der von Airbus Defence and Space entwickelten „SMART Responsive Jamming Technology“, einer intelligenten Störautomatik, die das Schutzniveau gegenüber konventionellen Systemen drastisch erhöht. Das System erfasst und identifiziert Funksignale, mit denen Straßenbomben gezündet werden sollen. Daraufhin sendet es in Echtzeit Störsignale, die exakt auf das feindliche Frequenzband zugeschnitten sind und so die Verbindung zwischen Attentäter und Bombe unterbrechen.
(Bild: Airbus Defence and Space)

5. Firmeneigener Demonstrator von Airbus mit Störsender VPJ-R6. Welche Bundeswehrfahrzeuge nun tatsächlich mit den neuen Schutzsystemen ausgerüstet werden, unterliegt der Geheimhaltung.
(Foto: Airbus Defence and Space)

Kleines Beitragsbild: Zerstörung entdeckter Sprengfallen durch Pioniere der US-Armee. Das Bild wurde im August 2011 nahe des Außenpostens Shukvani in der Helmand-Provinz gemacht.
(Foto: Jeff Drew/U.S. Marine Corps)


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