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Berlin/Brüssel (Belgien)/Sarajevo (Bosnien-Herzegowina). Die Bundeswehr hat den Bewerberknick nach dem Auslaufen der Wehrpflicht nachhaltig überwunden, und sie wird auch für junge Frauen immer attraktiver. Das geht nach Informationen der Rheinischen Post aus der neuen Halbjahresbilanz des Verteidigungsministeriums hervor. Demnach ist die Zahl der Bewerbungen im ersten halben Jahr 2015 auf 36.212 gestiegen. Im gesamten vergangenen Jahr waren es weniger als 60.000 Bewerbungen für den Dienst in den deutschen Streitkräften. Die in Düsseldorf erscheinende Zeitung berichtete über die aktuelle Personalbilanz des Ministeriums in ihrer Ausgabe am vergangenen Samstag (11. Juni).

Dieser Übersicht zufolge wuchs der Frauenanteil bei den Bewerbungen insgesamt von 15 auf 17 Prozent. Dies dürfte Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen freuen. In einem am 31. Mai veröffentlichten Interview mit der BILD am Sonntag hatte sie angekündigt, den Frauenanteil bei der Bundeswehr auf 20 Prozent steigern und damit nahezu verdoppeln zu wollen. „Die Franzosen haben in den Streitkräften einen Frauenanteil von 20 Prozent. Auf mittlere Sicht sollten wir das auch schaffen“, so von der Leyen ausgesprochen zuversichtlich.

Das von ihr ausgegebene „20-Prozent-Ziel“ könnte nach der aktuellen Halbjahresbilanz 2015 bei den Neueinplanungen angehender weiblicher Offiziere wohl erstmals übertroffen werden.

Sehr großes Interesse an der Laufbahn der Offiziere

Der Frauenanteil im Bereich der angehenden Bundeswehroffiziere ist in den vergangenen Jahren stetig gestiegen: von 17 Prozent im Jahr 2013, im Jahr darauf auf 19 Prozent, mittlerweile (2015) auf 21 Prozent. Unter den Bewerbern machen die Frauen in der Laufbahngruppe der Offiziere inzwischen sogar bereits 25 Prozent aus. Für die Offizierslaufbahn stellte die Bundeswehr im Jahr 2011 exakt 302 Frauen ein, in den ersten beiden Quartalen dieses Jahres waren es bereits 390.

Die aus Sicht der Personalplaner der Bundeswehr überraschend gute Entwicklung wird auch in absoluten Zahlen deutlich: Registrierte die Truppe im Jahr 2011 insgesamt „lediglich“ 7512 Bewerberinnen, so wuchs diese Zahl bis 2014 auf 9117. Im ersten Halbjahr dieses Jahres waren es bereits 6375 Frauen, die sich für den Militärdienst in Deutschland interessierten.

Alles in allem entwickeln sich die Bewerberzahlen – Männer und Frauen gesamt betrachtet – ausgesprochen positiv. 2011 verzeichnete die Bundeswehr 52.412 Interessenten, zwei Jahre später 58.393, nun in den ersten sechs Monaten bereits 36.212.

Frauenquoten alleine sind kein Anreiz für mehr Frauen-Bewerbungen

Der Deutsche Bundeswehr-Verband begrüßt die Entwicklung ausdrücklich – mit einem kräftigen „Aber“. Hauptmann Petra Böhm, Leiterin der Arbeitsgruppe „Soldatinnen in der Bundeswehr“, erinnerte jetzt noch einmal an die Vorreiterrolle der Interessenvertretung, die Ende der 1990er-Jahre mit Tanja Kreil als Musterklägerin Frauen den Zugang in die gesamte Bundeswehr erstritten hatte. Böhm: „Seitdem kann die Bundeswehr auf das verdoppelte Bewerberpotenzial zugreifen. Eine Freiwilligenarmee ist dringend darauf angewiesen. Allerdings nutzen die Streitkräfte dieses Potenzial nur eingeschränkt.“

Leider, so bedauert Böhm, sage auch Ministerin von der Leyen nicht, mit welchen Mitteln sie denn die Bewerberinnen gezielt ansprechen will. „Das ist aber der wichtige Teil, denn Frauenquoten allein werden keinen Anreiz für mehr Bewerbungen von Frauen bringen“, meint die Mandatsträgerin. Zu schaffen seien unbedingt die passenden Rahmenbedingungen, um die Bundeswehr in allen Teilstreitkräften und Organisationsbereichen zu einem attraktiven Arbeitgeber zu machen. Konkret nennt Petra Böhm hier die Vereinbarkeit von Dienst und Familie, die Chancengleichheit sowie ein integrativer und genderkompetenter Führungsstil. Ebenso wichtig sei eine transparente Personalführung mit einem wirksamen Vakanzen-Management, um den steigenden Anteil an Teilzeitdienst-Leistenden kompensieren zu können.

Gender-Mainstreaming bei der NATO auf dem Prüfstand

Dass das Thema „Frauen in den Streitkräften“ nicht nur die Bundeswehr beschäftigt, sondern viele militärische Verbündete und Partner Deutschlands, wurde erst wieder am 1. Juni in Brüssel deutlich. An diesem Montag fand hier im NATO-Hauptquartier eine Fachtagung statt, die sich mit Fragen der Integration von Frauen in den Mitgliedsländern der Allianz befasste. Rund 120 Delegierte nahmen an der Veranstaltung teil.

Im Mittelpunkt der Konferenz stand eines der wichtigsten Dokumente des einschlägigen Gender-Mainstreamings, die Resolution 1325 des Sicherheitsrates der Vereinten Nationen (UNSCR 1325) aus dem Jahr 2000. (Anm.: Gender-Mainstreaming bedeutet, dass die Politik – aber auch Organisationen und Institutionen – jegliche Maßnahmen, die getroffen werden sollen, zunächst hinsichtlich ihrer Auswirkungen auf die Gleichstellung von Frauen und Männern untersuchen und bewerten. Eine treibende Kraft für die Umsetzung von Gender-Mainstreaming ist die Europäische Union, die 1997 im Amsterdamer Vertrag Gender-Mainstreaming offiziell als verbindliche Richtlinie für alle Mitgliedstaaten zum Ziel der europäischen Politik gemacht hat. In Deutschland wurde durch die Novellierung der Gemeinsamen Geschäftsordnung der Bundesministerien durch Kabinettsbeschluss vom 26. Juli 2000 ein wichtiger Schritt zur Verankerung von Gender-Mainstreaming getan.)

Die UNSCR 1325 fordert, diejenigen zu verfolgen, die Kriegsverbrechen an Frauen begehen, Frauen in Kriegsgebieten besonders zu schützen, mehr Frauen in Friedensmissionen einzusetzen und Frauen verstärkt und gleichberechtigt in die Bereiche Konfliktschlichtung, Mediation und Wiederaufbau einzubeziehen.

Die Brüsseler Gender-Tagung „UNSCR 1325 Reload“ war auch eine Standortbestimmung gut 15-jähriger Einbindung von Frauen in die Welt des Militärs. Die Niederländerin Marriët Schuurman, seit Oktober 2014 Sonderbeauftragte „Women, Peace and Security„ des NATO-Generalsekretärs, sagte: „In den vergangenen 15 Jahren konnten wir den Frauenanteil in den Streitkräften der Bündnisnationen von fünf Prozent auf etwas mehr als zehn Prozent steigern.“ Von den Ergebnissen der Veranstaltung erwarte man sich einen Schub für die Zukunft, da viele Dinge sich für die Frauen beim Militär insgesamt doch sehr langsam entwickelten.

Einer der Tagungsteilnehmer, der australische Generalleutnant David Morrison, hatte in seiner Grußadresse für Gleichberechtigung und Chancengleichheit in den Streitkräften geworben. Er gab zu bedenken: „Frieden und Sicherheit – danach sehnen sich Männer und Frauen in aller Welt gleichermaßen. Was aber geschieht? Es ist eine Tatsache, dass militärische Organisationen umso wirkungsvoller sind, je mehr Talente sie in ihren Reihen vereinen. Aber ist es denn nicht eine Schande, dass nahezu alle Armeen weltweit kaum Gebrauch machen, von gut der Hälfte des weltweiten Talentreservoirs – den Frauen?“

NATO-Hauptquartier in Sarajevo erstmals mit weiblichem Kommandeur

Dass es auch anders geht, zeigt ein Schlussschwenk nach Sarajevo. Hier in der Hauptstadt von Bosnien und Herzegowina übernahm am 9. Juni US-Brigadegeneral Giselle Wilz das Kommando im dortigen NATO-Hauptquartier. Sie ist der erste weibliche Befehlshaber des Bündnisses im „NHQSa“.

Giselle Wilz war schon immer eine Vorkämpferin für die Frauen in der von Männern dominierten Welt des Militärs. In der Nationalgarde des US-Bundesstaates Norddakota war sie der erste weiblich Oberst, der erste weibliche Chef des Stabes und schließlich der erste weibliche General. Sie stammt aus einer Familie mit einem stark vom Militärischen geprägten Hintergrund. Bereits ihr Vater sowie drei der fünf Geschwister dienten in den US-Streitkräften.


Zu unserem Bildmaterial:
1. Karrierecenter der Streitkräfte im Herzen Berlins. Direkt am Bahnhof Friedrichstraße eröffnete Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen am 19. November 2014 diesen ersten „Showroom der Bundeswehr“, in dem sich Interessierte über militärische und zivile Berufschancen beim Bund informieren können. Bundeswehr-Gegner nutzten den Eröffnungstermin zu einer Protestaktion.
(Foto: Uwe Hiksch)

2. Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen im April 2014 mit Besatzungsangehörigen der Fregatte „Brandenburg“ in Dschibuti. Die „Brandenburg“ nahm zu der Zeit am Atalanta-Einsatz der EU am Horn von Afrika teil.
(Foto: Sebastian Wilke/Bundeswehr)

3. Gender-Konferenz im NATO-Hauptquartier in Brüssel am 1. Juni 2015 mit rund 120 Teilnehmern. Im Mittelpunkt stand das Langzeitprojekt „UNSCR 1325 Reload“.
(Foto: NATO)

4. US-Brigadegeneral Giselle Wilz übernahm am 9. Juni 2015 das Kommando über die NATO-Vertretung in Sarajevo, Bosnien-Herzegowina.
(Foto: NATO)

5. Die Infografik zeigt die Zunahme des Frauenanteils in den Streitkräften aller NATO-Mitgliedstaaten im Jahreszeitraum 1999 bis 2013. Quelle: NATO-Report „UNSCR 1325“, veröffentlicht 1. Juni 2015. Das Hintergrundbild entstand im Mai 2006 auf dem Gelände der Marineakademie in Annapolis, Maryland/USA.
(Foto: James Pinsky/U.S. Navy)

6. Die zweite Infografik stellt den Frauenanteil in den Streitkräften der einzelnen NATO-Länder dar (Stand 2013). Quelle: NATO-Report „UNSCR 1325“, veröffentlicht am 1. Juni 2015. Das Hintergrundfoto wurde im April 2002 an Bord des Flugzeugträgers „USS George Washington“ gemacht und zeigt die Soldatin Keri Kobler auf Beobachtungsstation während des Flugbetriebes.
(Foto: R. David Valdez/U.S. Navy)

Kleines Beitragsbild: Eingangsbereich des „Bundeswehr-Showrooms“ im Bürohaus Friedrichstraße 147.
(Foto: Uwe Hiksch)


Kommentare

  1. O. Punkt | 16. Juli 2015 um 09:16

    Da hat sich der Redakteur der RP aber schön die passenden Zahlen diktieren lassen. Andere Zahlen lassen ein anderes Bild erscheinen.
    So hätte man auch recherchieren könnnen, dass die Gesamtzahl der Frauen in den Streitkräften von November 2012 bis jetzt um 400 angewachsen ist. Der Anteil wuchs damit in dem Zeitraum vom 9,8% auf 10,6%. Ursache für den prozentualen Anstieg ist aber weniger der minimale Zugewinn an weiblichen Soldaten sondern vielmehr der Rückgang des gesamten Personalkörpers. Im genannten Zeitraum von 194.000 auf 178.000.
    Was das Ziel der 20%-Quote angeht, könnte dieses bei dem Wachstum der vergangenen 3 Jahre schon in weniger als 30 Jahren erreicht sein. Vorrausgesetzt die Truppe schrumpft bis dahin auf etwa 100.000 Soldaten.

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