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Hamburg/Berlin. Am 20. Februar hat die Bundesregierung in ihrer Antwort auf eine Fraktionsanfrage der Linken detaillierte Angaben zu den aktuellen Großwaffensystemen der Bundeswehr – darunter das Leuchtturmprojekt der deutschen Marine „Fregattenklasse F125“ – gemacht (wir werden uns in den nächsten Tagen noch näher mit den Regierungsinformationen befassen). Das Großwaffensystem „Fregatte 125“ nimmt nun, wenn auch mit Verspätung, Gestalt an. Am 12. Dezember vergangenen Jahres wurde im Baudock 5 der traditionsreichen Hamburger Werft Blohm+Voss Shipyards die „Baden-Württemberg“ getauft.

Die „Baden-Württemberg“ ist das Typschiff der neuen Klasse F125. Sie und die drei anderen neuen Kampfschiffe der deutschen Marine – Fregatte „Nordrhein-Westfalen“, Fregatte „Sachsen-Anhalt“ und Fregatte „Rheinland-Pfalz“ – sollen einmal die acht Fregatten der Klasse F122 (Typschiff „Bremen“) ersetzen.

Die rund 150 Meter langen, 19 Meter breiten und gut 7000 Tonnen schweren Exemplare der Fregattenreihe F125 wurden speziell für die heutigen und zukünftigen Einsatzszenarien der deutschen Marine entwickelt. Neben den traditionellen Aufgaben der Landes- und Bündnisverteidigung sind die neuen Marineschiffe für Konfliktverhütung, Krisenbewältigung sowie Eingreif- und Stabilisierungsoperationen im internationalen Rahmen ausgelegt. Die Palette möglicher Einsätze umfasst dabei unter anderem die seeseitige Unterstützung von Spezialkräften, den Beschuss von Landzielen (taktische Feuerunterstützung), die Terrorismusbekämpfung, die Abwehr asymmetrischer Bedrohungen (beispielsweise Piraten) oder humanitäre Rettungsmissionen.

Intensive Nutzung mit dem Konzept der „zwei Wechselbesatzungen“

Die Fregatten können bis zu zwei Jahre an einem Stück auf See bleiben. Damit wird das Konzept der Intensivnutzung, also einer deutlich erhöhten Verfügbarkeit im Einsatzgebiet, umgesetzt. Die dabei angestrebten rund 5000 Seebetriebsstunden pro Jahr – Einsatzdauer, ohne den Heimathafen anzulaufen – entspricht fast einer Verdoppelung der Einsatzzeiten und einer Vervierfachung der Wartungsintervalle gegenüber bisherigen Fregattenklassen.

Neu ist auch das Konzept der zwei Besatzungen. Statt wie bisher zwischen 200 und 250 Besatzungsmitglieder an Bord zu haben, brauchen die vier neuen Fregatten jeweils nur noch 120 Soldatinnen und Soldaten (plus Spezialkräfte). Die erhöhte Verweildauer im Einsatzgebiet und die verringerte Besatzungsstärke erfordern eine Rotation: Geplant sind acht Besatzungen, die sich in ihren jeweiligen Ausbildungsabschnitten an Land und Einsätzen auf See abwechseln. Im Rhythmus von vier Monaten soll die Besatzung im Einsatzgebiet ausgetauscht werden (der Wechsel der Crew erfolgt nahtlos vor Ort).

Ein grundlegend neu entwickelter Fregattentyp für die deutsche Marine

An der Taufe der „Baden-Württemberg“ am 12. Dezember 2013 nahmen rund 400 geladene Gäste teil. Gerlinde Kretschmann, Gattin des Baden-Württembergischen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann, führte als Patin die Taufzeremonie in Anwesenheit von Vertretern ihres Bundeslandes, des Deutschen Bundestages, des Verteidigungsministeriums, der deutschen Marine und der beteiligten Unternehmen durch.

Beim Bau der F125-Klasse sind die dominierenden deutschen maritimen Unternehmen in einer Arbeitsgemeinschaft vertreten. Federführend in der „ARGE F125“ ist ThyssenKrupp Marine Systems (TKMS). Weiteres ARGE-Mitglied ist die Bremer Friedrich Lürssen Werft. Sie und Blohm+Voss Shipyards führen die Fertigung der vier Fregatten durch.

Hans Christoph Atzpodien, Vorstandsvorsitzender der ThyssenKrupp Industrial Solutions AG und Aufsichtsratsvorsitzender der ThyssenKrupp Marine Systems GmbH, äußerte sich zu der neuen Fregattenklasse unserer Marine: „Die F125 ist ein grundlegend neu entwickelter Fregattentyp mit Innovationen auf zahlreichen Technologiefeldern, der geeignet ist, den beteiligten Werften eine solide Grundauslastung über die kommenden Jahre zu sichern und dem deutschen Marineschiffbau seine führende Position bei Schlüsseltechnologien zu erhalten und auszubauen.“ Gerade diese Innovationen und die Partnerschaft mit der deutschen Marine seien es, die die Chancen des heimischen Marineschiffbaus auf dem Exportmarkt stärken könne, so Atzpodien weiter. Auf diesen Exportmarkt seien die deutschen Unternehmen zur Sicherung der Beschäftigung künftig mehr den je angewiesen. „Dies gilt insbesondere angesichts der geringen Spielräume, die hierzulande absehbar in den kommenden Jahren für neue Programme bleiben werden.“

Fehler beim Anstrich des Rumpfes mit Brandschutzlack

Ursprünglich sollte die „Baden-Württemberg“ bereits in diesem Jahr in Dienst gestellt werden. In der Antwort der Bundesregierung auf die Anfrage der Fraktion der Linken werden noch einmal die vereinbarten Ablieferungstermine genannt: Fregatte „Baden-Württemberg“ am 30. November 2016, Fregatte „Nordrhein-Westfalen“ am 15. Oktober 2017, Fregatte „Sachsen-Anhalt“ am 30. September 2018 und Fregatte „Rheinland-Pfalz“ am 18. August 2019. Allerdings räumt nun die Regierung ein: „Aktuell ist davon auszugehen, dass die vier Fregatten jeweils acht Monate verspätet abgeliefert werden.“ Vertragsstrafen bei Verzug der Ablieferung seien vereinbart worden.

Schuld an der Verzögerung soll unter anderem ein mangelhafter Anstrich mit Brandschutzlack am Fregattenrumpf sein. Der Verein „Freundeskreis Fregatte Baden-Württemberg“ befasste sich mit dem Fall in seinem Newsletter September 2013: „Die Probleme der … schadhaften Hensotherm-Brandschutzbeschichtung sind von der Werft zwischenzeitlich behoben worden. Diese (in sieben Schichten aufgetragene) Brandschutzfarbe hatte sich großflächig wieder gelöst, da scheinbar bei der Erstverarbeitung Temperatur und Luftfeuchtigkeit im Schiffsinneren vom verantwortlichen Subunternehmen nicht entsprechend der Vorgaben beachtet wurden.“ In der Antwort der Bundesregierung wird das Problem so dargestellt: „In den Jahren 2012 und 2013 traten Ablösungen der Brandschutzbeschichtungen an den Schottwänden der ersten beiden Schiffe auf, die zu Verzögerungen im Projektverlauf führten. Diese Fehler bei der Bauausführung wurden durch den Auftragnehmer als Versicherungsfälle angemeldet.“

Der Bund hat laut Regierung durch die gemeldeten Versicherungsfälle zwar erhebliche Verzögerungen zu beklagen, jedoch angeblich keine Folgekosten. Allerdings werden an gleicher Stelle des parlamentarischen Schriftstücks Mehrkosten bereits eingeräumt. Demnach beläuft sich der aktuelle Gerätesystempreis jetzt auf 758,3 Millionen Euro (Preisstand Dezember 2013) pro Fregatte, statt der 656 Millionen Euro bei Abschluss des Bauvertrages im Jahr 2007 (Preisstand Dezember 2006). Dies entspricht einem finanziellen Mehraufwand pro Schiff von rund 102,3 Millionen Euro.

Bordhubschrauber NH90, Speedboote und Hybridantrieb

Weitere Verzögerungen und Kostensteigerungen beim Rüstungsprojekt „Fregattenklasse F125“ scheinen nicht ausgeschlossen, sind die technischen Herausforderungen doch nicht ohne.

So ist die geplante Ausrüstung mit dem Bordhubschrauber NH90 „Sea Lion“ vor Kurzem erneut in die Schlagzeilen geraten. Am 15. März berichtete das Nachrichtenmagazin Focus über gravierende „Rost-Probleme“ mit der Maschine. Die niederländische Marine beispielsweise, die den Helikopter schon vor der somalischen Küste und in der Karibik eingesetzt hat, soll dem Magazin zufolge „außergewöhnlich starke Korrosion und starken Verschleiß“ beklagen.

Beschafft werden sollen auch 16 schnelle Beiboote – „Organische Boote für die Typreihe F125“ genannt – zum Gesamtpreis von rund 13 Millionen Euro. Die jeweils vier Buster pro neuer Fregatte sind für folgende Aufgaben vorgesehen: Escort, Transport von Spezialkräften und Boarding, als Fast Rescue Boat für die Eigen- und Fremdrettung. Das Bundesamt für Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung der Bundeswehr schwärmt von den in einer Mischbauweise aus glasfaserverstärktem und carbonfaserverstärktem Kunststoff gefertigten Systemen: „Die Marine erhält mit den Organischen Booten der F125 ein Überwassereinsatzfahrzeug, das in dieser Konfiguration und Leistungsfähigkeit weltweit einmalig ist und die operativen Einsatzmöglichkeiten des Waffensystems F125 wesentlich mitbestimmt.“ Viel Vorschusslorbeeren, die jedoch nicht so recht zu einem am 3. November 2013 erschienenen Spiegel-Beitrag passen wollen. Es heißt hier, die Speedboote hätten zu hohe Antennenanlagen, die hinteren Bootssitze seien wegen der starken Strahlenbelastungen durch die Funkgeräte unbenutzbar, voll ausgerüstete Soldaten passten nicht durch den Mittelgang. Dies alles seien, so das Nachrichtenmagazin, Kritikpunkte der Spezialisierten Einsatzkräfte der Marine an den Bustern.

Technologisches Neuland haben die Konstrukteure und Baumeister der Fregatte 125 auch mit dem neuartigen Hybridantrieb aus vier Dieselmotoren, zwei Elektromotoren und einer Gasturbine (Combined Diesel-Electric and Gas Turbine, CODLAG) betreten. Pro Schiff erzeugen die vier Dieselaggregate 20V 4000 M53B von MTU Tognum mit insgesamt 12.060 Kilowatt mechanischer Leistung (16.400 PS) die Energie für das Bordstromnetz und für den dieselelektrischen Marschantrieb bis zu einer Geschwindigkeit von 20 Knoten. Eine Gasturbine General Electric (GE) LM 2500 mit 20 Megawatt (27.200 PS) kann das Schiff auf bis zu 26 Knoten beschleunigen. Beim CODLAG-Antrieb werden also die Vorteile des Gasturbinenantriebs für hohe Einsatzgeschwindigkeit mit den Vorteilen des elektrischen Antriebs bei Marschfahrt mit niedrigen Geräuschsignaturen und hohem Wirkungsgrad verbunden. Christoph Rasch meinte zu diesem Hybridantrieb am 8. Februar in seinem Beitrag „Warten auf die Fregatte 125“ für die NDR-Sendereihe „Streitkräfte und Strategien“: „Bei einer deutschen Fregatte ist so etwas in der Praxis noch nicht getestet worden – und Kinderkrankheiten sind bei neuen Systemen nicht auszuschließen.“

Hohe Präzision bei der Ortung von Kleinzielen

Ende vergangenen Jahres hat das neue Radarsystem für die Fregattenklasse F125 seine besonderen Aufklärungs- und Überwachungsfähigkeiten bei der Erprobung in Nord- und Ostsee sowie bei der Werksabnahme nachgewiesen. Dazu der Hersteller Airbus Defence and Space (vormals Cassidian) in einer Presseerklärung: „Das Marineradar TRS-4D zeigte in zwei mehrwöchigen Testserien eine außerordentlich hohe Präzision besonders bei der Ortung von Kleinzielen, wie beispielsweise Drohnen, Lenkflugkörper und Periskope.“

Das neue Radar basiert auf einem Systemkonzept, das erstmals alle Vorteile der AESA-Technologie (AESA: Active Electronically Scanned Array) auch für kleine und mittelgroße Schiffe erschließt. Durch die Verwendung vieler unabhängiger Strahler in der Antenne ist das Radar schneller und präziser als konventionelle Radare und kann für ein breiteres Zielspektrum eingesetzt werden. Die Systemarchitektur ist so angelegt, dass eine spätere Erweiterung der Fähigkeiten durch Softwareupdates möglich ist.

Das System TRS-4D kommt auf den neuen Fregatten F125 in einer Variante mit vier feststehenden Antennen zum Einsatz. Diese Planarantennen können mit elektronisch gesteuerten Radarstrahlen einzelne Ziele wesentlich genauer verfolgen als mechanisch drehende Antennen, deren Aktualisierungsrate an die Umdrehungsgeschwindigkeit gebunden ist. Die Integration der ersten Anlage auf dem Typschiff „Baden-Württemberg“ ist für dieses Jahr vorgesehen.



Zu unserem Bildangebot:
1. Das Typschiff der neuen deutschen Fregattenklasse F125, die „Baden-Württemberg“.
(Foto: ThyssenKrupp Marine Systems)

2. Computerdarstellung der neuen Fregatte.
(Foto: ThyssenKrupp Marine Systems)

3. Taufe der „Baden-Württemberg“ am 12. Dezember 2013 im Baudock 5 der Hamburger Werft Blohm+Voss Shipyards.
(Foto: ThyssenKrupp Marine Systems)

4. Der Inspekteur der deutschen Marine, Vizeadmiral Axel Schimpf, bei der Fregattentaufe.
(Foto: ThyssenKrupp Marine Systems)

5. Hans Christoph Atzpodien, Vorstandsvorsitzender der ThyssenKrupp Industrial Solutions AG, bei seiner Ansprache am 12. Dezember 2013.
(Foto: ThyssenKrupp Marine Systems)

6. MTU-Fregattenantrieb 20V 4000 M53B.
(Foto: MTU Tognum)

7. Gasturbine GE LM 2500 – sie kann die neue Fregatte auf bis zu 26 Knoten beschleunigen.
(Foto: MTU Tognum)


Kommentare

  1. Muntz, Werner | 13. August 2015 um 18:16

    Beim Vergleich mit anderen Schiffen der europäischen Partner-Ländern habe ich festgestellt, dass die F125 eigentlich in die Klasse der Zerstörer gehört. Die Horizon-Klasse hat 7050 to max. Verdrängung, die Daring-Klasse hat 7350 to max. Verdrängung. Warum wird die F125 als Fregatte klassifiziert?

    mfg
    Werner Muntz

    • Redaktion | 18. August 2015 um 14:46

      Lieber Herr Muntz,

      das Presse- und Informationszentrum unserer Marine war so freundlich, mir „Amtshilfe“ zu leisten. Dort konnte man Ihre Frage beantworten.
      Die Kameraden schreiben aus Rostock: „Es hat sich seit einiger Zeit durchgesetzt, dass mehrrollenfähige Schiffe der Deutschen Marine (z.B. Schiffe, die für die Luftabwehr, Überwasserseekriegsführung und Ubootjagd eingesetzt werden können) als Fregatten bezeichnet werden. Die Klassifizierung und Bezeichnung von Einheiten unterliegt keinen starren Regeln und kann durch das jeweilige Land selbst festgelegt werden.“

      Viele Grüße von der Küste und vom Rhein,
      Christian Dewitz

  2. Michelko Jürgen | 27. Oktober 2016 um 20:51

    Sehr geehrter Herr Dewitz,

    meiner Ansicht nach hat diese Bezeichnung einen viel simpleren Hintergrund. Die Bundeswehr beziehungsweise deutsche Marine möchte nicht den Eindruck von „zerstören“ bei ihren Schiffen entstehen lassen. Deutsche Schiffe zerstören nicht, sondern „verteidigen“ nur.
    Ja, es ist so. Dies ist mir schon bestätigt worden.

    MfG.
    Jürgen Michelko

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