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Berlin. Es ist ein erneuter Anlauf. Bereits 2011 hatte der Vorstandsvorsitzende des Zentralrates der Muslime in Deutschland (ZMD), Aiman A. Mazyek, die Ernennung von eigenen Seelsorgern für muslimische Soldaten in unseren Streitkräften vorgeschlagen. Jetzt wiederholte er seine Forderung. „Wir brauchen muslimische Seelsorger in der Bundeswehr“, sagte Mazyek der Süddeutschen Zeitung. Rund 1600 Bundeswehrsoldaten islamischen Glaubens erhofften sich bald seelsorgerische Betreuung durch einen Militärimam.

Hintergrund der Äußerungen des ZMD-Vorsitzenden ist die Einladung von Bundesinnenminister Thomas de Maizière an die muslimischen Interessenvertretungen in Deutschland, demnächst über die Zukunft der Deutschen Islamkonferenz (DIK) zu sprechen. Der Minister hat die Spitzen der großen Verbände für die letzte Januarwoche nach Berlin zu einem Treffen eingeladen.

Mazyek, der dem Zentralrat seit 2010 vorsteht, hofft, diese Berliner Runde mit neuen Inhalten beleben zu können. Gegenüber der Süddeutschen erklärte er: „Es ist an der Zeit, über eine muslimische Beteiligung an Sozialeinrichtungen zu reden.“ Bislang dominierten kirchliche Träger das Angebot sozialer Hilfen, etwa bei Pflegeheimen oder Beratungsstellen. Auch über die Betreuung der etwa 1600 Soldaten islamischen Glaubens in der Bundeswehr müsse gesprochen werden. Schließlich seien die muslimischen Bundeswehrangehörigen ebenfalls in gefährlichen Auslandsmissionen – etwa in Afghanistan – eingesetzt.

Auswirkungen auf die Gestaltung des Truppenalltags

Mit dem Thema der multikulturellen (und damit auch multireligiösen) Identität der Bundeswehr hatte sich vor gut zwei Jahren bereits die Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen befasst. Agnes Brugger, Memet Kilic, Omid Nouripour und andere Abgeordnete der Fraktion hatten sich dazu am 11. April 2012 mit einer detaillierten Anfrage an die damalige Bundesregierung gewandt.

In der Vorbemerkung der Fragesteller heißt es: „Die Bundeswehr muss der kulturellen und damit auch religiösen Vielfalt unter ihren Soldaten Rechnung tragen. Eine wachsende Zahl unter ihnen gehört nicht den christlichen Glaubensgemeinschaften an. Viele gehören dem Islam, dem Judentum und anderen Religionsgemeinschaften an oder folgen keinem religiösen Bekenntnis. Das hat Folgen für praktische Fragen wie Urlaubsregelungen – beispielsweise an religiösen Feiertagen – oder die Beachtung besonderer Regeln bei der Verpflegung. Das gilt auch für die Militärseelsorge – besonders angesichts der Tatsache, dass sie eine immer wichtigere Rolle bei der psychosozialen Betreuung im Einsatz und Prävention von einsatzbedingten psychischen Erkrankungen übernimmt. Ähnliches gilt für die politische Bildung sowie für den lebenskundlich-ethischen Unterricht innerhalb der Bundeswehr.“

Merkmal einer Religionszugehörigkeit wird nur freiwillig erfasst

Wer zur Bundeswehr geht, muss seine Religionszugehörigkeit (oder Religionslosigkeit) nicht zwangsläufig offenlegen. Von den Rekruten werden Informationen zur Glaubensgemeinschaft lediglich aufgrund freiwilliger Angabe erhoben, um ihren Anspruch auf Seelsorge und ungestörte Religionsausübung nach Paragraf 36 des Soldatengesetzes erfüllen zu können. Getrennt davon erfolgt die Erhebung der Religionszugehörigkeit zur Erfüllung steuerrechtlicher Aufgaben im Rahmen der Besoldung (Kirchensteuer). In ihrer Antwort auf die Anfrage der Grünen erläutert die Bundesregierung: „Um den Anspruch auf Seelsorge und ungestörte Religionsausübung sicherstellen zu können, wird die Religionszugehörigkeit auf freiwilliger Basis erstmals mit dem Dienstantritt der Soldaten erhoben. Änderungen können sie jederzeit vor Ort bei ihrer personalbearbeitenden Stelle durchführen lassen.“

Schätzungen zufolge dienen derzeit etwa 1600 muslimische und 200 jüdische Staatsbürger in unseren Streitkräften. Die katholischen und evangelischen Kameradinnen und Kameraden sind weit in der Überzahl: Für 2012 beispielsweise verzeichnet die Statistik 48.435 katholische und 63.210 evangelische Bundeswehrangehörige, die von 74 katholischen und 92 evangelischen Militärgeistlichen betreut wurden und werden.

Schwerpunkt „Lebensberatung und Krisenbewältigung“

Brauchen muslimische oder jüdische Bundeswehrsoldaten militärseelsorgerischen Beistand, so kümmerten sich bislang die Vertreter der großen christlichen Religionen um sie. Dazu die Bundesregierung: „Die seelsorgerischen Bedürfnisse für jüdische und muslimische Soldaten in der Bundeswehr werden mit Unterstützung der katholischen beziehungsweise evangelischen Militärseelsorger auf überkonfessioneller Basis durch individuelle Maßnahmen mit Schwerpunkt ,Lebensberatung und Krisenbewältigung‘ erfüllt.“

Eine strukturierte seelsorgerische Betreuung von Soldaten jüdischen oder muslimischen Glaubens während eines Auslandseinsatzes durch eigene Seelsorger ist bisher ebenfalls nicht gegeben. Diese Soldaten werden laut Bundesregierung „im Geist des interreligiösen Dialogs durch die christlichen Militärseelsorger mitbetreut“.

Grundsätzliche Bereitschaft der Bundeswehr, Militärimame zuzulassen

Der Zentralrat der Muslime in Deutschland dürfte mittlerweile der Realisierung seines Wunsches nach islamischen Geistlichen in der Bundeswehr ein Stück nähergekommen sein. Im „Vertrag der Bundesrepublik Deutschland mit der Evangelischen Kirche in Deutschland zur Regelung der evangelischen Militärseelsorge“ ist festgelegt: „Für je 1500 evangelische Soldaten wird ein Militärgeistlicher berufen.“ Die Bundesregierung machte in ihrer Antwort im Jahr 2012 deutlich, dass diese „Regelung analog auch auf andere Religionen angewandt“ wird.

Zahlenmäßig dürfte dieses Kriterium für eine muslimische Militärseelsorge nahezu erfüllt sein. Allerdings warten weitere Hürden. So konnte bis jetzt seitens der muslimischen Verbände in Deutschland kein allgemein akzeptierter Ansprechpartner dieser Religionsgemeinschaft benannt werden. „Auch setzt eine eigene institutionalisierte Militärseelsorge zudem einen Staatsvertrag mit einer anerkannten und zu verbindlichen Festlegungen von Inhalten befugten Institution voraus, die die Interessen einer Gesamtheit der jeweiligen Religionsgemeinschaft vertritt“, so die Bundesregierung weiter. Grundsätzlich bestehe aufseiten der Bundeswehr aber die Bereitschaft, eine seelsorgerliche Betreuung von Soldatinnen und Soldaten muslimischen Glaubens bei Bedarf und bei Vorliegen der Voraussetzungen zu ermöglichen.

Bereit sein für die neue Entwicklung in den Streitkräften

Die Frage nach islamischen Geistlichen, die als Militärimame Soldaten und Familienangehörige seelsorgerisch betreuen, wird auch in anderen westeuropäischen Ländern diskutiert. Die Schweiz beispielsweise, die in ihrer Armee ebenfalls eine wachsende Zahl von Soldaten muslimischen Glaubens hat, befasst sich schon seit gut einem halben Jahrzehnt mit dieser Entwicklung.

Oberst Urs Aebi, der im Juli 2013 nach 25 Dienstjahren als Chef der Armeeseelsorge des Schweizer Militärs in den Ruhestand gegangen ist, hatte 2009 gegenüber der Presse erklärt: „Wir stellen uns auf eine Armee ein, die immer mehr Muslime hat … Wir verspüren keinen Druck, aber wir wollen bereit sein.“ Allerdings hatte Aebi damals auch der Forderung des Präsidenten der Föderation islamischer Dachorganisationen, Hisham Maizar, nach Einsetzung von Imamen in der eidgenössischen Armee eine Absage erteilt. Maizar hatte argumentiert: „Es braucht in der Armee Imame, die das Thema ,Integration‘ zusammen mit der katholischen und evangelischen Militärseelsorge konstruktiv angehen. Die Armee muss sich bereits heute für die Zukunft rüsten. Das Thema ,Imame‘ wird die Schweiz nicht ignorieren können.“ Nach Auffassung Aebis sieht die Armeeseelsorge in der Schweiz insgesamt keinen Bedarf, um in der Truppe auch Imame oder Rabbiner zu installieren.

In Österreich war der erste islamische Gebetsraum des Bundesheeres im Februar 2004 in der Wiener Maria-Theresien-Kaserne eröffnet worden. 2008 schließlich hatten zwei Imame in Ost- beziehungsweise in Westösterreich auf der Basis von freien Werkverträgen mit der seelsorgerischen Betreuung von Militärangehörigen begonnen. Hintergrund dieser Entscheidung ist auch hier die wachsende Zahl praktizierender Muslime im Bundesheer. Nach Informationen des Ministeriums für Landesverteidigung hatte es 2005 rund 1000 islamische Soldaten in Österreichs Armee gegeben – Tendenz steigend.

Bewährte Institution in Großbritannien und Frankreich

In Großbritannien und Frankreich sind muslimische Geistliche im Dienste der Streitkräfte seit Längerem schon Realität. In den britischen Streitkräften werden derzeit rund 650 Soldaten islamischen Glaubens von mittlerweile zwei Militärgeistlichen betreut. Einer der beiden, Asim Hafiz, fungiert zugleich als Islamberater des Verteidigungsministeriums in London.

Frankreich hat ebenfalls – wie auch Großbritannien – seit dem Jahr 2005 muslimische Militärseelsorger unter Vertrag. Aufgrund der kolonialen Vergangenheit des Landes ist der Anteil der islamischen Uniformträger in den französischen Streitkräften, verglichen mit anderen westeuropäischen Armeen, entsprechend hoch. Schätzungen zufolge sind knapp 15 Prozent der Militärangehörigen Muslime; bei einer augenblicklichen Gesamtstärke von rund 228.000 Soldaten wären dies 34.200. Im Jahr 2008 beschäftigten die französischen Streitkräfte acht Militärimame.

Seit einem Jahrzehnt islamische Seelsorge in den U.S. Armed Forces

In den USA war der erste muslimische Militärgeistliche im Jahr 1993 ins Seelsorgeamt berufen worden. Heute kümmert sich in den US-Streitkräften gut ein Dutzend islamischer Feldgeistlicher um die etwa 3700 muslimischen Soldaten. Warum es beispielsweise alleine in der U.S. Navy mehr als 800 christliche Militärseelsorger gibt, erklären Statistiken des US-Verteidigungsministeriums (aus dem Jahr 2008). Demzufolge registrierte das Pentagon zu dieser Zeit in den Reihen der Streitkräfte – neben den muslimischen Soldaten – 422.893 Protestanten, 289.706 Katholiken, 245.386 Angehörige anderer christlicher Glaubensgemeinschaften, 4515 Soldaten jüdischen Glaubens sowie 122.116 Mitglieder sonstiger Weltanschauungen und 271.923 nichtreligiöse Militärangehörige.



Zur Bildsequenz unseres Beitrages:
1. Die rund 48.400 katholischen und 63.200 evangelischen Bundeswehrsoldaten werden seelsorgerisch von etwa 160 Militärgeistlichen beider großer Konfessionen betreut. Unsere Aufnahme entstand im Mai 2011 bei der 53. Internationalen Soldatenwallfahrt in Lourdes, Frankreich.
(Foto: Sebastian Wilke/Bundeswehr)

2. Militärimame sind in den Streitkräften der Vereinigten Staaten nichts Außergewöhnliches. Das Bild zeigt den islamischen Militärgeistlichen Mohammed Muqsood Ali Khan beim Freitagsgebet in Fort Irwin, Kalifornien/USA.
(Foto: Zachary A. Gardner/11th Armored Cavalry Regiment/U.S. Army)

3. Aiman A. Mazyek ist seit 1994 Mitglied der Vollversammlung des Zentralrates der Muslime in Deutschland (ZMD). 2006 war er als ehrenamtlicher Generalsekretär in den Vorstand gewählt worden, seit 2010 ist er ZMD-Vorstandsvorsitzender.
(Foto: yunay/ZMD)

4. Das Hintergrundbild unserer Infografik wurde im April 2009 in Sialkot, Punjab/Pakistan aufgenommen und zeigt einen Muslim beim Gebet.
(Foto: mrehan)


Kommentare

  1. Gerd Meier | 19. November 2014 um 16:17

    Mit islamischen „Feldgeistlichen“ hat man in Deutschland ja Erfahrung. Vielleicht sollte man sich erstmal gründlich mit der Ideologie des Islam befassen, bevor man ihm Tür und Tor in der Bundeswehr öffnet? http://www.zuk

    • Redaktion | 21. November 2014 um 02:49

      Lieber Leser,

      Sie verweisen in Ihrem Kommentar auf einen Beitrag, der sich mit der unseligen Allianz von Muslimen und Teilen der Hitler-Wehrmacht und Waffen-SS befasst. In dem Beitrag heißt es unter anderem: „Ideologischer Einpeitscher dieses Bündnisses war der notorische Antisemit Mohammed Amin al-Husseini“ (der 1974 verstorbene frühere Großmufti von Jerusalem).

      Husseini war der wichtigste arabische Alliierte der Nationalsozialisten, wie der Spiegel in einem historischen Porträt 2009 festhielt. Im Judenhass habe er den Nazis wenig nachgestanden. Das Magazin zitierte eine Äußerung des Großmuftis aus dem Jahr 1942: „Sie (die Juden) werden stets ein zersetzendes Element auf Erden bleiben, denen daran gelegen ist, Ränke zu schmieden, Kriege anzuzetteln und die Völker gegeneinander auszuspielen.“ Über den Holocaust soll Amin al-Husseini nach Angaben eines SS-Mannes frühzeitig unterrichtet worden sein.

      Nicht nur angesichts dieser erschreckenden zeitgeschichtlichen Wahrheiten haben wir den von Ihnen empfohlenen Link entfernt. Denn im Zusammenhang mit unserem Beitrag über eine denkbare Ernennung von eigenen Seelsorgern für muslimische Bundeswehrangehörige halten wir den von Ihnen in Ihrem Kommentar gewählten Ansatz und Vergleich letztendlich für diskriminierend. Diskriminierend im Hinblick auf die Religionsgemeinschaft Islam und diskriminierend im Hinblick auf muslimische Geistliche im Dienste der Streitkräfte.

      Der von Ihnen empfohlene Artikel beginnt mit dem Satz: „Ein kurzes Kapitel einer seltsamen Art der Völkerverständigung in Deutschland stellt die Einrichtung von Institutionen für die Ausbildung islamischer Feldgeistlicher in der Wehrmacht und in der Waffen-SS dar.“ Der erste Satz Ihres Kommentars „Mit islamischen ,Feldgeistlichen‘ hat man in Deutschland ja Erfahrung“ entlarvt eindeutig Ihre Stoßrichtung, die klar unseren Kommentarregeln widerspricht.

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