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Overberg Test Range (Südafrika)/Überlingen. Das Jahr 2012 endete für das Überlinger Systemhaus Diehl Defence mit durchaus gemischten Gefühlen. Zum einen hatte man sich Anfang Dezember am Bodensee noch über eine erfolgreiche Testkampagne in Südafrika gefreut: dort hatte auf dem militärischen Versuchsgelände Overberg Test Range ein Testschießen mit einem Prototypen des Lenkflugkörpers IRIS-T SL stattgefunden; der von einem Trägerfahrzeug abgefeuerte Flugkörper war erfolgreich ins Ziel gelenkt worden. Zum anderen kamen später schlechte Nachrichten aus Washington: dort war am 18. Dezember das auch für Diehl wichtige MEADS-Projekt endgültig gecancelt worden.

Den neuen Boden-Luft-Lenkflugkörper IRIS-T SL konstruiert Diehl Defence im Rahmen einer Anpassentwicklung des Bundesamtes für Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung der Bundeswehr (BAAINBw). Er basiert auf dem in unserer Luftwaffe und weiteren europäischen und internationalen Luftstreitkräften eingeführten Luft-Luft-Lenkflugkörper für Kampfflugzeuge IRIS-T. Das Schießen auf der Overberg Test Range (OTR) an der südafrikanischen Südküste verfolgten auch Vertreter des BAAINBw, es fand im Rahmen einer sogenannten Validierungs-Versuchskampagne statt. (Anm.: Die Bezeichnung „IRIS-T“ steht für Infra Red Imaging System Tail/Thrust Vector-Controlled, „SL“ für Surface Launched).

Test der kompletten Flugkörper-Funktionskette

Mit dem Schuss auf eine Zieldrohne konnte jetzt zum ersten Mal die komplette Funktionskette „Ziel – Radar – Feuerleitung – Waffenrechner – Datenlink“ des neuen Lenkflugkörpers, der laut Diehl „für die zukünftige Luftverteidigung der Bundeswehr vorgesehen“ ist, getestet werden. Bei dem Versuch wurde zunächst in einer vom Lenkrechner vorausberechneten Entfernung zum Ziel die zur Reduktion des Luftwiderstandes benötigte aerodynamische Haube vom Flugkörper abgetrennt. Anhand der im Flug laufend vom Datenlink übermittelten Radar-Zieldaten konnte der Suchkopf danach auf das Ziel eingewiesen werden. Der Suchkopf fasste dieses auf und lenkte den Flugkörper ins Ziel.

Mit dem Testschuss wurden alle Funktionen der Einweisung des Flugkörpers durch externe Radardaten, die Zielerfassung nach dem Start sowie die anschließende Zielverfolgung erfolgreich demonstriert. Alle Versuchsziele seien, so Diehl Defence in einer Pressemitteilung, erreicht worden.

IRIS-T SL ist eine leistungsgesteigerte Version des Luft-Luft-Lenkflugkörpers IRIS-T. Im Vergleich zu IRIS-T verfügt IRIS-T SL über einen stärkeren Antrieb, eine aerodynamische Haube zur Reichweitensteigerung, einen Datenlink sowie über ein autonomes GPS/INS-Navigationssystem. Der Senkrechtstart des Lenkflugkörpers mittlerer Reichweite ermöglicht eine 360-Grad-Rundumverteidigung gegen Flugzeuge, Hubschrauber, Drohnen und Flugkörper (keine ballistischen Raketen). Er weist damit das gleiche Zielspektrum auf wie IRIS-T.

Der Lenkflugkörper IRIS-T SL ist nach Auskunft von Diehl Defence so ausgelegt, dass er sich leicht in verschiedene bestehende und zukünftige Luftverteidigungssysteme integrieren lässt. Dafür sorgt die einfache Anbindung an Feuerleitsysteme über standardisierte und software-basierte/offene Schnittstellen. Der für den Abschuss vorgesehene Startbehälter dient gleichzeitig auch zur Lagerung und für den Transport des Flugkörpers.

Schuss für Schuss zur Systemreife

Mittlerweile sind die Entwicklungsarbeiten an der IRIS-T SL weit fortgeschritten. Am 9. Oktober 2009 hatte der Boden-Luft-Lenkflugkörper auf der OTR in Südafrika erfolgreich seinen Erstflug absolviert. Dabei war er sicher von einem Trägerfahrzeug gestartet und hatte danach seine flugmechanischen und aerodynamischen Eigenschaften nachgewiesen. Die aerodynamische Haube hatte sich kontrolliert öffnen lassen. Der neu entwickelte Raketenmotor für die IRIS-T SL hatte erstmals seine volle Leistungsfähigkeit zeigen können.

Am 19. und 26. Mai 2011 war Diehl Defence mit zwei Schüssen auf der ORT ein weiterer wichtiger Nachweis für den planmäßigen Fortschritt in der Entwicklung der IRIS-T SL gelungen. Diesmal waren während des Fluges Zieldaten via Datenlink übermittelt worden. Auch war die hohe Manövrierfähigkeit des Flugkörpers bis an die Belastungsgrenze bei diesen Versuchen demonstriert worden.

Nationale Entwicklung als Zweitflugkörper

Ursprünglich war IRIS-T SL ab dem Vertragsabschluss am 11. Mai 2007 zwischen Diehl und dem damaligen Bundesamt für Wehrtechnik und Beschaffung als Zweitflugkörper für das Luftverteidigungssystem MEADS (Medium Extended Air Defense System) entwickelt worden. Das MEADS-Projekt selber war im Jahr 2005 unter der damaligen rot-grünen Bundesregierung initiiert und beschlossen worden. Es beteiligten sich daran neben Deutschland auch Italien und die USA.

Im Februar 2011 verkündeten die USA ihren Ausstieg aus dem trinationalen MEADS-Programm. Dieses Ende kam nicht überraschend. Bereits im März 2010 war in Washington ein internes Memo der U.S. Army, deren Führung sich vehement gegen MEADS aussprach, öffentlich geworden. Darin hieß es, das System sei zu teuer, benötige zu viel Entwicklungszeit und sei letztendlich zu kompliziert, weil Programmänderungen der vorherigen Genehmigung der beiden Vertragspartner Deutschland und Italien bedürften. Alles in allem, so dieses Memo, würde MEADS nicht den Anforderungen des US-Militärs gerecht.

Das letzte transatlantische Rüstungsprojekt

Die drei Vertragspartner vereinbarten nach dem Rückzug der USA aus dem Projekt zunächst, die Entwicklung des Systems zumindest noch gemeinsam abzuschließen. Am 18. Dezember 2012 kam dann jedoch das endgültige Aus für MEADS: Unterhändler des Senats und des Repräsentantenhauses einigten sich in Washington darauf, kein Geld mehr für die Entwicklung dieses amerikanisch-deutsch-italienischen Raketenabwehrsystems zur Verfügung zu stellen. Ein entsprechender Gesetzentwurf verhindert jetzt endgültig die Auszahlung von gut 400 Millionen US-Dollar für das letzte Jahr des MEADS-Entwicklungsprogramms.

Der US-Kongress stellte sich mit dieser Entscheidung auch gegen die Regierung Obama. Verteidigungsminister Leon Panetta hatte noch vor kurzem eindringlich für eine Fortsetzung des Unternehmens geworben. Aus Rücksicht auf die Verbündeten (MEADS war bis dahin das einzige verbliebene transatlantische Rüstungsprojekt) und „gerade angesichts knapper Kassen, bei denen internationale Rüstungsprojekte mit Kostenteilung wünschenswert“ seien.

Nach dem Ende von MEADS wird nun auch Diehl Defence auf den Aufbau eines deutschen oder europäischen Luftverteidigungssystems hoffen. Möglicherweise unter Nutzung der bei der bisherigen MEADS-Entwicklung gewonnenen Erkenntnisse und Ergebnisse. Möglicherweise! Denn die Bundesregierung beziehungsweise das Verteidigungsministerium will zunächst erst prüfen lassen, inwieweit die bisherigen Resultate des MEADS-Projektes nach dem endgültigen Abschied der US-Partner vom Programm überhaupt nutzbar sind. Die europäischen Vertragspartner hätten es vorgezogen, so berichteten die Medien nach dem 18. Dezember über die Reaktionen aus Berlin, wenn man die gemeinsame Entwicklung wirklich noch hätte abschließen können. Denn so hätte man wohl eher die Ergebnisse der bisherigen Arbeiten sichern und sie eventuell für Folgeprojekte nutzen können. Dies stehe jetzt infrage, sagte Kapitän zur See Christian Dienst vom Presse- und Informationsstab des Verteidigungsministeriums der Nachrichtenagentur Reuters. „Es muss geprüft werden, ob das noch möglich sein wird oder nicht“, so der Ministeriumssprecher.


Hintergrund                                                                      

Die Overberg Test Range (OTR) oder Overberg Toetsbaan (OTB) befindet sich im Besitz des staatlichen südafrikanischen Rüstungsunternehmens Denel. Das militärische Testgelände wurde in den 1980er-Jahren installiert. Es befindet sich im Distrikt Overberg nahe der Stadt Arniston an der Südküste von Südafrika. Kapstadt ist etwa 200 Kilometer entfernt.
Das rund 43.000 Hektar große Testgelände wird durch den De Hoop Nationalpark in einen größeren westlichen und kleineren östlichen Teil getrennt. Raketen-Startplätze und -Testplätze der OTR erstrecken sich entlang der Küste. Der benachbarte Flughafen wird mit dem dazugehörigen Test Flight and Development Centre (TFDC) von der südafrikanischen Luftwaffe betrieben und ermöglicht mit seiner 3000 Meter langen Start- und Landebahn auch die Landung sehr großer Flugzeuge.
Für die Bundeswehr wurde fast das komplette Testprogramm für den Marschflugkörper Taurus KEPD 350 in Overberg durchgeführt. Auch die Verifikation durch das damalige Bundesamt für Wehrtechnik und Beschaffung und verschiedene Testflüge, unter anderem mit Beteiligung des Jagdbombergeschwaders 33, erfolgten hier. Die deutsche Marine nutzte die OTR ebenfalls schon für den scharfen Schuss von Exocet, Sea Sparrow und anderen Flugkörpern.


Das Bildangebot zu unserem Beitrag:
1. Die Overberg Test Range in Südafrika war Schauplatz des aktuellen Diehl-Tests mit dem Luftverteidigungsflugkörper IRIS-T SL.
(Foto: Denel OTR)

2. Abschuss des Boden-Luft-Lenkflugkörpers IRIS-T SL auf dem Testgelände in Südafrika im Dezember 2012 (links); (rechts) grafische Darstellung des Starts des Flugkörpers von einem Trägerfahrzeug.
(Foto/Computergrafik: Diehl Defence)

3. Blick in das Kontrollzentrum der südafrikanischen Test Range.
(Foto: Denel OTR)


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