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Meppen/Schrobenhausen. Experten der NATO rechnen damit, dass künftig 70 Prozent aller Kampfhandlungen nicht auf klassischen Gefechtsfeldern ausgetragen werden, sondern in bebautem Gelände – in Siedlungen, Ortschaften und Städten. Regulären Kräften aufgezwungen von einem Gegner, der die urbanen Infrastrukturen kennt, die Anwesenheit von Zivilisten auszunützen weiß und dabei alle Register der asymmetrischen Kriegsführung ziehen wird. Ein solches Szenario zeigt der Kriegsfilm „Black Hawk Down“ von Ridley Scott. Der Brite schildert darin minutiös das Gefecht zwischen US-Soldaten und örtlichen Milizen in der somalischen Hauptstadt Mogadischu am 3. und 4. Oktober 1993. „Black Hawk Down“ verdeutlicht bildhaft, welche taktischen Probleme mit den sogenannten Urban Operations verbunden sind. Diese Military Operations in Urban Terrain (MOUT) verlangen eine bedrohungsgerechte Ausrüstung. Daran arbeitet auch das Unternehmen TDW aus Schrobenhausen. Mit großem Erfolg, wie jetzt eine Versuchsserie auf dem Gelände der Wehrtechnischen Dienststelle 91 in Meppen zeigte.

Militäreinsätze in asymmetrischen Auseinandersetzungen erfordern hohe Präzision und eine genau auf das Ziel abgestimmte Wirkung des Gefechtskopfes. Mit heutigen Wirksystemen ist dies nur eingeschränkt oder überhaupt nicht möglich. Benötigt werden Systeme, die eine „skalierbare“ Wirkung zulassen. Art und Größe der benötigten Effekte im Einsatzraum sind dabei flexibel justierbar. So kann beispielsweise bei einem Luft-Boden-Einsatz der gewünschte Wirkungsgrad im Zielgebiet durch den Piloten im Cockpit gewählt werden.

Jahrelange Forschung und zahlreiche Patente

Die Vorteile einer solchen modernen Technologie hatte Helmut Hederer, Geschäftsführer der TDW Gesellschaft für verteidigungstechnische Wirksysteme mbH, bereits im Juni einer Journalistenrunde erläutert. Beim „Fachpressetag“ des Mutterunternehmens MBDA Deutschland in Schrobenhausen war beim Blick auf diese neuen intelligenten Wirksysteme deutlich geworden, dass die gesteckten Ziele durchaus erreichbar sind. Mit den flexiblen Wirksystemen sollen im Einsatzfall unbeabsichtigte Personen- und Sachschäden so gering wie möglich gehalten werden. Zugleich soll die neue Technologie im operationellen Einsatz dem Entscheider verschiedene Handlungsoptionen eröffnen.

Bislang – so zeigen vor allem die Erfahrungen aus dem Irak und aus Afghanistan – zerstören heutige Wirksysteme in asymmetrischen Szenarien oftmals ganze Wohnbereiche oder Häuser und töten dabei auch Zivilisten. Außerdem werden immer noch für unterschiedliche Zielkategorien unterschiedliche Flugkörper oder Gefechtsköpfe benötigt, deren Bereitstellung mit hohem logistischen Aufwand verbunden ist.

Die MBDA-Tochter TDW, die in Europa auf dem Gebiet der Wirktechnologien und Wirksysteme führend ist, arbeitet nach Hederers Darstellung bereits seit einigen Jahren an Lösungen für die neuen Wirksysteme und hat mittlerweile mehr als 20 Patente für diesen Bereich angemeldet. Die Zusammenarbeit mit nationalen und internationalen Arbeitsgruppen zum Thema „Flexible Wirksysteme“ ist intensiv. Für Studien und Testreihen flossen in der Vergangenheit öffentliche Gelder, in „erheblichem Maße“ wurden sie aber auch eigenfinanziert.

Erfolgreicher Test auf dem Schießgelände in Meppen

Als weltweit erstem Unternehmen ist es TDW Anfang August dieses Jahres gelungen, die neue Technologie, mit der eine skalierbare und auf das Ziel abgestimmte Wirkung erzielt werden kann, erfolgreich in einer Versuchsserie nachzuweisen.

Bei einer Demonstration im niedersächsischen Meppen auf dem Gelände der Wehrtechnischen Dienststelle (WTD) 91 wurden 100 Kilogramm Sprengstoff in einer Mk82-Hülle mit skalierbarem Gefechtskopf eingesetzt (die Mk 82 ist eine ungelenkte Mehrzweck-Freifallbombe der Mark-80-Serie). Die reduzierte Wirkung des getesteten Gefechtskopfes war vergleichbar einer Wirkung mit 10 Kilogramm Sprengstoff. Ziel des Versuchs war es, den Wirkradius erheblich zu reduzieren. Ziele im Nahbereich sollten wirksam bekämpft werden, an weiter entfernten Gebäuden und Fahrzeugen sollten nur minimale Schäden entstehen.

Das Meppener Ergebnis kommentierte TDW-Chef Hederer so: „Wir arbeiten bereits seit einigen Jahren an technologischen Ansätzen zur Lösung dieser Problemstellung. Jetzt haben wir den Beweis erbracht, dass diese Technologie tatsächlich funktioniert. Dieser Erfolg ist ein weiterer Schritt in Richtung Flexibilisierung moderner, zukünftiger Effektoren.“ Bei dem Test auf dem Versuchsgelände der WTD 91 war das Konzept der neuen Technologie voll aufgegangen: Nicht der gesamte verfügbare Sprengstoff im Gefechtskopf wurde gezündet, sondern entsprechend der Leistungsanforderung nur ein vorher ausgewählter Anteil. Der andere Teil wurde an der Detonation gehindert und so umgewandelt, dass keine Sprengstoffreste übrig blieben.

Einrüstung in existierende Waffensysteme möglich

Mit der erfolgreichen Versuchsserie hat das Schrobenhausener Unternehmen nicht nur den hohen Reifegrad der Technologie demonstriert, sondern auch die Möglichkeit zur Integration in existierende Wirksysteme nachgewiesen. Hederer: „Damit wird auch eine Fähigkeitserweiterung im Bereich zielangepasste Luft-Boden-Wirkung bei der deutschen Luftwaffe möglich. Die Technologie kann beispielsweise in GBU-48 oder GBU-54-Flugkörper integriert werden, mit der Tornado und Eurofighter ausgerüstet sind. Die Wirksystem-Technologie kann grundsätzlich auch bei Heeres- und Marineflugkörpern verwendet werden.“

Zukunftstechnologie mit großer Bandbreite

Die flexiblen Wirksysteme umfassen nicht nur die skalierbaren Gefechtsköpfe (im Militärjargon „Dial-a-Yield“), mit denen im urbanen Umfeld abgestufte und zielangepasste Wirkungen zur Vermeidung von Kollateralschäden erreicht werden können. Auch die umschaltbaren Gefechtsköpfe („Dial-a-Mode“), richtbaren Gefechtsköpfe („Dial-a-Direction“) und die Multieffekt- oder Spezialgefechtsköpfe („Dial-an-Effect“) gehören zum Repertoire dieser Zukunftstechnologie.

TDW entwickelt, produziert und wartet seit 55 Jahren Gefechtsköpfe und Gefechtskopfsysteme sowie die dazugehörigen Komponenten. Das Unternehmen beschäftigt zurzeit 130 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Der aktuelle Umsatz liegt bei etwa 40 Millionen Euro im Jahr.


Zu den beiden Aufnahmen:
1. Mehr als 70 Prozent aller Konflikte werden in der Zukunft „Urban-Warfare-Operations“ sein, Einsätze im Orts- und Häuserkampf. Das Bild entstand im April 2009 in Nowzad in der südafghanischen Helmand-Provinz und zeigt US-Marines während einer Operation gegen die Taliban.
(Foto: Walter D. Marino II/U.S. Marine Corps)

2. TDW-Demonstration auf dem Gelände der Wehrtechnischen Dienststelle 91 in Meppen.
(Foto: TDW GmbH)


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