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Berlin/Kiel. Seit drei Jahren liegt der ganze Stolz der deutschen Marine (dies suggeriert die Teilstreitkraft nach wie vor), das Segelschulschiff „Gorch Fock“, in einem Trockendock. Die Kosten für die Instandhaltung beziehungsweise Sanierung der traditionsreichen Dreimastbark belaufen sich inzwischen auf mehrere Millionen Euro. Die jüngste Geschichte der „Gorch Fock“ hat sich zu einem Lehrstück entwickelt, wie öffentliche Aufträge aus dem Ruder laufen können. Die Deutsche Presse-Agentur schrieb vor Kurzem von einem „unguten Mix“, zu dem unter anderem langjährige und kaum mehr kritisch hinterfragte Geschäftskontakte, ein Dschungel aus behördlichen Regelungen sowie fehlendes Risikomanagement bei der Marine beigetragen hätten. Ein „unguter Mix“, für den am Ende wohl wieder einmal der Steuerzahler wird geradestehen müssen.

Rainer Kersten ist Geschäftsführer des Vereins „Bund der Steuerzahler Schleswig-Holstein“. Er hat sich in der Vergangenheit immer wieder äußerst kritisch mit dem Thema „Gorch Fock“ auseinandergesetzt. Auch in seinem nachfolgenden Gastbeitrag für unser bundeswehr-journal erkennt man sofort, dass es ihm bei der Befassung mit dem Segelschulschiff zuallererst um die Interessen der Steuerzahler geht. Steuerverschwendung, so Kersten, dürfe es auch in diesem Fall keinesfalls geben.


Rainer Kersten, Bund der Steuerzahler Schleswig-Holstein e.V.: Von der ehemals stolzen „Gorch Fock“ ist im Bremerhavener Trockendock nur eine rostige in Planen verpackte Stahlkonstruktion übriggeblieben. Schwimmfähig ist der Rumpf noch immer nicht. Die Masten lagern abseits in einer Industriehalle. Für diesen Zustand hat der Steuerzahler bislang 60 Millionen Euro ausgegeben. Mindestens weitere 75 Millionen Euro sind notwendig, um das Schiff wieder segelfähig zu bekommen.

Die Werft, die das möglich machen soll, wird durch Betrugsvorwürfe erschüttert. Die Eigentümer klagen gegen den abgesetzten Vorstand. Auch bei der Bundeswehr ist längst nicht alles korrekt gelaufen: Ein Preisprüfer – also ausgerechnet derjenige Beamte, der die Rechnungen der Werft sachlich und rechnerisch prüfen soll – hat sich selbst wegen Bestechlichkeit angezeigt. Klar ist auch: Ein nagelneues Segelschulschiff gleicher Größe wäre viel billiger gewesen als die jetzt durchgeführte Sanierung.

Doch Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen hat es immer noch nicht geschafft, den Schlussstrich zu ziehen. Zwar hat sie dem neuen Werftvorstand eine Frist gesetzt, aber sie scheut die einzig mögliche Entscheidung, die die Vernunft gebietet, nämlich das Schiff so schnell wie möglich abzuwracken. Dann muss über einen Neubau oder eine Zusammenarbeit mit anderen NATO-Staaten, die Segelschulschiffe betreiben, nachgedacht werden.

Die Befürworter einer Fortführung der Sanierung beschwören die Tradition der Marine und das positive Image, mit dem der Großsegler die Bundesrepublik Deutschland in vielen ausländischen Häfen repräsentiert hat. Sie erinnern auch an das Bild unter vollen Segeln auf dem ehemaligen Zehn-DM-Schein. Doch diese nostalgischen Träumereien sind nicht mehr als Utopie. Die „Gorch Fock“ wird niemals mehr als positiver Imageträger zurückkehren. Vielmehr wird sie immer mit den Makeln des Pleiten-, Pech- und Pannenschiffs, mit einer unglaublichen Steuergeldverschwendung und leider auch mit zwei Todesfällen belastet sein. Als Stolz der deutschen Marine und des ganzen Landes taugt sie nicht mehr.

Schuld an dieser Negativentwicklung trägt die Marineführung in erster Linie selbst. Denn als Aushängeschild der Teilstreitkraft hätten die Verantwortlichen den Segler niemals so verkommen lassen dürfen. Obwohl das Schiff seit 2000 im zweijährigen Turnus in der – immer wieder gleichen – Werft in Elsfleth zur Überholung war und dafür teilweise Millionenbeträge aufgebracht wurden, befand sich das Schiff unter dem Farbanstrich in einem desolaten Zustand. Der Stahlrumpf und die tragenden Strukturen waren derart verrottet, dass jetzt nichts davon zu retten war.

Das Schlimmste an diesem Zustand: Jetzt ist herausgekommen, dass die Marineführung mindestens seit 2010 von dem maroden Zustand im Inneren des Schiffes wusste. Doch weder die politische Führung im Verteidigungsministerium noch die Öffentlichkeit wurden darüber informiert. Stattdessen hat man ein Schauspiel aufgeführt, in dem kleine überschaubare Reparaturaufträge angeblich zu unerwarteten Mehraufwendungen geführt haben. So sind aus offiziell angemeldeten 9,5 Millionen Euro jetzt sage und schreibe mindestens 135 Millionen Euro geworden!

Der Bundesrechnungshof ist bei seinen Prüfungen auf einen Bericht des Havariebeauftragten der Marine gestoßen, der 2011 kritisierte, dass bereits seit Jahrzehnten keine richtige und umfassende schiffbauliche Untersuchung des Schiffes erfolgt sei. Er hat schon damals schwere Korrosionsschäden durch „Löcher in der Außenhaut sowie Schäden an Trägern und Schottwänden“ festgestellt. Zudem sei durch Korrosion das Leck- und Lenzsystem nicht funktionstüchtig. Der Beauftragte stellte das erschreckende Zeugnis aus, dass „vom tatsächlichen schiffbaulichen Zustand über einen Zeitraum von vielen Jahren eine nicht unwesentliche Gefährdung von Schiff und Besatzung ausgeht“. Diese Feststellungen heißen nichts anderes, als dass die Marineführung über Jahre die Stammbesatzung und Kadetten mit einem nicht uneingeschränkt seetüchtigen Schiff auf die Weltmeere geschickt hat.

Die Marineführung hat diese Fakten über Jahre verheimlicht, obwohl sie rein fachlich gar nicht überraschend kommen. Jeder Schiffbauer weiß, dass durch normalen Verschleiß die Stahlplatten am Rumpf pro Jahr um etwa 0,1 Millimeter dünner werden. Somit war klar, dass die Außenhaut der „Gorch Fock“ nicht einmal mehr halb so dick ist wie zum Bauzeitpunkt. Dieses hätte längst zu einem Austausch der Platten führen müssen.

Deshalb muss Verteidigungsministerin von der Leyen jetzt auch personelle Konsequenzen ziehen, sonst droht sie selbst in dem Strudel der „Gorch Fock“ unterzugehen.


Randnotiz                                  

Der Bund der Steuerzahler ist nach eigener Darstellung bundesweit als unabhängiger, parteipolitisch neutraler und gemeinnütziger Verein in insgesamt 14 Landesverbänden organisiert, „um die Interessen der Steuerzahler gegenüber dem Staat und dem Finanzamt zu vertreten“. Die Schutzvereinigung überwacht die Einnahmen- und Ausgabenpolitik der Parlamentarier und deckt Steuerverschwendung auf.
Der Bund der Steuerzahler Schleswig-Holstein e.V. repräsentiert rund 8500 Mitglieder. In ganz Deutschland hat der Bund der Steuerzahler etwa 250.000 Mitglieder.


Das Porträtbild zeigt den Autor unseres Gastbeitrages Rainer Kersten, Geschäftsführer des Vereins „Bund der Steuerzahler Schleswig-Holstein“.
(Foto: Bund der Steuerzahler Schleswig-Holstein e.V.)

Kleines Beitragsbild: Symboldarstellung „Zeitungen“ aus dem Bildangebot von Pixabay.
(Foto: kalhh/freie kommerzielle Nutzung, kein Bildnachweis erforderlich; grafische Bearbeitung mediakompakt)


Kommentare

  1. Dr-Ing.U. Hensgen | 2. April 2019 um 14:32

    Wenn, wie in diesem und dem vorhergehenden Beitrag behauptet, die Frau Verteidigungsminister oder ihre Staatssekretäre nicht richtig informiert wurden, so deutet dies auf eklatante Fehler in der Organisation hin. Organisationsfehler sind – wie z.B. in die Störfallverordnung gehandhabt – immer der Führung anzulasten und durch diese zu verantworten.

    Richtig informiert zu sein ist auch eine Holschuld!
    Ziemlich sicher sind die Arbeitsweisen und Abläufe im Marinearsenal verbesserungswürdig. Die Inspektionen, die Instandhaltung und die Instandsetzung ins BAAINBw zu überführen bedeutet, dass man vom Regen in die Traufe käme. Aber das ist der politischen Führung dieses Ministeriums vermutlich nicht so wichtig. Aktionismus und Schuldzuweisungen an andere Personen, die von dem eigenen Versagen ablenken, sind wichtiger.

    Alle Personen in der obersten Führungsebene haben einen Eid geleistet. Ich frage mich, wie ihr Handeln sich mit diesem Eid vereinbaren lässt?

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