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Berlin. „Neue Bundesländer“ – rund 28 Jahre nach der Wiedervereinigung ist der Begriff immer noch fester Bestandteil unserer Alltagssprache. Quasi ein verbaler Dauerbrenner. Schon vor neun Jahren hatte der Sprachwissenschaftler Horst Dieter Schlosser, der regelmäßig mit einer Jury das „Unwort des Jahres“ auswählt, dazu erklärt: „Der Erfolg des Ausdrucks ,neue Bundesländer‘ hat damit zu tun, dass er einigermaßen politisch korrekt ist.“ Hauptgrund für die Zählebigkeit sei allerdings unsere Bequemlichkeit. „Das mit den ,neuen Bundesländern‘ ist wie mit dem Sonnenaufgang“, so Schlosser in einem Interview mit der Deutschen Presse-Agentur im August 2009. „Den nennen wir immer noch so, obwohl seit langem klar ist, dass sich die Sonne nicht um die Erde dreht.“ Über die anachronistische Bezeichnung „neue Bundesländer“ ist übrigens vor Kurzem der Bundestagsabgeordnete Tobias Pflüger (Die Linke) gestolpert, der mehr über die Personalstruktur der Bundeswehr wissen wollte …

Pflüger – Politikwissenschaftler, Friedensaktivist, seit 2014 Stellvertretender Vorsitzender seiner Partei, bis 2009 Mitglied des Europäischen Parlaments und seit dem vergangenen Jahr Mitglied des Bundestages – fragte die Bundesregierung: „Wie hoch ist der Anteil an Rekruten und Angehörigen der Bundeswehr allgemein, die aus den neuen Bundesländern stammen?“ Dabei bat der Abgeordnete um eine „Aufschlüsselung nach einzelnen Bundesländern ab 2013“.

Am 23. Juli antwortete Peter Tauber, Parlamentarischer Staatssekretär bei der Bundesministerin der Verteidigung: „Die Bundeswehr unterscheidet mehr als 27 Jahre nach der Wiedervereinigung Deutschlands nicht zwischen ,ostdeutschen‘ und ,westdeutschen‘ Bundeswehrangehörigen. Unsere Soldatinnen und Soldaten kommen aus allen Teilen Deutschlands, um unserem Land zu dienen. Eine solche Differenzierung ist deshalb im Personalwirtschaftssystem nicht abgebildet.“ Gut so!

Quer durch alle regionalen und überregionalen Redaktionen

Dass der Marotte mit den „neuen Bundesländern“ schwer beizukommen ist, zeigt schon ein kurzer Streifzug am heutigen Tag im Internet. Da berichtet beispielsweise die Berliner Boulevardzeitung B.Z. über die aktuelle Beschäftigungsstatistik der Bundesagentur für Arbeit und schreibt: „Vollzeitbeschäftigte in Berlin verdienen im Bundesvergleich unterdurchschnittlich, aber immer noch deutlich mehr als Arbeitnehmer in den anderen neuen Bundesländern.“ Ansgar Nehls weist in der Märkischen Allgemeinen auf eine neue Studie zum Urlaub hin: „Im Ranking der reinen Urlaubstage, über die Arbeitnehmer verfügen können, belegen die neuen Bundesländer und Berlin sämtliche letzten Plätze.“

In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung erläutert Jessica Sadeler das neue Baukindergeld – auch sie kann sich von der längst hinfälligen Bezeichnung nicht trennen und meint zum Immobilienpreis in Ostdeutschland: „Überhaupt kann sich die Quote für die neuen Bundesländer sehen lassen.“ Sadelers Kollege Harald Freiberger kommt in seinem Kommentar für die Süddeutsche Zeitung zum „Geldanlage-Atlas“ ebenfalls nicht ohne den Sprachklassiker aus und analysiert: „In weiten Teilen der Republik besitzen die Bundesbürger praktisch keine Aktien oder Investmentfonds. […] Das gilt für die gesamten neuen Bundesländer, aber auch für den äußersten Westen mit dem Ruhrgebiet, der Pfalz und dem Saarland.“

Über die „ehemals neuen Bundesländern“ und einen Regierungsbeauftragten

Aber auch die, die es eigentlich wissen müssten, bezeichnen Brandenburg (plus den Sonderfall Ost-Berlin), Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen fast drei Jahrzehnte nach der Vereinigung immer noch als „neue Bundesländer“. In einem Beitrag des MDR über beliebte Biermarken aus dem Osten Deutschlands sagt Detlef Projahn, Präsident des Bundesverbandes Private Brauereien: „Heute ist der Warenstrom so, dass viele Biere nach hier rüber transportiert werden, in die neuen Bundesländer. Aber der Warenstrom in die alten Länder funktioniert nicht.“ Katja Reim, stellvertretende Chefredakteurin der Ost-Zeitschrift SUPERillu, mutmaßt in einem NDR-Interview: „Viele Phänomene, die jetzt in den neuen Bundesländern auftreten, haben auch damit zu tun, was dort nach der Wende passiert ist.“ Wie gesagt, alles Sprachbeispiele vom heutigen 2. August.

Ganz vernarrt in die altbewährte Begrifflichkeit ist offenbar der Sender n-tv. In einem Lohnvergleich der deutschen Regionen formuliert man: „Besonders auffällig ist 27 Jahre nach der deutschen Wiedervereinigung das Ost-West-Gefälle. Denn auf den letzten Plätzen [beim Einkommen] liegen ausschließlich die ehemals neuen Bundesländer.“

Ja, die „ehemals neuen Bundesländer“ – Nostalgie ist auch, was ewig hält. Und warum auch nicht? Die Bundesregierung hat ja auch noch ihren offiziellen Beauftragten „für Mittelstand und für die neuen Bundesländer“. Im März dieses Jahres wurde der Thüringer Jurist Christian Hirte neuer Ostbeauftragter der Regierung Merkel (Hirte ist zugleich Parlamentarischer Staatssekretär beim Bundesminister für Wirtschaft und Energie). Auf ein Neues …


Zu den beiden Aufnahmen:
1. Das Symbolbild für unseren Beitrag entstand am 20. Juli 2018 in Berlin im Bundesministerium der Verteidigung. Rund 350 Rekruten legten an diesem Freitag im Rahmen eines feierlichen Appells ihr Bekenntnis „Ich gelobe, der Bundesrepublik Deutschland treu zu dienen und das Recht und die Freiheit des deutschen Volkes tapfer zu verteidigen“ ab. Das Gelöbnis fand auf dem Paradeplatz des Ministeriums statt.
(Foto: Sebastian Wilke/Bundeswehr)

2. Der Bundestagsabgeordnete Tobias Pflüger (Die Linke) spricht am 21. November 2017 im Parlament zum UNMISS-Einsatz der Bundeswehr im Südsudan.
(Foto: Achim Melde/Deutscher Bundestag)


Kommentare

  1. Dr.-Ing. U. Hensgen | 5. August 2018 um 18:47

    Ist das Saarland auch ein neues Bundesland? Es war ja auch nicht von Anfang an dabei. Oder ist es ein „altes neues Bundesland“? Oder ist es vielleicht egal? Sollte es nicht langsam einmal überall egal sein?! …

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