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Nachrichten


Kabul. Die Nachrichten, die uns in diesen Tagen aus Afghanistan erreichen, sind eine Aneinanderreihung von Hoffnungslosigkeiten. Seit Jahresbeginn flohen rund 31.000 Menschen wegen der anhaltenden Kämpfe aus ihren Städten und Dörfern in andere Landesteile. Alleine in die Hauptstadt Kabul retteten sich in der ersten Märzwoche 1680 Flüchtlinge aus den Provinzen Logar, Wardak, Baghlan und Kapisa. Das berichtet OCHA, die Agentur der Vereinten Nationen zur Koordinierung humanitärer Hilfe (Office for the Coordination of Humanitarian Affairs), im aktuellen wöchentlichen Lagebericht. Zwar hatte Afghanistans Staatspräsident Ashraf Ghani den Aufständischen – allen voran den Taliban – Ende Februar Friedensverhandlungen ohne Vorbedingungen angeboten, doch bis jetzt blieben positive Antworten aus. Täglich gibt es hingegen neue Meldungen über Kämpfe und Anschläge …

Erst am Freitag (16. März) zitierte der afghanische Fernsehsender TOLOnews eine „Quelle“, die die neuesten Verlustzahlen der nationalen Sicherheitskräfte offenlegte. So sollen in den vergangenen 15 Tagen in den Provinzen Helmand, Nimroz, Farah, Kunduz, Takhar und Paktiya insgesamt 173 Regierungskräfte von den Aufständischen getötet worden sein, darunter neun Angehörige der Spezialkräfte.

Nach Auskunft eines Sprechers des afghanischen Verteidigungsministeriums gegenüber TOLOnews konzentrieren sich Operationen der Sicherheitskräfte derzeit auf die Provinzen Kunar, Parwan, Nangarhar, Ghazni, Zabul, Kandahar, Helmand, Nimroz, Farah, Badghis und Faryab.

Nächtliches Handy-Verbot in fünf Provinzen des Landes

Wie einflussreich insbesondere die Taliban im Land mittlerweile sind, zeigt bereits das nächtliche Mobilfunk-Verbot ab 18 Uhr, dass die radikal-islamische Bewegung vor Kurzem in Teilen Afghanistans verhängt hat. Ein Sprecher des Ministeriums für Kommunikation bestätigte Medienvertretern am 12. März in Kabul, dass von dem Verbot die nordafghanischen Provinzen Kunduz und Baghlan, die ostafghanischen Provinzen Ghazni und Uruzgan sowie Helmand im Süden betroffen seien.

Das Institute for War and Peace Reporting (IWPR), ein in London ansässiges internationales Netzwerk zur Förderung freier Medien, berichtete ebenfalls. IWPR-Autor Arzo Mohammadai ließ in seinem Beitrag über die Sperre Taliban-Sprecher Sabiullah Mudschahid zu Wort kommen. Dieser begründete das Vorgehen so: „Alle Telekommunikationsunternehmen wurden gewarnt, ihre Dienste während der Nacht auszusetzen, weil afghanische und internationale Sicherheitskräfte in der Vergangenheit unsere Taliban-Gruppen über ihre Mobilfunksignale aufgespürt und angegriffen haben.“

Lediglich 64 Prozent der Bevölkerung unter dem Schutz der Regierung

Die Aufständischen kontrollieren oder beeinflussen nach Angaben des afghanischen Militärs heute wieder mindestens 14,3 Prozent des Landes. Aus einer Übersicht des Generalinspekteurs des US-Senats für den Wiederaufbau in Afghanistan (Special Inspector General for Afghanistan Reconstruction, SIGAR) vom 30. Januar geht hervor, dass 64 Prozent der afghanischen Bevölkerung unter dem Schutz der Regierung leben, 12 Prozent unter der Kontrolle oder dem Einfluss der Taliban und anderer Gruppierungen. Die verbleibenden 24 Prozent lebten in den Gegenden, die umkämpft seien, schreibt SIGAR in seinem Quartalsreport „Januar 2018“ unter Berufung auf US-General John W. Nicholson, Befehlshaber der Mission „Resolute Support“ und Kommandeur der U.S. Forces Afghanistan.

In einer Ergänzung zu diesem Report finden sich dann weitere aufschlussreiche Zahlen. So hat sich die Prozentzahl der afghanischen Bezirke, die sich unter der Kontrolle oder dem Einfluss der Aufständischen befinden, seit dem Jahr 2015 verdoppelt. Die Zahl der umkämpften Bezirke ist seit dem Jahr 2015 um fast 50 Prozent gestiegen. Umgekehrt ist SIGAR zufolge die Zahl der Bezirke unter Regierungseinfluss seit 2015 um mehr als 20 Prozent gesunken.

30 Prozent aller afghanischen Bezirke nach wie vor heftig umkämpft

Die Ergänzung zum SIGAR-Quartalsreport „Januar 2018“ hält auch noch folgende Wahrheiten bereit. Wir erfahren: „Zum Stichtag 15. Oktober 2017 waren 55,8 Prozent der insgesamt 407 Bezirke in Afghanistan laut Angaben der Mission ,Resolute Support‘ dem Kontroll- und Einflussbereich der Kabuler Regierung zuzurechnen […]. 73 Bezirke dieser 407 Bezirke in 34 Provinzen wurden zum angegebenen Stichtag von der Regierung kontrolliert, 154 Bezirke standen unter Regierungseinfluss.“

Wie das Zahlenwerk der „Resolute Support Mission“ für SIGAR weiter angibt, waren zum Stichtag 15. Oktober vergangenen Jahres 13 Bezirke in Afghanistan unter direkter Kontrolle der Aufständischen, 45 lagen im Einflussbereich. Die Anzahl der umkämpften Bezirke – insgesamt 122 – ist im Vergleich zum Quartal davor gleich geblieben und macht 30 Prozent aller afghanischen Bezirke insgesamt aus.

Dem Bericht des Senders TOLOnews vom Freitag zufolge spricht das afghanische Verteidigungsministerium derzeit von nur „elf Bezirken unter Taliban-Kontrolle“. Zwölf Provinzen und mehr als 30 Bezirke sähen sich „mit hohen Sicherheitsbedrohungen“ konfrontiert.


Unser Hintergrundbild zeigt Spezialkräfte der afghanischen Armee im Dezember 2017 während einer Militäroperation in der Kunduz-Provinz. Die Grafik listet die Gebiete auf, die zum Stichtag 26. September 2017 entweder unter Regierungskontrolle oder unter Kontrolle der Aufständischen beziehungsweise umkämpft waren.
(Foto: Sean Carnes/U.S. Air Force;
Infografik-Datenquelle FDD’s Long War Journal; Infografik © mediakompakt 03.18)

Kleines Beitragsbild: Taliban-Kämpfer nach einem Angriff auf einen Militärposten in der südafghanischen Provinz Kandahar im Juli 2017.
(Videostandbild: Quelle Website al-Emara)


Kommentare

  1. Heidi Muehlboeck | 28. März 2018 um 05:18

    Und manche Politiker meinen, dort gäbe es ohnehin keinen Krieg mehr …

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