menu +

Nachrichten



Kabul (Afghanistan). Die Männer sind gekleidet wie Kämpfer der Terrorbewegung „Islamischer Staat“ (IS), sie verstecken ihre Gesichter hinter schwarzen Masken, ihre Bewaffnung – darunter Maschinengewehre und Panzerfäuste – ist Furcht einflößend. Über ihrem Trainingscamp wehen schwarze Flaggen. So beschrieben vor wenigen Tagen Augenzeugen in der westafghanischen Provinz Farah Indizien, die auf eine Ankunft der IS-Terrorideologie im Land am Hindukusch hindeuten. Es scheint, als habe das Gift aus Syrien und Irak schleichend nun auch Afghanistan erreicht. Noch vor gut einem halben Jahr hatte sich die NATO in Brüssel bedeckt gehalten und mögliche Aktivitäten in Afghanistan unter dem Banner des „Islamischen Staates“ mit der Bemerkung „kein Thema“ abgetan. Im Hauptquartier der Koalitionstruppen in Kabul hatte man ebenfalls mit den Schultern gezuckt – es gebe keine Beweise für eine Verbindung zwischen dem IS und afghanischen Aufständischen. Auch die afghanische Regierung hatte lange von einer Bedrohung durch den IS im eigenen Land nichts wissen wollen. Dies hat sich mittlerweile geändert.

Dass die Terrormiliz „Islamischer Staat“ auch in Afghanistan andocken würde, hielt der außenpolitische Sprecher der Unionsfraktion, Philipp Mißfelder, bereits im September vergangenen Jahres für möglich, ja für wahrscheinlich. Er sagte damals dem Berliner Tagesspiegel: „Die Gefahr einer Ausbreitung von IS auf weitere Teile der Welt darf nicht kleingeredet werden. Gerade im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet sollen in der vergangenen Zeit verstärkt Kämpfer für den IS rekrutiert worden sein. Im geplanten Abzug der Truppen aus Afghanistan sehen sicherlich einige ihre Chance, ein Kalifat oder die Herrschaft der Taliban erneut zu errichten.“

Die Realität wird inzwischen auch multimedial dokumentiert. Der internationale Nachrichtenkanal VICE News präsentierte am 13. Januar ein Video, in dem ehemalige Taliban-Kämpfer aus Afghanistan und Pakistan jetzt ihren Eid auf den IS-Führer und selbst ernannten „Kalifen des Islamischen Staates im Irak und in Syrien“, Abu Bakr al-Baghdadi, ablegen. Im Mittelpunkt des Videos stehen unter anderem Hafez Sayed Khan Orakzai, früherer Kommandeur der Tehreek-e-Taliban Pakistan (TTP), und Shahidullah Shahid, ein früherer TTP-Sprecher.

Möglicherweise nur ein „Rebranding“ unter dem Banner des IS

Der Journalist und Afghanistan-Experte Anand Gopal, der unter anderem als Korrespondent für das Wall Street Journal in Kabul gearbeitet und auch für verschiedene andere Medien über den Nahen Osten und Südasien berichtet hat, nahm gegenüber VICE News zu den IS-Auftritten in Afghanistan Stellung.

Man müsse Berichte über die Terrororganisation „Islamischer Staat“ in Afghanistan mit Vorsicht genießen, rät Gopal. Zum einen ließe sich im Land kaum eine Historie ausländischer Islamistengruppen finden. Zum anderen neigten afghanische Regierungsstellen dazu, die IS-Karte auszuspielen, um die Aufmerksamkeit des Westens auf diese vermeintliche Bedrohung zu lenken. „Vor diesem Hintergrund scheint es mir so zu sein, als würden lediglich einige enttäuschte Taliban-Kämpfer einfach einen Neustart – ein Rebranding – unter der Flagge des IS wagen.“ Bis jetzt zumindest gebe es noch keinen Beweis für eine wirkliche operative Verbindung zwischen derartigen Gruppierungen in Afghanistan und der Terrormiliz „Islamischer Staat“, meint Gopal, der als einer der wenigen ausländischen Journalisten auch im Lager der Taliban – „embedded“ – über den Krieg am Hindukusch recherchieren und berichten konnte.

IS-Trainingscamp in Farah bereits im Visier der Sicherheitskräfte

Die Augenzeugenberichte über eine IS-Präsenz in Farah im Westen des Landes werden bestätigt von Abdul Khaliq Noorzai, Polizeichef des Distriktes Khak-e Safed. Ihn zitierte die afghanische Nachrichtenagentur Pajhwok Afghan News (PAN) Anfang Januar wie folgt: „Die Kämpfer, etwa 80 an der Zahl, sind vor rund 20 Tagen plötzlich hier im Distrikt aufgetaucht. Zu der Gruppe gehören einige Fremde, die wie Araber gekleidet sind und eine fremde Sprache sprechen. Auch Taliban-Kämpfer haben sich angeschlossen. Die Gruppe hat in der verlassenen Ortschaft Salimabad nahe der Berge ein Ausbildungslager für Rekruten errichtet. Sie wird angeführt von zwei Brüdern, Mualvi Abdul Malik und Mualvi Abdul Raziq, beide frühere Taliban-Kommandeure in herausgehobener Position.“

Dadullah Qani, Mitglied des Provinzrates von Farah, ergänzte gegenüber PAN die Informationen. Die beiden Brüder seien einmal wichtige Taliban-Kommandeure gewesen, von der Bewegung jedoch „abgelehnt und ausgeschlossen“ worden. Der Ältere, Abdul Malik, sei danach für längere Zeit von der Bildfläche verschwunden und habe dabei wohl auch seine Kontakte zum IS geknüpft.

Hochrangige afghanische Militärs bestätigen IS-Aktivitäten im Süden und Westen

Nicht nur aus Farah kommen derartige Nachrichten. Auch andere afghanische Provinzen melden schwarze IS-Fahnen und Rekrutierungsversuche der Terrormiliz. Generalleutnant Murad Ali Murad, Befehlshaber der Bodentruppen der afghanischen Streitkräfte, räumte vor Kurzem die Existenz von IS-Kämpfern in Afghanistan ein. In einem Statement gegenüber dem nationalen Nachrichtensender TOLOnews sprach der General von Aktivitäten des „Islamischen Staates“ und einheimischer Unterstützer in den Provinzen Nimroz, Helmand und Zabul. Generalmajor Taj Mohammad Jahid, Kommandeur des 207. Korps der afghanischen Armee, berichtete gegenüber TOLOnews von „Bewaffneten in schwarzer Kleidung und mit IS-Flagge“, die im Bereich der Provinzgrenze zwischen Farah und Helmand gesichtet worden seien.

Mehrere US-Medien – darunter beispielsweise die Tageszeitung Washington Post oder der Nachrichtensender CBS News – widmeten Mitte Januar längere Beiträge einem früheren Taliban-Kommandeur und Guantánamo-Häftling, der nun in Afghanistan für den IS werben und in der Südprovinz Helmand einen Trupp dieser Terrormilizionäre befehligen würde. Sein Name: Mullah Abdul Rauf.

Schwarze Fahnen der Terrormiliz verdrängten die weißen Fahnen der Taliban

Bewohner verschiedener Bezirke Helmands berichteten, Mullah Rauf habe dort in den vergangenen Wochen Kämpfer rekrutiert. Dazu sagte Brigadegeneral Mahmood Khan, Stellvertreter des Kommandeurs des 215. Korps der afghanischen Armee, der Presseagentur Associated Press (AP): „Mehrere Stammesführer, Dschihadisten-Kommandeure und Religionsgelehrte haben mich kontaktiert, um mir zu sagen, dass Mullah Rauf versucht habe sie anzuwerben.“ Die Taliban, die Teile Helmands kontrollieren, hätten dies jedoch untersagt.

Von Kämpfen zwischen der IS-Gruppe und den Taliban berichtet Saifullah Sanginwal, ein Stammesführer aus dem Helmand-Distrikt Sangin. Dabei habe es rund 20 Tote gegeben. Mullah Rauf habe zudem „schwarze Flaggen hissen und in einigen Gegenden die weißen Taliban-Fahnen niederholen“ lassen.

Während der Herrschaft der Taliban in Afghanistan von 1996 bis 2001 soll Mullah Abdul Rauf Korpskommandeur gewesen sein. Dies erfuhr AP von Amir Mohammad Akhunzadah, Gouverneur der Provinz Nimroz. Rauf sei nach der Invasion des Landes durch die USA gefasst und jahrelang im Guantánamo inhaftiert worden. 2007 habe er nach Afghanistan zurückkehren dürfen. Die Taliban hätten ihn danach seiner früheren Stellung innerhalb der Bewegung enthoben.

Mit den deutlichen Signalen der Terrormiliz „Islamischer Staat“ und möglichen Gefolgschaften innerhalb Afghanistans befasst sich auch „Triple Canopy“. Das im Jahr 2003 gegründete US-Unternehmen der privaten Sicherheits- und Militärbranche (Hauptsitz Herndon, Virginia) führt in seiner aktuellen Risikoanalyse für Afghanistan (Zeitraum 8. bis 14. Januar 2015) beide IS-Brennpunkte auf, über die wir in unserem Beitrag berichten: das Trainingscamp im Farah-Distrikt Khak-e Safed und die Rauf-Aktivitäten in der Helmand-Provinz.

NATO beobachtet Sogwirkung der IS-Propaganda auf afghanische Jugend

Noch hält sich das Innenministerium der Islamischen Republik Afghanistan mit Eingeständnissen einer möglichen Existenz der Terrormiliz „Islamischer Staat“ im eigenen Land zurück. Von Sediq Seddiqi, dem Sprecher des Ministeriums, gab es am 15. Januar lediglich eine wachsweiche Bewertung der Lage. Die gesichteten Militanten in schwarzer Montur unter schwarzer IS-Flagge seien lediglich Angehörige der Taliban oder des Haqqani-Netzwerkes, die sich von einer solchen Neupräsentation mehr Zulauf erhofften. Der Ministeriumssprecher beruhigte: „Unsere Geheimdienstinformationen zeigen klar, dass diese Taliban- und Haqqani-Kämpfer jetzt nur unter anderem Markenzeichen aktiv sind. Die Bevölkerung sollte sich nicht verunsichern lassen. Und Jugendliche sollten die Botschaften dieser Gruppen völlig ignorieren.“

Trotz solcher Beschwichtigungen ist die NATO gewarnt. In Brüssel diskutiert man die Auswirkungen der IS-Hysterie auch auf die Jugend in Afghanistan und fürchtet, dass die neue Propaganda auch am Hindukusch dazu führen könnte, dass noch mehr junge Männer dem IS in die Arme laufen.

Bislang nur Bruchstücke der ganzen Wahrheit entdecken können

Der Oberbefehlshaber der NATO-geführten „Resolute Support Mission“ in Afghanistan, US-General John F. Campbell, forderte erst kürzlich von den afghanischen Sicherheitskräften und auch von den USA, den Druck auf neu in Afghanistan auftauchende Terrorgruppierungen zu erhöhen. Ansonsten könnte das Land eines Tages wieder zu einem sicheren Zufluchtsort für Terroristen werden.

In einem Interview mit der militärischen Wochenzeitung Army Times sagte Campbell zum Thema „Islamischer Staat“, man habe Berichte über einige Anwerbungsversuche in Afghanistan und auch in Pakistan erhalten. Allerdings tue sich der IS in Afghanistan äußerst schwer damit, sich entsprechend zu verkaufen. „Die Taliban haben Mullah Omar die Treue geschworen und zudem eine völlig andere Philosophie und Ideologie als der IS“, erklärte der General weiter. „Dennoch gibt es Kämpfer, die sich mit den Taliban überworfen haben – sie haben Mullah Omar über Jahre hinweg nicht gesehen oder wollen einfach jetzt nur einen anderen Weg gehen. Diese Leute sind empfänglich für die Botschaft des IS. Das ist es, worauf wir künftig verstärkt achten müssen.“

Der Commander schloss seine Bewertung mit einer Zwischenbilanz. Man habe von der drohenden Infiltration Afghanistans durch Kämpfer des „Islamischen Staates“ bislang nur bruchstückweise erfahren. Aber man unternehme große Anstrengungen, um der ganzen Wahrheit auf den Grund zu kommen. „Ich habe diese Recherchen zu einer nachrichtendienstlichen Hauptaufgabe für meinen Stab gemacht. Der endgültige Beweis für eine Existenz des IS als Organisation in Afghanistan konnte bis jetzt allerdings noch nicht erbracht werden.“

Solidaritätsbekundung für die afghanischen Sicherheitskräfte

Aus dem Umfeld von Afghanistans Staatspräsident Ashraf Ghani war zu hören, dass dieser sich ebenfalls mit möglichen Bedrohungen durch die Terrormiliz „Islamischer Staat“ befasst. Die Regierung Ghani geht derzeit von etwa 3000 afghanischen Freiwilligen aus, die sich dem IS in Syrien und Irak angeschlossen haben. Ihre Rückkehr könnte zu einem echten Problem für das Land werden.

Die Position der afghanischen Sicherheitskräfte ist in diesen Tagen übrigens noch einmal maßgeblich gestärkt worden. Das höchste religiöse Gremium des Landes, der nationale afghanische Religionsrat (Ulema-Rat), versicherte den Polizei- und Militärangehörigen seine uneingeschränkte Solidarität. Rajab Ali Rashid, ein Mitglied des Rates, wird von TOLOnews mit den Worten zitiert: „Afghanistans Religionsführer unterstützen unsere Sicherheitskräfte, weil nur diese die Unabhängigkeit und Unversehrtheit des Landes garantieren können.“


Zu unserem Bildangebot:
1. Zahlreiche afghanische Augenzeugen bestätigten bereits das Auftreten militanter Gruppierungen im Land unter der schwarzen Flagge der Terrorbewegung „Islamischer Staat“.
(Foto: amk)

2. Das Hintergrundbild der Infografik entstand im Sommer 2009 bei einer Operation von Spezialkräften im Raum der Ortschaft Kajaki in der Helmand-Provinz.
(Foto: Ryan Whitney/U.S. Air Force)

3. Szene aus dem Video „Afghanische und pakistanische Taliban legen den Treueeid auf IS-Führer Abu Bakr al Baghdadi ab“. Das Video wurde von VICE News erstmals Mitte Januar 2015 präsentiert.
(Videostandbild: Video VICE News)

4. Generalleutnant Murad Ali Murad, Befehlshaber der Bodentruppen der afghanischen Streitkräfte, räumte vor Kurzem die Existenz von IS-Kämpfern in den Provinzen Nimroz, Helmand und Zabul ein.
(Foto: Lieutenant General Murad Ali Murad bei Facebook/Reza Sahel)

5. General John F. Campbell, Commander „Resolute Support“ and U.S. Forces-Afghanistan, nahm am 19. Januar 2015 in einem Interview mit der Militärzeitung Army Times auch Stellung zu dem Thema „IS-Aktivitäten in Afghanistan“.
(Foto: General John F. Campbell bei Facebook/U.S. Army)


Kommentieren

Bitte beantworten Sie die Frage. Dies ist ein Schutz der Seite vor ungewollten Spam-Beiträgen. Vielen Dank *

OBEN