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Bonn. Vor 100 Jahren begann der Erste Weltkrieg, vor 75 Jahren der Zweite Weltkrieg, vor 25 Jahren fiel die Mauer – 2014 ist ein ganz besonderes Jahr mit historisch denkwürdigen Momenten. Anlass für den Sender phoenix, sich in der Vorwoche des Jahrestages des deutschen Überfalls auf Polen mit dem Themenkreis „Krieg & Frieden“ zu befassen. Im Programmzeitraum 25. August (Montag) bis 31. August (Sonntag) wurden dabei vergangene und aktuelle Waffengänge aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchtet – in einem Werkstattgespräch, in der phoenix-Runde und mit preisgekrönten Dokumentationen. Das Projekt endet am heutigen Sonntag mit dem Schwerpunkt „Zweiter Weltkrieg“.

Der Zweite Weltkrieg ist das dunkelste Kapitel deutscher Geschichte. Kein Ereignis hat unsere und Europas Geschichte so nachhaltig beeinflusst. Mutwillig haben die Deutschen diesen Krieg in Kauf genommen, und mehr als sechs Millionen Juden in Konzentrationslagern ermordet. Deutschland hat am Ende den Krieg verloren und war ein verachtetes Land.

Es war ein langer Weg vom Ende des Zweiten Weltkriegs – und einem moralisch und faktisch zerstörten Deutschland – hin zu einer funktionierenden und international anerkannten wie geachteten Demokratie. Guido Knopp analysiert zum Auftakt des Thementages in „History Live“ ab 13 Uhr gemeinsam mit dem Historiker Sönke Neitzel (London School of Economics), dem Militärhistoriker Rolf-Dieter Müller und der ehemaligen Bundestagsvizepräsidentin Antje Vollmer (Bündnis 90/Die Grünen) die Ursachen und die Folgen dieses Krieges, die in Europa bis heute nachwirken.

Ein gewaltiges Bildtableau des Schreckens

Am Samstagabend (30. August) strahlte phoenix bereits die dreiteilige Dokumentation „Der Krieg“ von Isabelle Clarke und Daniel Costelle (NDR/2010) aus. Am heutigen Sonntag wird das Werk ab 14 Uhr erneut gezeigt. Der Arbeit von Clarke und Costelle begleitet chronologisch den Zweiten Weltkrieg von seinem Beginn 1939 bis zum Ende 1945 auf allen Schauplätzen in Europa, Afrika und Asien.

Thorsten Dörting schrieb im März 2010 nach der damaligen ARD-Ausstrahlung in seiner Rezension für das Nachrichtenmagazin Der Spiegel: Die französische Produktion „zeigt ausnahmslos bewegte, aufwendig nachkolorierte Filmaufnahmen. Viele davon waren bisher unveröffentlicht und wurden jetzt unterlegt mit einem wuchtigen Soundtrack sowie den Kommentaren zweier Erzähler aus dem Off. Ansonsten kommt das Werk aber eher old school daher, als klassischer Kompilationsfilm. Die Macher enthielten sich sogenannter szenischer Rekonstruktionen (also mit Schauspielern), setzten keine Computergimmicks ein, Experten kommen keine zu Wort, und auch keine Zeitzeugen […]. Auf eine biografische Erzählform, deren emphatische Haltung oft das analytische Verständnis zukleistert, verzichtet der Film.“

Dörting bezeichnete 2010 die spektakulär kolorierte Doku „Der Krieg“ als ein „gewaltiges Bildertableau des Schreckens“. Der Dreiteiler vermittele seine simple Botschaft zwar nicht immer sauber – aber stets effektiv: „So nie wieder Krieg!“

Wie ein kontinentaler Krieg zum globalen Flächenbrand wurde

Teil 1 „Hitlers Angriff in Europa“ zeigt den scheinbar unaufhaltsamen Vormarsch der deutschen Wehrmacht und eine zuvor nicht gekannte Folge von Siegen auf dem europäischen Kontinent, die erst mit der Niederlage in der Luftschlacht um England gestoppt werden konnte.

Der zweite Teil „Die Welt in Flammen“ befasst sich – neben Ubootkrieg, Nordafrikafeldzug und Krieg auf dem Balkan – vor allem mit dem Überfall Hitlers auf Russland und dem Vormarsch der deutschen Truppen bis nach Moskau, Leningrad, Kiew und Stalingrad. Mit der Attacke Japans auf den US-Marinestützpunkt Pearl Harbor weitet sich der kontinentale Krieg zu einem Weltkrieg aus. Noch sind Deutschland und Japan siegreich in Europa und im Pazifik, doch das Blatt beginnt sich allmählich zu wenden: Die Rote Armee leistet anhaltenden, erbitterten Widerstand. Die USA schlagen ebenfalls zurück und rüsten massiv auf, Großbritannien hält durch.

Von Stalingrad bis zu den Ruinen des Berliner Reichstages

Im letzten Teil, dem Kapitel „Sieg und Niederlage“ der Dokumentation von Clarke und Costelle, stehen die deutsche Niederlage bei Stalingrad, die Rückzugsgefechte in Russland und Nordafrika sowie der Vormarsch der Alliierten an allen Fronten im Mittelpunkt. Während sich im Pazifik US-Marineinfanteristen von Insel zu Insel dem japanischen Kernland nähern, kommt es in der Normandie zur gigantischen alliierten Invasion, die nach heftigen Kämpfen zur Befreiung Frankreichs führt. Im Westen wie im Osten Europas wird die Wehrmacht zurückgedrängt; Deutschlands Städte fallen unter alliiertem Luftbombardement in Schutt und Asche. Winston Churchill, Franklin D. Roosevelt und Josef Stalin zeichnen die europäische Landkarte im Februar 1945 neu.

Am 8. Mai 1945 kapituliert Deutschland bedingungslos, nachdem der Diktator sich das Leben genommen hat. Die USA zwingen nach mörderischen Schlachten im Pazifik Japan zu verzweifelten letzten Attacken. Das Land gibt schließlich auf, als die ersten beiden Atombomben der Weltgeschichte Hiroshima und Nagasaki verwüsten. Mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs haben sich auch die globalen Kräfteverhältnisse entscheidend geändert.

Kriegsverbrecher, Mitläufer und Persilscheine

„Schatten der Vergangenheit“ ist der dritte Teil der vierteiligen Dokumentationsreihe „Damals nach dem Krieg“, die der MDR erstmals im Jahr 2008 ausgestrahlt hat. In diesem Teil, den phoenix im Rahmen des Thementages „Zweiter Weltkrieg“ ab 16.15 Uhr zeigen wird, geht es um die Nürnberger Prozesse und die Nachfolgeprozesse, in denen zahlreiche Kriegsverbrecher abgeurteilt werden.

Doch was ist mit den Millionen Mitläufern in den Jahren der Naziherrschaft? Wer ist schuldig, wer nicht? Die Westmächte verteilen Fragebögen, in denen jeder Deutsche angeben muss, was er vor 1945 getan hat. Doch das Verfahren bleibt auf halbem Wege stecken, ist zu bürokratisch. Und viele Deutsche waschen sich durch „Persilscheine“ rein.

Als der Russlandfeldzug längst beschlossene Sache war

Um 19.30 Uhr startet der Zweiteiler „Unsere Mütter, unsere Väter“ (ZDF/2013). Fast sieben Jahrzehnte sind heute seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges vergangen, fast ein Menschenleben. Nicht mehr lange wird es die Chance geben, Zeitzeugen in unseren Familien befragen zu können. Die Dokumentation erzählt das Schicksal von fünf Menschen, die den Zweiten Weltkrieg hautnah erleben mussten.

Teil 1 der Dokumentation von Peter Hartl und Annette von der Heyde, der den Titel „Eine andere Zeit“ trägt, blendet zurück in den Sommer des Jahres 1941. Fast zwei Jahre sind vergangen, seit die deutsche Wehrmacht das Nachbarland Polen überfallen und besetzt hat. Ein weiterer Jahrgang erhält jetzt seine Einberufung zum Kriegseinsatz. Luftschutzübungen werden abgehalten, junge Frauen zu Krankenschwestern ausgebildet, Rekruten geschliffen. Was kaum jemand ahnt: Der Krieg gegen die Sowjetunion ist längst beschlossene Sache. Am frühen Morgen des 22. Juni 1941 überqueren schließlich auf einer Breite von 1600 Kilometern über dreieinhalb Millionen deutsche und verbündete Soldaten die Grenze zur Sowjetunion. Es ist der größte Truppenaufmarsch der Kriegsgeschichte.

Das Vermächtnis einer ganzen Kriegsgeneration

„Eine andere Zeit“ zeigt diesen Feldzug aus Sicht der unmittelbar Beteiligten. Ehemalige Frontsoldaten, eine Feldlazarettschwester, eine Schauspielerin und ein von der Deportation bedrohter Jude berichten von ihren tief prägenden Erlebnissen, ihren Hoffnungen und Ängsten.

Die Dokumentation erhellt die historischen Hintergründe der zuvor gezeigten Spielhandlung: Welchen Eindruck machte es auf die deutschen Soldaten, als sie nach dem Überfall auf die Sowjetunion mancherorts mit offenen Armen als Befreier empfangen wurden? Warum haben sich junge Frauen freiwillig zum Dienst in den Lazaretten an der Ostfront gemeldet? Was war der Kommissarbefehl? Wie erlebten die jungen Soldaten den Massenmord an den Juden in den von der Wehrmacht besetzten Gebieten? Betrachteten sie die gefangenen russischen Soldaten auch als Untermenschen, wie es ihnen die Propaganda der Nationalsozialisten eintrichterte?

„Unsere Mütter, unsere Väter“ ist das Vermächtnis einer Generation, die ihre Erfahrungen in einer tief umwälzenden Zeit an die Kinder und Enkel weitergeben.

Mit dem Mut der Verzweiflung – kämpfen oder desertieren?

Teil 2 „Ein anderes Land“ berichtet von der Offensive der Roten Armee, die der deutschen Wehrmacht und ihren Soldaten übel zugesetzt hat. In Moskau werden die deutschen Stalingrad-Gefangenen zur Schau gestellt. Bei denen, die noch in deutscher Uniform „für Führer, Volk und Vaterland“ kämpfen, wächst die Angst, dass sie bald das Schicksal ihrer Kameraden teilen könnten. Einige beschließen, mit dem Mut der Verzweiflung zu desertieren – trotz drakonischer Strafen. Auch, weil sie die Verbrechen hinter der Front nicht länger mitmachen wollen.

Was nun dachten diejenigen, die desertierten? Was ließ die anderen weiterkämpfen?
Darüber berichten auch in diesem Teil der Dokumentation Augenzeugen. Viele Deserteure werden zum Tode verurteilt, manche in ein sogenanntes „Strafbataillon“ überstellt. Dort erwarten sie sogenannte „Himmelfahrtkommandos“. Für Soldaten der Strafbataillone haben die eigenen Kommandeure kein Mitleid. Doch ein Überlaufen zu den Sowjets kommt selbst für diese Soldaten kaum infrage. Zu groß ist die Angst vor russischer Kriegsgefangenschaft.

Die Rote Armee hingegen kannte 1944 nur noch ein Ziel: Berlin! Wie der Krieg, der von Deutschland ausging, hier in der deutschen Haupstadt sein Ende fand, auch darüber erzählen Augenzeugen am Ende dieser Dokumentation.

Das Leid der Besiegten und die Freude der Sieger

Der Thementag neigt sich ab 21. 45 Uhr mit dem Film von Knut Weinrich „Der Überfall – Deutschlands Krieg gegen Polen“ allmählich seinem Ende entgegen. Der NDR nahm 2009 den 70. Jahrestag des deutschen Angriffs auf das Nachbarland zum Anlass für diese tiefgründige historische Betrachtung. Im Zentrum stehen dabei nicht Militärgeschichte, Strategien oder Analysen, sondern das Erleben der Menschen auf beiden Seiten – Soldaten und Zivilisten. Ein in jeder Hinsicht bewegender Film, denn die Erinnerungen könnten nicht unterschiedlicher sein: größtes Leid auf der einen Seite, Gleichgültigkeit oder aber Siegesfreude auf der anderen.

Zwei Thesen verfolgt die Arbeit, die wissenschaftlich unterstützt worden ist von Jochen Böhler, Historiker am Deutschen Historischen Institut in Warschau. Sie zeigt, dass bereits dieser Krieg gegen Polen ein planmäßiger Vernichtungskrieg war. Und sie zeigt, dass Polen von seinen Verbündeten Frankreich und Großbritannien schändlich im Stich gelassen wurde.


Randnotiz                                  

Krieg & Frieden – eine phoenix-Themenwoche von Montag (25. August) bis Sonntag (31. August 2014).
Sonntag, 31. August, Themenschwerpunkt „Zum Beginn des Zweiten Weltkriegs vor 75 Jahren“:
13.00 Uhr | tagesübergreifende Diskussionsrunde „History Live“ mit Guido Knopp und Gästen
14.00 Uhr | „Der Krieg“ (Folge 1 „Hitlers Angriff in Europa“)
14.45 Uhr | „Der Krieg“ (Folge 2 „Die Welt in Flammen“)
15.30 Uhr | „Der Krieg“ (Folge 3 „Sieg und Niederlage“)
16.15 Uhr | „Damals nach dem Krieg – Schatten der Vergangenheit“
19.30 Uhr | „Unsere Mütter, unsere Väter“ (Teil 1 „Eine andere Zeit“)
20.15 Uhr | „Unsere Mütter, unsere Väter“ (Teil 2 „Ein anderes Land“)
21.45 Uhr | „Der Überfall – Deutschlands Krieg gegen Polen“
Wiederholung der Dokumentation „Unsere Mütter, unsere Väter“ am Montag, 1. September:
01.00 Uhr | Teil 1 „Eine andere Zeit“
07.30 Uhr | Teil 1 „Eine andere Zeit“
18.30 Uhr | Teil 1 „Eine andere Zeit“
und
01.45 Uhr | Teil 2 „Ein anderes Land“
– 08.15 Uhr | Teil 2 „Ein anderes Land“
19.15 Uhr | Teil 2 „Ein anderes Land“
Alle Angaben ohne Gewähr.


Zu unserem Bildangebot:
1. Polenfeldzug – deutsche Truppen auf dem Vormarsch.
(Foto: Franz Schall/phoenix/ARD)

2. September 1939, deutsche Soldaten in einer Gefechtspause in Polen.
(Foto: Franz Schall/phoenix/ARD)

3. Diskussionsrunde „History Live“ mit (von links) dem Historiker Sönke Neitzel, Guido Knopp, dem Militärhistoriker Rolf-Dieter Müller und der ehemaligen Bundestagsvizepräsidentin Antje Vollmer von Bündnis 90/Die Grünen.
(Foto: Ingo Firley/phoenix)

4. Großbritannien mobilisiert Truppen.
(Foto: phoenix/ARD)

5. Opfer des gnadenlosen Ubootkrieges.
(Foto: phoenix/ARD)

6. Nach der endgültigen Kapitulation am 2. Februar 1943 in Stalingrad gehen die Reste der geschlagenen 6. deutschen Armee in russische Kriegsgefangenschaft.
(Foto: phoenix/ARD)

7. Deutschland liegt in Trümmern.
(Foto: phoenix/ARD)

8. Rotarmisten feiern in Berlin den Sieg über Nazideutschland.
(Foto: phoenix/ARD)


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